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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-24 · Heft 4 (24.1.1902) · p. Seite 43

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
Seite 43 (sequence 9)
Language
German
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Insbesondere bedarf es einer sorgfältigen Lektüre der ^betreffenden Landtagsreden, die Hader und Haß geschürt und das seitens jener Schwadroneure gewünschte Ziel erreicht haben, die „Judenfrage" in der gewählten Volksvertretung einmal ausführlich zur Sprache zu bringen und eine Fülle antisemitischer Schlagwörter unter die Massen zu werfen. Denn zum Fenster hinaus sind diese Juvektiven gesprochen worden, und nunmehr fiel die ganze reaktionäre Zeitungsmeute über diese fetten Leckerbissen her um sie auszumünzen, auszuquetschen. Leider auch des Justiz Ministers Bescheid auf die „Anfrage" der Antisemiten, weil der Minister nicht blos fortwährend mit dem in Süddeutschland ziemlich anrüchigen Ausdrucke „jüdisch" (statt mit dem bayerischoffiziellen „israelitisch") operirte, sondern, wennzwar gesetzliche oder administrative Konsequenzen des antisemitischen Antrags ablehnend, möglichste Rücksichtnahme aus die angebliche Volksstimmung in der Praxis zusagte — „Verfügung aus organischen Erwägungen" lautet der Fachausdruck im inner» Staatsleben Bayerns —für die nun künftig den israelitischen Juristen Bayerns gegenüber zu beobachtende Praxis. (Schluß folgt.) Eine Tsynbee-Halle in Berlin. Berlin, 17. Januar. 'ie wir schon in der vorigen Nummer mitgetheilt, soll auch hier demnächst eine Toynbee-Halle begründet werden. Da liegt denn die Frage sehr nahe: Wer war Toynbee, und was sind Toynbee-Hallen? Wir geben die Antwort nach einem Referat desHerrnRechtsanwaltsPlaczek-Posen n der letzten Großlogensitzung. Arnold Toynbee war im Jahre 852 als Sohn eines Arztes in London geboren; seine Jugend «erbrachte er auf dein Lande, ohne einen regelmäßigen Schulbesuch zu genießen. Mit 18 Jahren zog er sich seiner schwachen Gesundheit wegen in ein Dörfchen an der See zurück, wo er sich viel mit dem Lesen sozialer und religiöser Schriften befaßte. Ins der Universität in Oxford, die Toynbee dann besuchte, wurden die Professoren durch den eigenartigen Inhalt einer von ihm zur Erlangung eines Stipendiums verfaßten Schrift aufmerksam; er wurde Lehrer der Volkswirthschaft für diejenigen Studenten, die sich für die indische Verwaltung vorbereiteten. Nit 30 Jahren raffte ihn der Tod hinweg; er hinterließ nur wellige Schriften. In einer Vorrede zu seinem Werke „Vorträge über die wirthschaftliche Umwälzung in England" sagt der Herausgeber über Toynbee: „Niemand konnte in ihm eine Zpnr von Eitelkeit oder Ehrgeiz finden. Ob er Geld bekam «der nicht, war ihm bei seinen Arbeiten gleichgiltig. Er hatte die seltene Gabe, mit Menschen aller Klassen plaudern zu können; er wartete nicht, bis er angeredet wurde, sondern sprach selbst die Leute an. Er wurde von großen Arbeiter- Versammlungen mit außerordentlichem Beifall empfangen; sein vornehmes Aeußere hinderte sie nicht, in ihm einen wahren Freund des Volkes zu erkennen, der Verständniß für ihre Bedürfnisse und Mitgefühl für ihre höheren Wünsche hätte." Toynbee war kein Sozialist oder Parteimann, sondern er hatte den einzigen Wunsch, den armen Leuten zu dienen, nicht durch Almosen, sondern durch persönliche Freundschaft, durch Lernen und Lehren. Jedes Jahr ging Toynbee auf eillige Monate nach Whitechapel, dem berüchtigsten Armenviertel Londons; er wohnte dort in einer halb möblirten Stube, besuchte die Arbeiter in ihren Klubs, diskutirte mit ihnen, fragt« und antwortete und hielt geduldig bei ihnen ans, ohne sie „bekehren" oder „retten" zu wollen. Eine kleine Schaar sozial empfindender Gebildeter schloß sich seinem Beispiel an, und im Jahre 1883 trat Barnet, der unermüdliche Prediger von St. Jude in Whitechapel, mit seinein Schriftchen „Praktischer Sozialismus" hervor, in welchem er die Pläne der zu entfaltenden Wirksamkeit auseinandersetzte. „Der Arme braucht mehr Brod, richtig! aber gebt ihm mehr Wissen, damit er mehr Brod erringen könne. Bloßes Almosengeben schafft Bettler, bloße kirchliche Bestrebungen Heuchler, es muß etwas geschehen, was weder religiöse Missionen noch Wohlthätigkeitsvereine bisher vollbracht haben, und das ist nur möglich, wenn die Gebildeten nicht Geld, sondern ihr Wissen, ihre Kultur, ihre Zeit, mit ei»wm Wort sich selbst der Hebung der Arbeiterklasse hingeben." So entstand 1883 zunächst im Oltende der mit einem Kostenaufwand voll 50 000 Pfund Sterling hergestellte Peoples Palace, ein herrliches Heim für Volksunterhaltung und Volksbildung, und im folgenden Jahre die erste Toynbeehall Während das erstere eine Volkshochschule zu nennen^ist sollte in den Toynbeehalls oder Settlements der Gedanke lebendige Gestaltung gewinnen, daß die Gebildeten hier mit den Armen, den Arbeitenden zusammen kommen, um sie persönlich kennen zu lernen, ihrem Privatleben freundschaftliche Theilnakime entgegen zu bringen, ihnen nach des Tages Arbeit eine anständige, anregende Erholung zu verschaffen, sie über alle Gebiete des menschlichens Wissens in verständiger Form zu belehren, Arme und Reiche zusammen zu führen, um in friedlichem Austausch der Meinungen den sozialen Gegensätzen ihre Schärfe zu nehmen und die verschiedenen Bevölkernilgsklassen einander näher zu bringen, „in die graue Eintönigkeit des Lohnsklaventhums Farbe und Freude hineinzubringen, neben den Kampf um materiellen Vortheil das Streben nach idealen Zielen zu setzen". London besitzt bereits 40 solcher „Settlements"; an jedem Abend werden Vorträge oder musikalische Darbietungen gehalten, aus allen Gebieten des mellschlichen Wissens wird in populärer, verständlicher Form Belehrung ertheilt, in freundschaftlicher Weise wird den Hausfrauen Kenutniß in Hygiene, Haushaltung und Kinderpflege beigebracht. Die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen werden ans die Gefahren des Großstadtlebens aufmerksam gemacht und dafür gewonnen, die freie Zeit den anständigen und belehrenden Genüssen in den Settlements zu widme». Jedes einzelne der Settlements sucht neben der allgemeinen, erzieherischen Thätigkeit noch besondere Bedürfnisse der ärmeren oder arbeitenden Bevölkerung ausfindig zu machen. Das Unterrichts- und Arbeitsprogramm einzelner

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