Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-31 · Heft 5 (31.1.1902) · p. Seite 51

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 5 (31.1.1902)
Date
1902-01-31
Page
Seite 51 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228479--58334-3294772
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

51 mehr sein, das ebenso schöne wie wahre Wort von Leopold Zunz zu bewahren, daß „echte Wissenschaft auch Thaten zeugend sei." Welche Gefahren der neue Gesetzentwurf über die Polizei in den Landgemeinden Rumäniens in sich birgt, mögen einige Paragraphen dieses Gesetzmonstrums erhärten: Artikel 16. Jeder Fremde, der sich in einer Landgemeinde niederlassen will, muß sofort nach seiner Ankunft auf dem Bürgermeisteramt des Ortes folgende Allgaben machen: 1. Seinen sowie den seiner Eltern Vor- und Familiennamen; 2. seine Nationalität; 3. seinen Geburtsort; 4. seinen letzten Wohnort; 5. seine Beschäftigung und seine Erwerbsmittel; 6. den Namen und das Alter seiner Frau sowie die Anzahl der Kinder, die er bei sich hat; 7. bei welcher Grenzstadt er die rumänische Grenze überschritten hat. Außerdem muß er noch den Paß vorweisen. Artikel 17. Es steht dem Gemeinderath frei, ihm die Erlaubniß, sich in der betreffenden Gemeinde niederznlaffen, zu ertheilen oder zu verweigern. Die Erlaubniß muß vom Minister des Innern bestätigt werden, nachdem der Präfekt sich geäußert hat. Verweigert eine Gemeinde dem Fremden das Recht, sich in ihrem Orte anzusiedeln, so kann er beim Minister des Innern gegen diese Entscheidung Einspruch erheben. Der Minister wird dann beschließen, nachdem er die Meinung des Präfekten eingeholt hat. Die Appellation all den Minister mnß innerhalb zwei Tagen geschehen. Artikel 40. Kein offenes Geschäft, Wirthshaus, Schenke, Kolonialwaarenhandel, Kaffeehaus, Kurzwaarengeschäft, Bäckerei u. s. w. darf ohne Genehmigung des Gemeinderaths und ohne Bestätigung des Präfekten eröffnet werden. Artikel 44. Allein die Rumänen und die Naturalisirten können die Genehmigung erhalten, ein offenes Geschäft zu betreiben. Eine Ausnahme bilden die Kantinen, welche in der Nähe von Fabrikwerken, Forstbetrieben und Werften, die Gesellschaften oder fremden Unternehmern gehören, errichtet werden." Daß dieses Gesetz nur auf die Juden, die in Rumänien immer noch als „Fremde" angesehen werden, gemünzt ist, liegt auf der Hand. Die Annahme desselben würde, wie wir schon hervorgehoben haben, den völligen Ruin tausender jüdischer Familien in diesem Lande herbeiführen. Das Dementi, welches die offiziöse „Agence Roumaine" bringt, bestätigt natürlich die Nachricht. Denn schon kurz darauf brachten die Zeitungen die folgende Drahtnachricht: Bukarest, 23. Januar. Infolge vielseitigen Widerspruchs gegen die im neuen Ruralpolizeiprojekt vorgesehene Ausschließung aller fremden vom Betriebe öffentlicher Handelsgeschäfte in den Landgemeinden nahm der Minister des Innern die betreffenden Auschließungsbestimmungen wieder zurück, Damit ist aber noch lange nicht alle Gefahr beseitigt. Denn sie 8816 und 17 sind noch gefährlicher für die rumänischen Juden. 4 Eine große Demonstration zu Gunsten eines Fremdengesetzes wurde in der vorigen Woche von den „Britischen Brüdern" im Volkspalast in London veranstaltet. Man schreibt uns darüber: Scholl gegen 7 Uhr Abends zogen mehrere Banden mit Musik und flatternden Fahnen durch die Straßen Ostlondons, um so die Menge zum Besuch der Versammlung anzulocken. Die Absicht wurde ollkommen erreicht, denn die weiten Räume des Peopel Palace waren 'is auf das letzte Plätzchen mit einer vieltausendköpfigen Volksmenge besetzt, von der jedoch der größte Theil zunächst weder fremdenfeindlich >och gar judenfeindlich gesinnt war. Diese Masse erst gegen die üldeu aufzuhetzen, war eben das Ziel der Versammlung, und es muß leider gesagt werden, daß die Britischen Brüder ihren Zweck höchst wahrscheinlich erreicht haben. Freilich verwahrten sich einige Redner dagegen, Religions- oder Rassenhaß predigen zu wollen, aber eine i ndere Gruppe von Rednern konnte sich nicht länger beherrschen und benutzte gierig, die günstige Gelegenheit, um gegen die fremden Juden oder gegen die Juden durchweg zu Hetzen. Hörte man diese Herren reden, so könnte man glauben, England wäre bis vor Kurzem die Insel der Glückseligen gewesen, deren Bewohner weder Noth noch Laster kannten, und daß man nur die paar Tausend Fremde übers Meer zu jagen braucht, damit die Engländer das Trinken, das Stehlen und das Messerstechen wieder verlernen. Es waren die „Fremden", welche den englischen Ballonmützen den Gebrauch des Messers gelehrt haben, es waren die Fremden (d. h. die Juden), welche die Wohnungsnoth erfunden haben, und die Fremden sind es auch, welche die Lebenshaltung des englischen Volkes auf ein ungemein niederes Niveau herabgedrückt haben. Ein Widerspruch war in dieser Versammlung. wie in den antisemitischen Versammlungen in Berlin und Wien, ja auch ganz unmöglich, und etwa 100 Juden, welche gegen die Beschimpfung ihres Volkes zu protestiren versucht haben, wurden von der Menge zum Schweigen gebracht und später nach Schluß der Versammlung den ganzen langen Mile End Road hinunterjagt. Die Versammlung wurde vom Parlamentsmitglied Major Evans Gordon eröffnet, welcher unter lebhaften Cheers erklärte, die Versammlung wolle nur „England für die Engländer" haben. Der große „Britische Bruder" Mr. Shaw schimpfte zunächst über die Statistik und erklärte genau zu wissen, daß eine Million fremde Paupers in England leben. Die Religion der Fremden ist ihre eigene Sache, unsere Sache aber ist es. ob sie unser Land heimsuchen dürfen oder nicht. Mr. Arnold White, der ans Kosten des Baron Hirsch durch Rußland gereist war und dietraurigeLagederrussischenJudenaus eigenemAugenschein kennen sollte, log seinen Zuhörern vor, die russischen Inden gingen nach England, nicht weil sie zu Hause verfolgt werden, sondern weil sie in England Geld verdienen wollen. Aus dem Publikum wird dem Redner zu« gerufen: „Verdiellen Sie nicht gern Geld, Mr. White?" Der unerwartete Einwurf bringt den Redner etwas aus dem Konzept, dann aber begann er über die jüdischen Millionäre (Mr. White war für gutes Geld jahrelang ein Agent des Baron Hirsch) zu schimpfen, da diese Lord Salisbury verhindern, dem Parlament ein Fremdengesetz vorzulegen. „Die Negierung soll erklären, ob sie für die Fremden oder für uns sei!" Mr. Silver behauptet zunächst, daß 60000 „Fremde" sich alljährlich in England niederlassen. Unsere Häuser werden von Fremden bewohnt, während unsere Brüder, unser Fleisch und Blut, auf die Straße geworfen werden. Eine Wohnung, die „früher" 9 Schilling gekostet hat, muß jetzt mit 45 Schilling bezahlt werden. Für den Unterricht der fremden Kinder (deren Väter aber ebenso wie Mr. Silver Steuern zahlen!) müssen wirHunderttausende jährlich bezahlen. Darauf wurde eine vom Mr. White beantragte Resolution : „Die. Versammlung ist überzeugt, daß die Wohnungsfrage in London unlösbar bleiben wird, so lange den mittellosen Fremden die Einwanderung in England gestattet ist!" einstimmig angenommen. Es folgte eine Resolution gegen die niedere Lebenshaltung der Fremden. Mr Norman erklärt, er würde jede Maßregel begrüßen, die geeignet wäre, das Leben der Leute „in Berditschew" günstiger zu gestalten, nur dürfen sie nicht nach England kommen. Mögen die Völker ihren eigenen Rauch verzehren! Wir wollen unser Land nicht zum Tummelplatz für den Abschaum von Europa machen! Für dieses gegen die jüdischen Emigranten aus Rußland geschleuderte Schimpfwort, dem Ausdrücke, wie „Schmutzfinken aus Rußland und Oesterreich". „Kehrricht" rc., folgten, wird der Demagoge mit rasendem Beifall belohnt. Dies gefiel dem folgenden Redner, Mr. William, derart, daß er den erfolgreichen Versuch machte, Mr. Norman in der Beschimpfung der armen russischen Juden noch zu übertreffen. Von Statistik will er ebenso wenig wie „Bruder" Shaw etwas wissen. Er habe seine eigene Statistik, und diese ist es vermuthlich, aus der er die Thatsache geschöpft hat, daß die Fremden es waren, welche den Londoner Ballonmützen den Gebrauch des Messers gelehrt haben. Nach Annahme der zweiten Resolution wurde ein dritte zur Abstimmung gestellt, welche die englische Regierung zum Erlasse eines Fremdengesetzes auffordert. Dieselbe wurde von den Palamentsmitgliedern Ridley und Robertson vertheidigt. Letzterer wollte sich wahrscheinlich über die Versammlung lustig machen, indem er die Fremden als gänzlich energielos hinstellte. Der Pöbel jedoch belohnte diesen neuen Ausfall wider die verhaßten Fremden mit langen Cheers und nahm auch Resolution Nr. 3 einstimmig an. Darauf ergriff der jüdische Abgeordnete Mr. Samuel das Wort, um für die Juden um Mitleid zu bitten. „Seid milde gegen die Fremden," rief er der Versammlung zu, „die bereits

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.