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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-24 · Heft 4 (24.1.1902) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 4 (24.1.1902)
Date
1902-01-24
Page
Seite 41 (sequence 7)
Language
German
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Dennoch muß solchen Ausbrüchen des lange und systematisch gezüchteten Fanatismus geziemende Achtsamkeit geschenkt werden, wennschon diese Ausbrüche keineswegs als Eruptionen des schlummernden „Volksgewissens" zu gelten haben, wofür sie die verbohrte Selbsttäuschung der „arisch"- S'lütigen Rückwärtser gern ausschreien möchte. Ein derartiger Ausbruch blinden „Nassen"-Hasses nnd Brodneids ist nun wieder aus der allerjüngsten Vergangenheit zu buchen. Es ist > in Antrag, der zunächst im Finanzausschüsse der bayerischen Abgeordnetenkammer beim Justizetat gestellt wurde, und der auf nichts Geringeres hinauslief, als die faktische Gleichberechtigung der Israeliten, wie sie unbezweifelbarer Wortlaut des Gesetzes und vieljährige Praxis der Regierung gewährleisten, u durchlöchern. Die Sachlage zwingt, hier etwas weiter auszuholen. Im größten Theile des Deutschen Reiches und zumal über -essen Grenzen hinaus hat man von den innerer: Verhältnissen -es Königreichs Bayern grnndfalsche Ansichten. Was norddeutsche Dagesblätter, insbesondere die Berliner Zeitungen, auch die ogenannten führenden, aller Parteien darüber orakeln, erweckt n Bayern meistens nur komischen Eindruck. In hundert Dingen weicht Bayern, nicht etwa nur infolge seiner gerade jetzt viel besprochenen Reservatrechte, sondern vielmehr wegen seiner Ägenthümlichkeiten in der Bevölkerung, der staatlichen Entwickelung und der Volksanschauungen, durchaus von dem übrigen Deutschland ab. So auch in der politischen und ozialen Stellung seiner israelitischen Bevölkerung. Bekanntlich genießen ja im ganzen Süden des Deutschen Reiches die modischen Glaubensgenossen ein viel freieres Dasein. Die seit!869 gesetzliche Gleichberechtigung, die für das Königreich Sachsen und andere Glieder des Vaterlandes nur auf dem Rapiere steht, in Preußen auch noch weit von der Durchführung m der Praxis entfernt ist, nähert sich in den fünf süddeutschen Dtaaten, in Elsaß-Lothringen etwas durch französischen Demo- -ratismus getrieben, dem Buchstaben des Gesetzesparagraphen, m Bayern, wo ja norddeutsche Einflüsse dein nachhaltigsten widerstände begegnen, ist die Abneigung von Volk und Staat, den lnitarier- und Uniformirungsgelüsten zu begegnen, dem Judentum genug zu gute gekommen. Bis in die neueste Zeit war in den mittleren und niederen Schichten der Bevölkerung von wirkuchem Antisemitismus kaum etwas zu verspüren, und gar unter den „oberen Zehntausend" begegnete jeder wahrhaft Gebildete dem gebildeten Israeliten nur mit vollster gesellschaftlicher Gleichachtung, so weit nicht fremde Einflüsterungen uineinspielten. Je mehr letztere wuchsen, je mehr begann ein wirklicher Antisemitismus Wurzel zu schlagen. Am stärksten haben da die Anlehnung der fränkischen orthodox-protestantischen konservativen an die preußische Junkerpartei, das Vordringen des Bundes der Landwirthe in Nordbahern und die vielfältige Verbindung der bayerischen bäuerischen Agrarier, sowohl Ultramontaner als unabhängig-katholischer Richtung, mit den verbrüderten Organisationen in beiden Hessen und der Rheinprovinz Unheil gestiftet. Die agrarisch-konservativen Bauernbündler Mittel- und Unterfrankens drückten dabei auf ihre, rein politisch genommen, radikal-demokratischen Genossen in Alt- (Ober- und Nieder-) Bayern, und als die vor zwei Jahren zum neuen Landtage gewählten Abgeordneten beider Schattirungen sich, um ein parlamentarischer Machtfaktor zu werden, zu einer Fraktion, der „Freien Vereinigung", zusammenschlossen, glaubte auch die durch eben diese Neuwahl mit Hilfe der — Sozialdemokraten in eine knappe Majorität gelangte ultramontane (Centrnms-) Partei auf die nackt° egoistischen Instinkte der notorischen Hetzer Rücksicht nehmen zu müssen. So kam das verpönte Wort „Jude"') auch bei Centrumsmünner» Bayerns wieder statt des allein amtlichen „Israelit" (der Ausdruck „mosaisch" ist in Süddeutschland ganz ungebräuchlich) ivieder in den Vordergrund. Und mit ihm erwachte die aus dem Norden, größtentheils durch preußische Redakteure (so in München, Augsburg Regensburg, Würzburg, Aschaffenburg), importirte journalistische Hetze gegen die „Judenpresse" — worunter zunächst immer die, öfters mit Namen genannte, „Frankfurter Zeitung", die südwärts der Mainlinie eine Macht darstellt, zu verstehen ist, — ferner den „Judenwucher", „jüdische Unsittlichkeit" u. s. w., die leider nie abgenutzten schalen Schlagworte. Nunmehr rührt die Bewegung sogar an das Palladium der bayerischen Israeliten, nämlich an die Parität im Staatsorganismus bezüglich des Zutritts zu den öffentlichen Aemtern. Wie die wenigen aktiven Offiziere israelitischen Bekenntnisses, die die bayerische Armee im Gegensätze zu dem darin „judenreinen" Reichsheere zählte, nun bis auf einen oder zwei auch schon verschwunden sind — vom Reserveoffizier ist freilich irr Bayern Niemand ausgeschlossen, und wäre er auch „nur" ein Getreidehändler oder Fondsmakler — so legen jetzt die Judenfresser verschiedenen Kalibers die Axt an die Ansprüche der entsprechend vorgebildeten Israeliten auf Ein- und Vorrücken in der höheren staatlichen Beamtenkarriere. Am 10. November, dem Geburtstage Martin Luthers, der zuerst den Wahn des Vorrangs einer Konfession in Deutschland brach, und Schillers, des unvergeßlichen Freiheitsdichters, stellten 8 Mitglieder des Finanzausschusses der Abgeordnetenkammer des bayerischen Landtags den Antrag, „die Staatsregierung zu ersuchen, in der Justizverwaltung Israeliten nur in einer Zahl anzustellen, welche dem Verhältnisse der Israeliten zur Gesammtbevötkerung (das leitende Centrumsblatt schrieb: der Zahl ihrer Glaubensgenossen) entspricht." Es waren das sechs Centrumsleute (Dr. Heim, Hierl, Frank, Keßler, Burger. Dr. Pichler) und zwei Bauernbttndler (Hilpert, Dr. Gäch: ersterer protestantisch-konservativer Agrarier aus Mittelfranken, letzterer demokratisch-antiklerikaler Katholik aus Niederbayern), Wortführer der zungengewandte königliche Reallehrer (Oberlehrer einer königlichen Realschule »rach norddeutscher Titulatur- Dr. Georg Heim. Die aufgeworfene Frag, kam auch, wohl dank der momentanen Vorherrschaft der y ,,Jud" bedeutet beim Volke in ganz Süd- oder Altbayern vorzugsweise den jüdischen Hopfenhäudler und Gütermakler, in Nordbayern oder Franken den Viehkäuser und -Verkäufer, beides mit nichts weniger als schmeichelhaftem Klange, daher auch nicht selten als Schimpfwort gebraucht; „die Juddeln)" ist auch in Franken und der Pfalz ein ziemlich verächtlicher Ansdruck.

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