Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- Seite 46 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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46 zu Hause ist es angenehmer. Wie schön wäre es, jetzt gleich uach Hause zu fahren! In zwei Tagen ist Sonnabend, Jaukel würde in die Synagoge gehen. Kommt man von der Synagoge nach Haus, ist der Tisch fein gedeckt, es giebt Karpfen und Braten und noch viele andere gute Sachen. Nach Tisch geht man mit der Frau ans der gepflasterten Straße spazieren. Als ob in N. nur eine Straße gepflastert wäre. Jetzt sind sie alle gepflastert, aber vor langer Zeit war nur die Hauptstraße gepflastert, und darum nennt sie noch heutigen Tages Niemand Katharinenstraße, sondern nur gepflasterte Straße. Am Sonnabend ist auf der Mostowaja große Promenade. Das Publikum geht auf dem Trottoir der rechten Seite von der Apotheke bis zum Platz vor der Kirche hin und her, her und hin. Es ist ein furchtbares Gedränge, man, kann kaum durch. Aber Niemand würde einen Schritt weiter gehen, obgleich die Straße dort breiter und schöner ist; das wäre nicht fein. Und hier auf dieser Promenade ist Jankel nicht schlechter als andere Leute. Seine Frau geht neben ihm im Plüschjacket, über dem Jacket eine dicke goldene Kette mit goldener Uhr, auf dem Kopfe einen seinen Hut mit Federn uüd Agraffe. Alles ausgezeichnete Sachen, zwar Gelegenheitskäufe, aber doch fast neu. Alle Leute kennen Jankel, grüßen ihn, er braucht sich vor Niemand zu fürchten. „Wer geht dort?" „Kommissionär Kantorowitsch; ein ordentlicher Mensch, sein Sohn wird in einem Jahr Doktor." Und Jankel schreitet ruhig weiter, als ob nicht von ihm die Rede wäre. Im Sommer geht man Svnliabends auf dem Square oder am Ufer des Flusses spazieren. Es ist zwar auch dort staubig, aber das macht nichts. Dafür ist es nicht kalt. Am Tage heiß, in der Nacht warm. Das ist gut. Jankel zitterte vor Frost. In der feuchten Winternacht ziellos in den Straßen Petersburgs herumirrend, stärkt er seinen Mnth, indem er glänzende Zukunftspläne für seinen Sohn macht. Jankel wird seinen Sohn beinahe gleich machen mit den Herrensöhnen. In vier Jahren geht Abramczyk nach Petersburg und miethet Zimmer im ersten Hotel. „Wer ist gekommen?" „Der Doktor der Medizin Kantorowitsch." Er geht auf deu Newski Prospekt, ruft einen Schutzmann an und fragt ihn: „Wie komme ich ins Winterpalais, in die Eremitage?" Der Schutzmann mit der Hand an der Mütze (sie sind sehrhöflich) zeigt den Weg, erklärt, erzählt. Der Doktor dankt und geht, wohin er will. Er kann überall hin. Niemand darf ihm wehren. Ein Jude, der die Universität geendigt hat, darf sich in Petersburg aushalten. Viele frohe Bilder malte sich Jankel aus, während er von einer unbekannten Straße in die andere schritt. Woran dachte er in dieser Nacht nicht, woran erinnerte er sich nicht! Endlich stand er still und sah sich um, er war schon weit entfernt von der Newskaja. Zwischen den Straßen sah er einen Kanal. Aus dem Wasser wehte kalter Wind stieg noch größere Feuchtigkeit auf. Trübe brannten die Laternen im Nebel. — „Man geht und geht und weiß selbst nicht wohin, da ist es nicht schwer, sich zu verirren," dachte Jankel und ging wieder zurück. Aus diesen Straßen war es wenigstens etwas wärmer. Er ging jetzt sehr schnell, konnte sich aber trotzdem nicht erwärmen. Ein Schauer überlief seinen Körper; das Gesicht und die Hände wurden eiskalt, die erfrorene»«, ermüdeten Füße versagten ihm fast den Dienst. Und doch schien es, als ob kein Frost wäre. Er wendet sich in die Straße nach rechts, geht ein gehöriges Stück und wendet sich dann ivieder nach links, eine endlos lange, schmale, lautlose Straße liegt vor ihm. Man sieht keinen Fußgänger, nur ab und zu fährt ein Jswoschtczick langsam dahin. Die Portiers machen in der Hausthür eil» Schläfchen. Die Luft wird kälter und kälter, wahrscheinlich nähert sich die Nacht dein Morgen. Jankel wollte an einer Laterne sehen, wie viel Uhr es ist, kann sich aber nicht entschließen, den Pelz zu öffnen, so erfroren ist er. Er ist so erfroren, daß er auf dem Punkte ist, einen Dwornik zu bitten: „Tänbchen, Dwornik, laß mich auf einen Augenblick in Dein Stübchen eintreten, damit ich mich erwärmen kann. Ich will es gut bezahlen." Das wäre aber gefährlich. Der Dwornik denkt, es ist ein Dieb, macht Skandal, inan bringt ihn aus die Polizei; schlimmer als ein Mörder, ein Räuber steht er da, und Woroschonin erwartet ihn in seinem Hause um neun Uhr. „Ist das nicht komisch? Zu einer solche»» Persönlichkeit gehe ich ungehindert und darf nicht »vagen, irgendwo zu übernachten. — Gerechter Gott! Ich will ja gar nicht schlafen, will »veiter herumwandern, — ein moderner Ahasverus — aber erwärmen möchte ich mich. Wenn ich mich nur ein wenig erwärmt habe, gehe ich wieder spazieren." Aber er fand keinen Ort, wo er sich erwärmen konnte. Plötzlich drang das Silbergeläut einer Kirchenglocke zu Jankels Ohren. Es läutete irgendwo, dort hinter den» Nebel, am Ende der langen Straße. „Es läutet zum Morgengebet, d. h. es ist bald Morgen," dachte Jankel, und Plötzlich kam ihm der Gedanke: „Die Kirche wird geöffnet werden, und dort ist es warm. Es läutet, d. h. man ruft. Man ruft, d. h. die Kirche ist offen. Ich gehe auf einige Minuten hinein, erwärme mich und gehe wieder hinaus." Und Jankel ging nach der Richtung, woher der Glockenklailg kan». Es war die Kasansche Kathedrale, und er fand bald den Eingang. Zwischen den Säulen sah er Licht und sagte sich, dort, »vo es hell ist, nmß man hinein gehen. Auf der Schwelle zögerte er: „Darf ich?" „Versteht sich! Dieses Haus gehört nicht den Menschen, sondern Gott! Hier »vird man auch ohne Paß eingelassen! Gott ist für Alle, was kann dabei nichts Gutes sein? Und daun, ich will ja nicht beten, ich will »»»ich nur erwärmen." So rechtfertigte sich Jankel vor sich selbst, wie vor einer zweiten Person. „Gebe»» Sie um Christi willen einem obdachlosen Bettler ein Almosen," hielt ihn eine dumpfe, heisere Stimme hinter den Säulen an. — „Obdachlos!" — Ei»» Krampf griff Ja»»kel an die Kehle, Thränen stürzten ans seinen Augen. Heute war auch er obdachlos. Er war in derselben Lage wie dieser Bettler, auch er nächtigte ans der Straße. Jankel hätte beinahe zu dein Armen gesagt: „Du hast kein Geld, du bist bedürftig und frierst, ich habe Geld, ich biu nicht bedürftig und friere auch, weil ich ein Jude bin und kein Recht habe, hier in Petersburg zu »veilen." Aber er schwieg. Doch fürchtete er sich nicht mehr, seinen Pelz zu