Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 5 (31.1.1902)
- Date
- 1902-01-31
- Page
- Seite 52 (sequence 6)
- Language
- German
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52 hier sind und bedenkt, daß die Inden in Südafrika ihr Blut für Euch vergießen. Auch haben sie in London eine „JünglingSbrigade" errichtet, um künftige Soldaten für England zu erziehen." Redner vertheidigt darauf seine Stellungnahme gegen die Fremden, da dieselbe mit seinem Iudenthum nichts zu thun habe. Die Versammlung hörte ihn kühl an und verweigerte ihm den allen übrigen Rednern des Abends reichlich gezollten Beifall. * Daß die Lage des Judenthmus in Amerika durchaus nicht eine so rosige ist, wie man nach den von dort kommenden Berichterl gemeinhin anzunehmen Pflegt, zeigt uns der folgende Schluß aus einem Jahresrückblick, den Reverend Emil G. Hirsch, bekanntlich einer der geistvollen Männer des amerikanischen Judenthums, letzthin veröffentlicht hat. Dort heißt es: Der Konservatismus wird bald in der Lage sein, zur Nachgiebigkeit in seinen Verordnungen betreffend der Prediger gezwungen zu werden. Das jüdische Studentenleben wird sich unter dem Einfluß des hierher berufenen Professors Schechter mächtig entwickeln. Die immer mehr wachsenden sozialen Schwierigkeiten werden die Lage des Ghetto zu einer drückenden! gestalten und die Flamme des Zionismus entfachen. Das jüdische Frauenkonzil wird fortfahren, sich in einen sozialen Klnb zn verwandeln und durch Vorlesungen von Essays mit philanthropischen Problemen zu spielen, während die Synagogen mehr und mehr „verweiblicht" werden. Eine Anzahl Männer deutscher Schule will gegen die Ziele dieser neuen Bewegung austreten und in eindringlicher Weise die breiten Prinzipien des reformirten Judenthmus verkünden. Aber sie werden nicht viele Anhänger finden, denn nur eine oder die andere Vereinigung wird sie auf der Kanzel dulden. Mit dem Aussterben der deutschen Nefornweteranen wird die neue Lehre des sanften und lichtvollen Glaubens alsdann, vornehm und zeitgemäß und dem Geschmack der Führer entsprechend, gefordert werden. Das ist das Ende der wissenschaftlichen Reform, und der Beginn der Herrschaft des fanatischen Judaismus. Die Klubs werden die Juden unter einander Zusammenhalten, und das lächerliche Vorurtheil gegen dieselben werden sie in die Acht erklären, dafür aber die Vermischung mit anderen Elementen der Gesellschaft verhindern. Die Witzblätter werden nach wie vor die Juden karikiren und sie herabsetzen, der soziale Antisemitismus wird nicht schwinden und daher wird es der Synagoge in Amerika niemals all Unterstützung fehlen. Der beste Weg, das Judenthum zu erhalten, ist der, es zu verfolgen, Das haben die närrischen Judenhasser hier sowohl wie in anderen Ländern noch zu lernen." Wenn wir auch glauben, daß diese Betrachtung etwas stark pessimistisch gefärbt ist, so wird man ihr doch in Hinblick auf verschiedene Vorkommnisse eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können. Aie gegenwärtige Stellung der Israeliten in Bayern. Ein Epilog zu den Landtagsverhandlungen vom 14. November 1901 bis 13. Januar 1902. II. m 29. November v. I. gelangte bekanntlich in der Kammer der Abgeordneten der modifizirte Antrag Heim zur Erörterung, den sogar die halboffiziöse „Augsburger Abendzeitung" als einen „betreffend Einschränkung der Anstellung von israelitischen Richtern" bezeichnet», wobei sie hinzusügte: „So dürfen wir wohl den Antrag bezeichnen, denn, wenn er nicht eine Einschränkung der Anstellung der jüdischen Richter für jetzt bezweckt, so ist er nach den Erklärungen, die der Justizminister schon im Ausschuss und heute abgegeben hat, gegenstandslos." Der Justizminister Freiherr v. Leonrod, ein ziemlich unpolitischer (etwa freikonservativer) bejahrter Beamtenminister, Bruder des Bischofs von Eichstätt, erklärte, auf ein bestimmtes Prozentverhältnis; jüdischer Richterbeamten könne er sich angesichts der klaren Bestimmungen der Versaffung und des Reichsgesetzes von 1869 nicht verpflichten; er verkenne jedoch nicht, das; in mancher Beziehung die Wirksamkeit eines jüdischen Richterbeamten infolge der Stimmung der Bevölkerung Schwierigkeiten biete, und er werde daher innerhalb des Rahmens der Gesetze bestrebt sein, der Tendenz des Antrags, welche von der einmal vorhandenen Volksstimmung ausgeht, soweit als möglich Rechnung zu tragen. Dazu kommentirt die „Augsburger Abendzeitung": „Der Zweck des Antrags Dr. Heim war also lediglich ein agitatorischer." Seitens der „Liberalen Vereinigung" (Gesammtsraktion von liberal schillernden Freikonservativen bis zur Deutschfreisinnigen Volkspartei), als deren Redner der Bayreuther Bürgermeister Dr. Casselmann auftrat, sowie seitens der Sozialdemokraten und des Demokraten Köhl wurde der Antrag grundsätzlich bekämpft. Dr. Casselmann, der das gleiche Recht aller Staatsbürger ohne Unterschied des Glaubens energisch betonte, wies auch darauf hin, das; es, sobald man dem Anträge stattgebe, nicht lange anstehen werde, bis in dem zu Zweidrittel katholischen Bayern beantragt werde, daß auch die Protestanten lediglich nach dem Kontingent der protestantischen Bevölkerungszahl zu Staatsstellungen zugelassen würden, ein Verlangen, das ja ähnlich im Landtage schon vor einigen Jahren geäußert worden sei. Die Redner der nltraagrarische», stark antisemitisch durchsetzten „Freien Vereinigung", Hilpert und Beckh, gingen in ihren Ausführungen, besser Ausfällen, viel weiter'als ihr Mentor Dr. Heim, der mephistophelisch sie hinter den Kulissen an den Drähten zog. Der Metzgermeister Hilpert, der ja auch im deutschen Reichstage bei jedem unmöglichen Anlasse die „Judenfrage" anschneidet.machte sich einer argen Rohheit schuldig, indem er sich mit Bezug auf den im Saale anwesenden 76jährigen Abgeordneten Löwenstein estnisch äußerte: „Wenn alle Juden so alt wären wie der Kollege Löwenstein, dann würden wir bald davon befreit sein!" Der Antragsteller Heim legte sich in der Begründung schlau einige Reserve auf, um seinem Fraktionsvorstand Daller, der im Ausschüsse den Antrag durch Stichentscheid zu Fall gebracht hatte, die Brücke zu einem wunderbaren Umfall zu bauen. Ihm und seinem Anhänge von der eeclesirr militkms zulieb hatte Heim seinem Anträge das Wörtchen „möglichst" eingefügt, und daran klammerte sich nun der Centrumschef an, um sich zu entschuldigen, daß er nunmehr vor dem Antisemitenantrage kapitulirt hatte. Einen Tag vor der Verhandlung hatte man noch mit Bestimmtsten gehört, daß reichlich zehn Centruinsleute gegen den Antrag stimmen würden — jetzt blieben nur noch fünf gesinnungsstark Männer, die beiden Oberlandesgerichtsräthe Lerno uni Jos. Geiger. Domkapitular Dr. Schädler, Gutsbesitzer Dr. Siben Religions-Gymnasialprofessor Reeb, die sich dem einstimmigen Votum der Liberalen und Sozialdemokraten gegen ihre kleri kalen Parteibrüder und die antisemitisch-agrarische Fraktion anschlossen. Trotzdem siegte die verschwisterte Reaktion, zu de' übrigens auch die protestantische Orthodoxie, gerade wie in Preußen, gehört, mit 77 über 51 (Centrumshetzblätter geben übrigens selbst 59) Stimmen der Linken.