Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- Seite 47 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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47 öffnen und dem armen obdachlosen Bruder um Christi willen zu geben, ohne zu sehen wie viel. z Bevor Jankel noch die Säulenhalle vor dem Eingang in die Kirche betreten hatte, nahm er schon den Hut ab. Bezüglich des Hutes wußte er genau, aber wie man sich überhaupt in der Kirche benehmen müsse, davon hatte er keine Ahnung. „Muß man sich bekreuzen? Ich werde mich nicht bekreuzen. Und wenn man darauf aufmerksam wird und mich fragt, warum bekreuzest Du Dich nicht, werde ich kühn sagen: Ich bin ein Jude und werde ihnen alles erklären, alles werde ich sagen, warum ich am frühen Morgen hier in ihrer Kirche sein muß, wie ich Nachts herumgewandert — sollen sie es nur wissen!" Endlich befand er sich in einem warmen Raume. Die Luft um ihn herum war so angenehm, so wohlig, so warm; ihm kam vor, er tauche unter in einer warmen Welle, und vor allen Dingen keine Feuchtigkeit, kein Wind. Wunderbar. — Jankel blieb an der Seite, im Halbdunkel stehen; vom gottesdienstlichen Ritus konnte er nichts unterscheiden. Zuerst kam der Küster, dann der Diakon, zuletzt der Priester, die Kerzen wurden angezündet, Jemand räucherte. Jemand-sang. Jankel dachte an nichts, hörte nichts, verstand nichts, weder das Gebet, noch den Gesang, er wärmte sich nur. Hier war es warm, ruhig; Niemand schenkte ihm Aufmerksamkeit, er fühlte sich an einem gesicherten Orte. — Als er sich genügend erwärmt hatte, begann er sich in der Kirche umzusehen. „Reich, viel Pracht, viel Glanz! Schöne Heiligenbilder! Ueberall Silber, die Edelsteine blitzen!" Zufällig blickte Jankel nach links, sein Blick haftete auf Golgatha. „Ein großes Kreuz mit ihrem Gotte darauf. Er leidet, leidet für sie. Ueber dein Kreuze der Himmel mit unzähligen Sternen." Jankel schaute einige Sekunden auf die Darstellung der Kreuzigung wie auf ein ihm unerklärliches Räthsel. Dann erinnerte er sich plötzlich an sein nächtliches Herumwandern. Das Gefühl dieser unverdienten Beleidigung gewann wieder Oberhand in ihm. Mit heißer, bitterer Klage wandte er sich wieder nach der Seite, wo das Kreuz war und begann: „Sie sagen. Du bist so gut, so edel, so stark — nun, wenn Du es bist, dann zeige es. verhindere, daß. thu das — thu — damit-" Thränen verhinderten ihn, sein Gebet zu Ende zu sprechen. Er weinte, er schluchzte und wußte nicht, daß er es that. Die Thränen erleichterten sein Herz, sie wuschen die in seiner Seele angesammelte Bitterkeit hinweg; die Kränkungen, die Widerwärtigkeiten der Nacht, die Müdigkeit, es floß hinweg mit seinen Thränen, und festes Vertrauen ans eine bessere Zukunst nahm in seiner Seele Platz. Als Jankel aus der Kirche trat, dämmerte ein grauer Morgen über der Stadt. Noch ein wenig, und die Konditoreien wurden geöffnet, und dann war es bald Zeit für Woroschonin. Jankel war ruhig. Die schlimmste, kälteste Zeit der Nacht vor Anbruch des Morgens hatte er im Warmen zugebracht. „Aber wo werde ich morgen übernachten, wenn ich wieder nicht beim Neffen sein kann?" begann er unwillkürlich zu denken und sich aufzuregen. „Wird wieder dasselbe sein?" Seine eben noch so freudige Stimmung verdüsterte sich wieder. „Nun, wie es auch kommen möge, ich muß, es ertragen." Prolog;nm fünften Stiftungsfest des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur in Brandenburg a. H. Pers Geschichte: Unsterblich, vom Tode nie berührt, Bald ernsten Gepräges, bald heiter. Zieh' durch der Jahrtausende endlosen Lauf Rastlos und ruhlos ich weiter! Uralt und doch stets aufs Neue jung, Bin Zukunft ich und Erinnerung! Geschäftig und stets in Thätigkeit, Ich mahne und klage und richte; Mein Thun hört keine Sekunde auf, Denn ich bin, daß Jhr's wißt, die Geschichte, Geschichte des kleinsten Volkes der Welt, Das Gott in Gnaden führt und erhält. Und wie ich überall kehre ein, Wo meiner in Liebe man denket, So Hab' ich in diesen festlichen Raum Meine Schritte auch heute gelenket. M i r gilt ja das schöne Freudenfest, Das hier seinen Jubel ertönen läßt! Litteratur (auftretend): Und mir! Wir theilen uns schwesterlich In dieses Abends Ehren, Und Du mußt, ob Du willst oder nicht. Die Hälfte mir treulich gewähren. Von Rabbiner Dr. Ackermann. onen: Die jüdische Geschichte. Die jüdische Li Werd' nicht unmuthig! Bleibe nur! Ich bin ja die jüdische Litteratur! Geschichte (erstaunt): Du bist — Litteratur (einsallend): Was ich Dir eben gesagt! Du siehst das geistige Streben Der Juden in mir verkörpert, und drum Mußt Du hier Raum mir geben! Wir beide, eng und harmonisch vereint, Sind von dieser Menschen.Freude gemeint. G eschichte: Hast Recht! Vereint sind beide wir Zu allen Zeiten gewesen! Vereint sind wir auch in diesem Verein Die allverehrten Größen! Drum ehren wir heute den Ehrentag, Daß man uns bewnnd're. so viel man mag! Litteratur: So viel man mag! Und viel in der That Sind wir seit je bewundert. Besonders beachtet sind wir jedoch Seit dem vorigen Jahrhundert. Wie sich's für uns beide wohl gebührt, Hat man uns zu hohen Ehren geführt! Geschichte: Mit vollem Recht! Denn wer lauschte nicht gern Der klaren, lehrreichen Kunde, Die ich. die Vielerfahrene, Ausspreche mit ernstem Munde? Wer auf mich mit Eifer und Freude hört, Der ist für jede Lage belehrt! Was Hab' ich geschaut in der Zeiten Lauf An Kämpfen, an Siegen, an Schmerzen. An Jubel, an Thränen, an schnödem Verrath, An Treue in jüdischen Herzen! Wie Hab' ich selbst mitten im tiefsten Leid. Dell trostlosen Sinn gestützt und befreit! In alter Zeit, da schaute ich Noth, Als Feinde frech sich vermaßen, Zu zerren der Juden heilig Gesetz Hinab in den Koth der Straßen, Als bitter des Syrers irdische Macht Gedroht mit des Zwanges finsterer Nacht! Da schaute ich Noth und — da schaute ich Licht! Denn aus jener Zeit kann ich melden