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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-24 · Heft 4 (24.1.1902) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
Seite 45 (sequence 11)
Language
German
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45 noch daraus Hinweisen, daß viele dieser „jüdischen" Witze in Wvrt und Schrift die Vvlksmeinung ungünstig beeinflussen müssen? Es ist die beste Abwehr des Antisemitismus, dagegen einmal energisch Front zu machen und ausdrücklich zu betonen, daß Selbstachtung nicht nur das gute Recht, sondern die heilige Pflicht der Deutschen jüdischen Bekenntnisses ist. Gin Schnitzer Uenans. Von Rabbiner Dr. M. Rahmer in Magdeburg. ^rn jüngsten Chanukafeste hatte ich den IV. Band von Ronans Histoir« cln p«upl« ck'Israöl zur Hand genommen, um seine Darstellung der Makkabäerkämpfe kennen zu lernen. Man kann von ihm nicht die Begeisterung eines jüdischen Geschichtsschreibers verlangen, aber abgesehen von einzelnen etwas schiefen Urtheilen und subjektiven Einfällen wird er doch dem Charakter der Zeit gerecht. In dem Bilde, das er von Juda Makkabi entwirft, stört zwar die wiederholte Bezeichnung, daß er ein „Heiliger" gewesen, — es sei denn, daß er darunter (nach inittelalterdem Gebrauche des Wortes Vllji.l) einen „Märtyrer" versteht, der durch Hingabe seines Lebens für die heilige Sache der Religion den Namen Gottes heiligt (metmckesek Imsebem) — aber er würdigt sein Verdienst mit den anerkennenden Worten: „Er hat das Judenthum und die Bibel gerettet, die ohne ihn zweifellos verloren gegangen wären, und selbst wenn die Menschheit einst den Glauben an das Judenthum und das Christenthum ablegen sollte, wird der Makkabäer .... dastehen als ein nothwendiger Held, der eine der Disziplinen gerettet hat, die zur Erziehung der Menschheit am meisten beigetragen haben." Bei dieser Gelegenheit las ich auch Ronans Urtheil über die?irko Lchotb. Er spricht sich darüber zu Ende des 8. Kapitels des genannten Bandes in einigen prägnanten Worten wie folgt aus: „kirko ^lwtb, eine kleine Abhandlung der Mischna, beginnt mit Simeon dem Gerechten die Aufzeichnung einer Reihe von zumeist (?) der Hasmonäerzeit angehörenden Gelehrten Palästinas .... Zuweilen könnte man etwas wie ein Echo der Bergpredigt hören, und Antigonos von.Sochv, der zur Zeit Antiochus des Großen gelebt zu haben scheint (also über 200 Jahre vor der „Bergpredigt"), ist zweifellos ein großer Weiser gewesen, wenn er wirklich gesagt hat: Seid nicht wie Sklaven, welche dem Herrn dienen, nm dafür Lohn zu empfangen, sondern seid wie Diener, die dem Herrn dienen ohne Aussicht auf Belohnung, dann wird der Than des Himmels sich über euch ergießen, (Ia rose« «In ei«I sein sur vous)." Diesen Schluß- und Folgesatz hat (nach allen unseren Mischnaausgaben) allerdings Antigonos wirklich nicht gesagt; die Schlußworte lauten vielmehr nach dem hebräischen Text: 811V 'N'l d. h. „es möge Gottesfurcht auf euch ruhen". — Wie kommt nun Ronan zu seiner fehlerhaften Uebersetzung? Er hat offenbar den technischen Ausdruck V'VV 811V (gleichbedeutend mit dem geläufigeren v'VV 1181') nicht verstanden und das Wort 811V mit d. i. „Frühregen" (okr. Joöl Kap. 2 Vers 23) verwechselt, und darum V'VVI 811V Poetisch mit „Tau des Himmels" übersetzt. Wenn solche Verwechselung dem großen Orientalisten passirt, so kann man sich ein Bild davon machen, wie es bei den l)is ininorum gentium aussieht, wenn sie daran gehen, Mischna- oder gar Talmudstellen zu übersetzen. Ohne Mohnrecht. Bon V. H. Oljnem. Aus dein Russischen übersetzt von Dr. Amalie Klo »ower. IV. 'ie groß, wie unendlich groß ist dieses Petersburg," sagte Jankel auf seiner nächtlichen Wanderung in Gedanken zu sich, „und doch kann ich nirgends nachten. So viel Leute, so viel Leute, und eigentlich ist Keiner von ihnen schlecht, und Alle zusammen sind sie doch so grausam. Hier in diesem Hause wohnen ganz sicher gute Menschen, aber wenn Jankel jetzt klingelt und ihnen seine Lage vorstellt und sie bittet, ihn ein,zulasten, ihm ein Nachtlager zu geben, werden sie es nicht thuu. Sie werden sagen: Wir haben ihn nicht gebeten, wir kennen ihn' nicht. Vielleicht ist es gar ein Räuber. Uebrigens haben Sie keine Angst. Jankel würde nicht klingeln, um nichts in der Welt. Und wenn er sogar in Gefahr wäre, zu erfrieren, würde er es nicht thnn. Warum diese Leute unnütz beunruhigen? Sie haben doch dies Gesetz nicht gemacht, und Jankel ist nicht der Einzige, der darunter leidet, er ist nicht der Erste und wird nicht der Letzte sein." Der gute Pelz konnte Jankel nicht vor der nächtlichen Feuchtigkeit schützen. Bald war er ganz durchfroren. Er ging deshalb um sich zu erwärmen, schneller als vorher. „Was geschieht alles mit dem Menschen, wohin kommt er überall, bis er sein Leben beschließt," dachte Jankel weiter. „Habe ich je gedacht, daß ich einmal in Petersburg auf der Straße nachten muß? Das hätte ich nie vorausgesetzt. Ich war schon in anderen Städten, in Odessa, in Charkow. Nach Warschau hat mich der hochselige Fürst Poninski geschickt, er wollte für den Sohn ein Gut kaufen. Das Geschäft machte sich aber nicht, der Boden war schlecht. Mein Herr und Gott! so weit habe ich es gebracht, daß ich hier auf der Straße erfrieren muß!" Warum erinnerte sich Jankel plötzlich an die unerträglich heißen Tage des vergangenen Sommers? Die Sonne wärmte nicht nur, sie brannte, brannte unerträglich. Die Pflastersteine waren wie glühende Oefen, die Straßen waren öde und leer. Nur die Verkäufer von Wassermelonen standen an den Ecken und riefen ihre Maare aus. Sie schrien aus vollem Halse: „Kauft Wassermelonen, drei Kopeken das Stück, das Paar fünf Kopeken." Die Fensterläden sind geschlossen. Alles sitzt im Hanse in der leichtesten Bekleidung und trinkt Limonade oder Eiswasser. Aber Jankel fürchtet sich nicht vor der Hitze, imGegentheil, er liebt sie; er geht in Geschäften von einem Hans zum anderen, hat statt des warmen Tuchrvckes einen grauen Alpackarock an, das ist alles. Der Brigadechef B. lacht immer, wenn er Jankel sieht: „Ist Ihnen nicht zu warm, ruft er ihm zu; braten Sie denn noch nicht? Wie fürchtet sich ein Mensch nicht vor dem Sonnenstich. Solch schreckliche Hitze und er läuft herum." „Das macht nichts, Exzellenz, wir sind daran gewöhnt." Es ist wahr, warm, sehr warm war es im Sommer, aber warm und angenehm. Und hier ist es so kalt! Es ist kein Frost, nnd doch friert man mehr als im Schneegestöber. Gewiß,

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