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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-24 · Heft 4 (24.1.1902) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 als durchaus unzureichend bezeichnet werden muhte, stellte die Gemeindeverwaltung unter Zustimmung der Erben und Testamentsexekntoren bei der Negierung den Antrag, ihre Zustimmung dazu zu geben, daß das hinterlassene Legat zum Zwecke des weit nothwendigeren Nenbaus einer zeitgemäß ausgestatteten Mikwa verwendet werde. Nachdem nunmehr die Genehmigung der königlichen Regierung eingetroffen ist. wird die Gemeindeverwaltung demnächst an den projektirten Neubau der Mikwa herantreten können. >v. BreSlait, 9. Januar. Der „Jüdische RedeundDiskntirklub Graetz" hat unter der Aegide des neu-, beziehungsweise wiedergewählten Vorstandes, bestehend ans den Herren B. Freund, Dr. Roth, I. Loewe, S. Selinger und F. Pinkns. mit dem Beginn des Winters seine Thätigkeit wieder ausgenommen. An einem der bisher abgehaltenen Vereinsabende sprach zunächst Herr Karl Borger über „Das soziale Moment in der jüdischen Gesetzgebung". In scharfen Umrissen entwarf Redner ein Bild von der jüdischen Gesetzgebung. durch die sich wie ein rother Faden das Gebot der Nächstenliebe zieht. In aktem jüdischen Gesetzen findet man das Bestreben, die Must zwischen Arm und Reich zu überbrücken und soziale Gegensätze auszugleichen. Schon zu einer Zeit, als die heutigen Kultusnationen noch Troglodyten und Waldbewohner waren, hatten die Juden eine Reihe einwandfreier Gesetze, die ja zum Theil (wie der gesetzliche Ruhetag u. s. w.) in die modernen Gesetzgebungen ubergegangen sind, zum Theil aber noch für unsere heutigen Anschauungen als zu modern und als undurchführbar erscheinen. Redner bewies-dann im Einzelnen in kurzer, prägnanter Weise den ethisch-sozialen Werth der jüdischen Gesetzgebung, voll der das religiöse Moment untrennbar ist. — An zwei anderen Abenden sprach Herr Dr. Tiktin über „Das Prophetenthum in Israel". Nach einer kurzen Schilderung des Wahrsagerthnms bei den verschiedenen Völkern des Alterthums wandte sich Redner den Propheten Israels zu, die aus sogenannten Sehern hervorgegangen. Diesen Propheten haben wir vor allem die Erhaltung der jüdischen Religion zu verdanken; durch ihre Sittenstrenge, Charakternnd Geistesgröße flößen sie uns heute noch aufrichtige Bewunderung und Anerkennung ein. In höchst fesselnder Weise schilderte Redner alsdann die einzelnen Propheten und charakterisirte sie nach ihren Schriften, ihrem Austreten nnd nach ihrer Zeit. So erscheint Amos als Anwalt der Armen. Hosea als der individuellste der Propheten, Jesaias als der vornehme Weltmann und Diplomat, Micha knüpft an Amos an, Zephania, Naham und Habakuk verkünden den Untergang des assyrischen Weltreiches, während Jeremia den Untergang des Reiches seines eigenen Volkes miterleben mußte und als die edelste und zugleich tragischste Persönlichkeit unter den Propheten erscheint; Ezechiel und der gewaltige Denterojesaias traten im Exil, Secharja, Maleachi, Haggai und Jona in der nachbabylonischen Zeit auf. Redner schloß seinen Vortrag mit den Worten, die ein ausgezeichneter christlicher Bibelforscher, ein Professor der alttestamentarischen Litteratur an der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Breslau, über die Propheten ausgesprochen: „Die Geschichte der gesammten Menschheit hat nichts hervorgebracht, was sich auch nur entfernt mit dem israelitischen Prophetismus vergleichen ließe: Durch seinen Prophetismus ist Israel der Prophet der Menschheit geworden. Möchte das doch niemals übersehen nnd vergessen werden: das Köstlichste und Edelste, was die Menschheit besitzt, sie verdankt es Israel und dem israelitischen Prophetismus." — An die mit großem Beifall ausgenominenen Vorträge knüpfte regelmäßig eine lebhafte Diskussion an, in der die behandelten Themen weiter ausgesponnen und nach verschiedenen Seiten hin beleuchtet wurden. Der Verein „Graetz" sucht seine Mitglieder, die sich aus allen Ständen von verschiedenstem religiösen Standpunkt zusammensetzen, durch Vorträge, durch Referate, Diskussionen, Zeitungsschau u. s. w. über alle das Judenthum berührenden Fragen zu unterrichteil und den Jndifferentismus unter den Juden zu bekämpfen. r. Dre-derr, 12. Januar. Der Konkurs des Dresdener Spar- und Vor schußVereins trifft die antisemitischen Kreise Dresdens in erster Linie. Das Bankinstitut ist gegründet worden, um gerade den kleinen Handwerker. Händler und Bauunternehmer, die Stützen der antisemitischen Partei, gegenüber den Kaufleuten nnd Großgewerbetreibenderr zu unterstützen. Der Spar- und Vorschubverein war der Kreditgeber derjenigen Leute, ans deren Kreiseil alljährlich der Ruf ertönte: „Kaust nicht bei Juden!" Deshalb haben gerade die antisemitischen Stadtverordneten sich bemüht, trotz der Mißwirthschaft im Spar- und Vorschnßverein diesen vor dem Zusammenbruch zu bewahren. wobei sich namentlich der durch die antisemitischen Bilderbogen berüchtigte Stadtverordnete Glöß hervorgethan hat. Nachdem die Sanirungsprojekte gescheitert waren, hat der antisemitische Stadtverordnete Hartwig eine Ansrage an den Rath gerichtet, ob und wie eine Hilfsaktion für die Kunden dieser Bank eingeleitet worden sei- Es entbehrt nicht des Humors, daß diese Hilfe anscheinend in der Form erfolgen wird, daß die Deutsche und Dresdener Bank Einlagen beim Spar- und Vorschubverein vorschießen werden. Jedenfalls sind auch bei der Mißwirthschaft, die in diesem Institut geherrscht hat. keine jüdischen Kreise, sondern ausgesprochene Antisemiten betheiligt. N. Hamvurg, 13. Januar. Nachdem nunmehr Herr Dr. Seligmann sich definitiv entschlossen hat, dem Rufe der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. Folge zu leisten, wird er seinen hiesigen Wirkungskreis bereits Ende März d. I. verlassen. — Betreffs der vakant werdenden Stelle eines Predigers zur Seite des Herrn Dr. Leimdörfer hat die Verwaltung des Tempelverbandes beschlossen, den bisherigen Modus des Konkurrenzausschreibens zu verlassen und eitle bewährte Kraft zu berufen. Die Wahl fiel auf Herrn Dr. Paul NLeger, Rabbiner in Potsdam, der sich auf Einladung der Verwaltung am letzten Sabbath der Tempelgemeinde zunächst durch eine Gastpredigt vorstellte. Das Gotteshaus war bis auf den letzten Platz gefüllt, und fanden die Ausführungen des Redners allseitige Anerkennung. a. Einbeck, 14. Januar. Am vorigeil Sabbath waren es 25 Jahre, seitdem Herr D. Herzberg das Ehrenamt eines zweiten Vorstehers und Rechnungssührers in hiesiger Synagogengemeinde verwaltet. Die Mitglieder derselben ließen es sich deshalb nicht nehmen, ihrem Jubilar den Dank der Gemeinde zum Ausdruck zu bringen. Beim Sabbathgottesdienst hielt Herr Lehrer Stern die Festrede, an welche sich ein Gebet für den Jubilar und für die gesammte Gemeinde schloß. Gesang des Chores und der Kinder ging der Ansprache voran und schloß dieselbe. Im Hause des Jubilars überreichte eine Deputation, bestehend aus dem ersten Vorsteher Herrn O. Jordan und den Herren Bankier I. Kayser lind Julius Frank ein Ehrengeschenk. Abends fand ein Festessen statt, an welchem sich fast sämmtliche Herren der Synagogeugemeinde betheiligten und als Ehrengast Herr Bankier Bernhard Meyersfeld-Braunschweig, der, ein geborener Einbecker. zum Bau unseres Gotteshauses, das im Jahre 1896 eingeweiht wurde, in hochherziger Weise 20000 Mark gespendet hat. m. Koburg, 10. Januar. Die mißglückten Versuche, welche in unseren beiden Herzogthümern in letzter Zeit mehrfach unternommen wurden, um auch hier dem Antisemitismus Boden zu schaffen sind von allen Einsichtigen gleich von vornherein scharf verurtheilt worden. Sogenannte „Volksversammlungen", deren Einberufer und Besucher in der Regel angehende Kommis und Lehrlinge aus den Reihen des „Deutsch-nationalen Handlungsgehilfenvereins" waren, wurden so spärlich besucht, daß die Lokalpresse sich nicht einmal veranlaßt fand, ihnen auch nur einige Aufmerksamkeit zu schenken. Auch einige Gastwirthe, die es mit dem Geschäftsantisemitismus versuchten — einer kündigte z. B. seine „antirituelle Speisekarte" an — verfielen sofort der Lächerlichkeit. Daß auch der Negierungsverweser Erbprinz Ernst von Hohenlohe-Langenburg nicht daran denkt, seinen andersgläubigen Landeskindern die volle Anerkennung ihrer Gleichberechtigung zu versagen, geht aus dem Schlußpassus einer Rede hervor, mit welcher er vorgestern eine Allsprache des Vorstandes des evangelischen Bundes beantwortete, und in der er voll der „Anerkennung der Gleichberechtigung gegenüber Andersgläubigen und der Duldsamkeit für die einzelnen Richtungen" in begeisterten Worten sprach. a. Würzburg. 12. Januar. Der 37. Rechenschaftsbericht über die „Israelitische Lehrerbildungsanstalt in Würzburg" von Nathan Bamberger, Distriktsrabbiner nnd Vorstand der Anstalt, ist eben ausgegeben worden. Mit dem Schluffe des Schuljahres bestanden sieben Zöglinge des Oberknrses die Austrittsprüfung am Königlichen Schullehrerseminar mit gutem Erfolge und wurden in die Praxis entlassen. Die Zahl aller seit dem Bestehen der Anstalt ausgebildeten und in die Praxis entlassenen Lehrer beträgt jetzt 314, die in den verschiedensten Gegenden Deutschlands und noch weiter hinaus wirken. Alljährlich wird von einem der geistlichen Mitglieder des Kuratoriums Prüfung aus der Religionslitteratur abgehalten, die auch in diesem Jahre ein günstiges Resultat lieferte. Die Anstalt hatte im abgelanfenen Schuljahre 29 Schüler. Von diesen erhielten sechs Unterricht. Wohnung. Beköstigung und ärztliche Behandlung in der Anstalt un-

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