Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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66. Jahrgang. Nr. 4. Lerlin. 24. Januar 1902. Weikage zur „Mtgemeinen Weitung öes Iuöenthurns". Korrespondenzen und Machrichten. Deutschland. 8. Berlin, 19. Januar. Unter recht stürmischen Auspizien hat die neue Verwaltungsperiode der hiesigen Gemeinde mit der heutigen ersten Repräsentantenversamml ung eingesetzt, welche sich mit der Einführung der wieder- resp. neugewählten Repräsentanten und der Konstituirung der Versammlung zu beschäftigen hatte. Die Vereidigung der Vertreter, welche nebst einigen Stellvertretern vollzählig erschienen waren, übernahm gemäß dem Gemeindestatut der Vorsitzende des Gemeindevorstandes Iulius Iacoby. In einer längeren Rede widmete er zunächst den ausgeschiedenen Mitgliedern herzliche Daukesworte. welche ihre höchste Belohnung darin finden würden, ihre Pflichten gewissenhaft erfüllt zu haben, und spendete besonderes Lob der hervor» ragenden Leistung des Justizraths Dr. Simon, dem es durch Herstellung eines neuen Entwurfes, in welchem er die gegenseitigen Pflichten und Neckte in einer geschickten Form zu gruppiren wußte sowie durch persönliche Bemühungen gelungen sei. das Statut für das jüdische Krankenhaus zu Stande zu bringen. Alsdann wies der Redner auf die wichtigsten Vorlagen Hill, mit denen sich die Versammlung zu beschäftigen haben werde. Das vornehmste Unternehmen werde die Reorganisation des Krankenhauses sein, das zur Zeit der Errichtung als mustergiltige Anstalt anerkannt worden sei, aber heute mit den modernen Krankenhausbauten und deren Einrichtungen keinen Vergleich mehr aushalten könne. Gegenüber den antisemitischen Anfeindungen sollten die Leistungen der Juden möglichst glänzende sein, und die jüdische Gemeinde sollte gerade darauf achten, ihre Wohlfahrtsanstalten in hervorragender Qualität zu errichten und zu verwalten. Zur Errichtung eines erstklassigen Krankenhauses werde man gelangen, wenn die nothwendigen Mittel bereit gestellt würden und die medizinischen, bautechuischen und in Verwaltungsfragen kundigen Mitglieder ihre verständnißvolle Unterstützung zur Verfügung stellen würden. Zur Durchführung dieser Vorlage werde die Aufnahme einer Anleihe erforderlich sein, ferner zum Bau der Mädchenschule, für welche ja bereits 300000 Mark bewilligt seien, und endlich für den Bau einer Synagoge im Norden. Die Kommission hätte bei der letztgenannten Position große Schwierigkeiten zu überwinden gehabt, sei jetzt mit der Prüfung der Bauplätze beschäftigt, und schon in allernächster Zeit werde der Versammlung eine Vorlage hierüber zugehen. Einer späteren Entscheidung solle es Vorbehalte»: bleiben, ob für diese neue Synagoge ein siebenter Rabbiner oder nur ein Prediger anzustellen sei. Die Anstellung eines Syndikus für die Gemeinde werde ebenfalls in nächster Zeit zur Erledigung kommen, nachdem die nä boe eingesetzte Kommission über die Stellung selbst wie über die Person zu einer Einigung gelangt sei. Ei»» fernerer Punkt der Berathung »verde die vom Polizeipräsidium verlangte Revision des Gemeindestatuts bezüglich des § 16 sei»», welcher die Amtsdauer der Nepräsentantenstellvertreter betrifft, sowie eine ebenfalls von der Vorgesetzten Behörde geforderte Bestimmung, bis zu welcher Zeit Wahlproteste noch zulässig seien. Der Redner gab zum Schluß seiner Ueberzeuguug Ausdruck, daß für alle Vertreter die höchste Pflicht in der Sorge bestehen müsse, den Frieden irr der Gemeinde zu erhalten und die Zusammengehörigkeit aller Gemeindemitglieder hierdurch zu sichern. Als ältestes Mitglied übernahm alsdann Herr Löwenberg den Vorsitz. Obwohl es nur seines Amtes hätte sein brauchen, die Wahl des ersten Vorsitzenden zu leiten, glanbte er doch nicht die gute Gelegenheit ungenützt vorübergehe»» lassen zu dürfen, die große Friedensliebe derjenigen Partei, die jetzt zur Herrschaft gelangt sei, in ei»» besonders Helles Licht zu rücken, jener Friedensliebe, für welche der beste Beweis wohl sei, daß diese große und »nächtige Partei den Liberalen das Amt eines ersten und zweiten stellvertretenden Vorsitzenden angeboten hätte. Bedauerlicherweise sei seitens der aufgeforderten Herren eine Absage erfolgt. Im Namen seiner engeren Freunde verkündete Herr Löwenberg, daß es an ihnen nicht liegen solle, wenn der Frieden nicht in der Weise gewahrt »verde. wie er gewahrt werden müsse. Wenn die Gemeinde erklärt hätte, sie wolle einer bestimmten Richtung die Leitung überlassen, so könne die Pcwtei'hierfür nicht und müsse dem Wunsche Rechnung tragen. Nachdem den» Rechtsanwalt Cohn als dem jüngsten Mitglieds der Versammlung das Protokoll übertragen, wurde für das Amt des ersten Vorsitzenden von Kommerzienrath Friedländer der frühere Vorsitzende Louis Sachs und von Geheiinrath Blumenthal Justizrath Ap ola n t in Vorschlag gebracht. Kommerzienrath F ried lä n d er erbittet und erhält unter lebhaften» Tumult das Wort zur Geschäftsordnung. Er bezeichnet die Ausführungen des Alterspräsidenten als „ungeheuer eigenthümlich" und weist die den Liberalen gemachten Vorwürfe betreffs der Absage zurück. Die Begründung hierfür konnte der Redner nicht mehr geben, da ihm das Wort entzogen wurde. Die Wahl ergab als Resultat, daß von 19 gütigen Stimmen unter 20 abgegebenen 11 auf Justizrath APo laut und 8 auf Louis Sachs fielen. Justizrath Apolant »»ahm die Wahl an. Er bezeichnete sie zwar als unter stürmischen Auspizien hervorgegangen, hofft aber, daß sich die Wogen bald glätten werden. Die Wahl betrachtet er — obwohl übrigens sämmtliche Liberale»» gegen ihn gestimmt haben — als aus dem Vertrauen al l e r Parteien ersolgt und verspricht, sein Amt in dergleichen Unabhängigkeit von allen Parteiei» zu führen. Vor der Wahl des ersten stellvertretenden Vorsitzenden wünscht Herr Oppen Hein» zu erfahren, ob Herr Louis Sachs die etwa auf ihn fallende Wahl annehmen würde. Prof. Landau glaubt, daß sich Herr Sachs wohl durch die Anzahl der aus ihn sich vereinigenden Stimmen für das Amt entscheiden könnte. Geheimrath Blu »uenthal protestirt gegen eine Diskussion vor der Wahl, während der Vorsitzende selbst aus dem Gemeindestatut herauslesen zn müssen glaubt, daß die Annahme eines Amtes überhaupt nicht abgelehnt werden könne. Herr Louis Sachs mußte erst den Vorsitzenden darauf aufmerksam machen, daß sich der angezogene Paragraph nur auf die ehrenamtliche Wahl eines Gemeindeinitgliedes in eine Kommission beziehe, daß aber niernals ein Repräsentant zur Annahme eiues Amtes innerhalb der Versammlung gezwungen werden könne. Bei der Wahl wurden 20 Stimmen abgegeben, darunter waren sechs unbeschrieben; unter den 14 gütigen Stimmen entfielen auf Louis Sachs acht, auf Löwenberg sechs Stirnmen. Herr Louis Sachs lehnte das Amt ab; er sei ein Mann, wie er erklärt, welcher nicht schnell zum Entschlüsse komme und sich den Verzicht aus das Amt reiflich überlegt hätte. Die Wiederholung der Wahl ergab selbstverständlich, daß sämmtliche 13 konservative Stimmen auf Löwenberg fielen. Für das Amt eines zweiten Vorsteher-Stellvertreters wurden Komrnerzienrath Friedländer und Geheimrath Blum ent ha! vorgeschlageu. Die Wahl ergab Stimmengleichheit und zwar je sechs Stimmen für die vorgeschlageneu Kandidaten Friedländer und Blumenthal. Statutengemäß mußte nunmehr der Vorsitzende das Loos entscheiden lassen, das Geheimrath Blurnenthal traf. Letzterer erklärte alsdann, daß er für Kommerzienrath Friedländer gestimmt hätte und auf das Amt verzichten würde, wenn sich Friedländer hierzu bereit erklären würde. Letzteres geschah nicht. Zum ersten Schriftführer wurde daraus mit 13 Stimmen unter 20 Rechtsanwalt Ignatz Cohn gewählt, zuin zweiten Schriftführer, nachdem Professor Blaschke die beim ersten Mahlgang auf ihn mit 7 gegen 6 Stimme», gefallene Wahl abgelehnt hatte. Herr Isidor- Sacks. Ebenfalls nicht ohne Schwierigkeiten kam die Wahl der drei Ausschüsse zum glücklichen Ende. Es gelangten in den Ausschuß I (für Finanz- und Rechnungssachen) die Herren Manheimer, Frankel, Friedländer, Adolph Mayer. Sieskind, Weigert. Landau, Louis Sachs, Isidor Sachs, Loewenberg; in de»» Ausschuß II die Herren: Friedländer, Bagmsky. Adolph Mayer, Minden, Israel, Hirsch. Isidor Sachs, Sieskind und endlich in den Ausschuß Hl 10 Mitglieder: Blumenthal. Blaschke, Geiger, Oppenheim. Senator. Baginsk»), Louis Sachs, Hirsch, Cohn und Landau.