Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- Seite 44 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Settlements ist geradezu hervorragend; in einigen wird unentgeltlich Rechtsrath geleistet, in anderen Arbeit vermittelt, das eine hält eine Schule für verkrüppelte, invalide Kinder, ein Settlement gründete ein Arbeitsheim, Oxfordhonse fördert den Sport, ein anderes gründete ein Restaurant für Fabrikmädchen und eine Krippe u. s. w. „Für Tausende sind diese Bildungsstätten heute schon ein Zufluchtshafen geworden, aus der Enge der überfüllten Wohnungen, der kalten Straße, der Niedrigkeit roher Vergnügungen, den verderblichen Verlockungen der Public Houses. Schon hat dieses Häuflein die seinen Genüsse lehrreicher Vorträge, guter Musik, werthvoller Bücher kennen gelernt; schon weiß es, die ruhigen, harmonischen Räume, die Bilder an den Wänden zu würdigen; in Sprache und Haltung, mehr noch in Denkweise und Lebensauffassung macht sich bei ihm der Erschluß einer höheren Kulturstufe fühlbar." Auf dem Festland hat im Dezember 1900 Professor Dr. Kellner in Wien eine jüdische Toynbee»Halle zuerst errichtet, dann hat im Juli 1901 Senator Dr. Traun in Hamburg dort „ein Volksheim" ins Leben gerufen, und endlich ist es der Initiative des Herrn Gustav Tuch zu verdanken, daß im Oktober v. I. gleichfalls in Hamburg ein „Israelitisches Gesellschaftsheim" nebst Lesehalle eröffnet werden konnte. An einigen Abenden der Woche ist das Heim oder die Halle geöffnet; es finden Vorträge, Deklamationen, Vorlesungen, musikalische Darbietungen, Diskussionen und Demonstrationen statt; zwischen den Vorträgen wird Thee und Gebäck gereicht; der Zutritt steht allen Schichten der jüdischen Bevölkerung zu. In Wien ist jungen Leuten unter 20 Jahren der Zutritt nicht gestattet, dagegen werden besondere Kindertage abgehalten. Sowohl in Wien als in Hamburg findet die Einrichtung in der Bevölkerung lebhaften Anklang, und die Abende in den Hallen weiseil ein so zahlreiches Publikum aus, daß der Raum nicht ausreicht. Der im Druck erschienene Bericht des Professors Kellner „Eine jüdische Toynbee-Halle in Wien" stellt fest, daß die Einrichtung sich außerordentlich gut bewährt hat. Das Publikum besteht zur Hälfte etwa aus Frauen, das männliche Publikum setzt sich zusammen aus Handlungsangestellten, kleinen Gewerbetreibenden, Handwerkern, Hausirern, Dienstmännern; schon nach wenigen Wochen betheiligten sich nicht Wenige an den Diskussionen, an Gesangsvorträgen oder sonstigen Darbietungen; dieselben Leute kommen oft wieder, lernen einander achten, auf einander Rücksicht nehmen und sich gesittet betragen. Ebenso haben sich bereitwilligst Freiwillige aus allen Gebieten der Aristokratie, Schriftsteller und Musiker vou Beruf, gebildete Dilettanten und gebildete Frauen zur Verfügung gestellt. Etwas mehr Selbstachtung. Von Richard Lichten st ein. ((ÄF^er Jude war im 18. und noch zu Beginn des 19. Jahr- Hunderts eine feststehende Karikatur im deutschen Theater, und noch Jffland wurde für „Juden und sonstige Karikaturen" engagirt. LessingS „Juden" und zumal sein „Nathan" zeigten zürn ersten Male, daß ein Jude ebenso wie andere Menschen edlerer Regungen und Triebe fähig sein könne. Die Neuzeit scheint von neuem in alte Bahnen einlenken zu wollen, und besonders unsere Lustspiele haben den jüdischen Kommerzienrath zu einer immer wiederkehrcndeN, vielfach belachten Figur werden lassen. Mail wird Fritz Reuter kaum viel Judensreundschaft nachsagen können, aber wie vortheilhaft unterscheidet sich sein „Moses" von den jüdischen Zerr bildern, die wir heute aus deutscheil Bühnen sehen müssen. Freilich könnte man einwenden: ebenso wie es früher der Schacherjude war, der die Spottlust der Andersgläubigen erweckte, so ist es heute der „jüdische Protz", der zur Jronisirung heraussordert. Selbst wohlmeinende Kritiker glauben an da Märchen vom jüdischen Protz, ohne sich der Mühe zu unter ziehen, dieses Problem ernstlich zu sondiren. Wenn Max Nordau in seinem „Dr.Cohn" einen Kommerziell rath Moser, wenn Zobeltitz in seiner „Papieren Macht" der Bankier Nathanson, wenn die „Jugend" den Jtzig im Ge spräch mit Aaron und wenn die „Fliegenden Blätter" der: Parvenü, der seine Tochter nur einem Grafen geben will schildern, so fängt auch der Gutwillige an zu zweifeln und meint, etwas müsse daran sein. Jede Karikatur ist eure Entstellung der Wirklichkeit, jede Karikatur geht über die Wahrheit hinaus, so ist es auch hier. Wer Wirkliches sehen will, der lese Heines gemüthvollen „Rabbi von Bacharach" oder Lanffs „Geißlerin." — Daß das Ghettoleben nachtheilige Wirkungen für Sprache und Sitte der abgesperrten Juden zur Folge haben mußte, ist ebenso klar, wie daß diese Folgen heute fast gänzlich geschwunden sind. Um so würdeloser und um so verwerflicher ist es, wenn häufig Juden das, was sie an ihren Glaubensgenossen tadeln könnten, in hundertmal verschlimmerter Weise in witziger Form an dir „große Glocke" hängen. Der Jude, der in christlicher Gesellschaft einen sogenannten jüdischen Witz zum besten gibt, der Jude, der bei Gelegenheit des Kölner Karnevals eine „gemauschelte" humoristische Red» hält, der Jude, der christlichen und — Iivorilnlo äietn — jüdischen Blättern gewisse jüdische Witze zum Abdruck einsendet sie begehen Alle das gleiche Verbrechen: sie fälschen die öffentliche Meinung. Unbegreiflich ist es, wie sehr man das eigentliche Gebie" des Witzes verkennt. Allgemein menschliche Schwächen werden immer die harmlose Zielscheibe des Witzes bilden können — man denke an Molibres „Misanthrop«" oder „Avare". Aber nie mals soll der Witz der geschichtlichen Gerechtigkeit zuwider sein: denn dann ist er eine Beleidigung und wirkt wie eine solche Damit ist das eigentliche Problem in den Vordergrund geMckt: Selbstachtung oder Selbstironie? Nur dann darf mau sich selbst ironisiren, nur dann kann man es überhaupt, wenn dazu eine innere Berechtigung vorliegt; diese ist begründet in thatsächlich vorhandenen Charakter eigenthümlichkeiten. So gewiß diese bei den modernen Deutschen jüdischen Bekenntnisses nicht vorhanden sind, so gewiß ist ein: Selbstironisirung unstatthaft. Aber selbst angenommen, dal; gewisse Eigenthümlichkeiten in Gewohnheiten oder sonstwo: vorhanden wären — was für die große Masse gewiss nicht zutrifft — so wäre eine Jronisirung nur dann berechtigt, wenn sie keine Gefahr heraufbeschwören würde. Die unausweichliche Gefahr wäre aber für Deutsche jüdische» Bekenntnisses die, daß nunmehr die Feinde des Judenthum« aktiv legitimirt durch die Selbstironisirung, selbst die Waffe der Ironie mit Recht führen könnten. Nun ist aber thatsächlich einer Selbstiro ni e jeder Boden entzogen und deshalb jeder Versuch einer solchen verwerflich. Wie oft soll man