Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1902)
- Date
- 1902-01-24
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228473-3228478--58311-3294748- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
66. Jahrgang. Nr. 4. Berlin, 24. Januar 1902. eitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 17"7"' .. . i Begründet von Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements Preis Durch Buchhandel NaKbiNtr Ludwitt V1litil)1)s0»-L01M. Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl. 3 M. I N-daete«»: Gustav Karpeles. > Verlags-Grpe-ition: Lerlm, Leruscüemerstr.48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse . Verlag der „Allgem. Zeitung des Zudenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Leitartikel: Der fünfte Zionisten-Kongresz. — Die Woche. — Die gegenwärtige Stellung der Israeliten in Bayern. — Eine Toynbee-Halle in Berlin. — Etwas mehr Selbstachtung. Bon Richard L ich te n ste in. - Ein Schnitzer Renans. Bon Dr. Bi. Rahm er in Magdeburg. — Feuilleton r Ohne Wohnrecht. Von V. H. Oljnem. IV. — Prolog zum fünften Stiftungsfest des Vereins für jüdische Geschichte und Litteratur in Brandenburg a. H. Von Rabbiner Dr. A ckermann. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, ins der Provinz Posen, Rawitsch, BreSlau, Dresden, Hamburg, Einbeck, Ko-! urg, Würzburg, Wien. — Don Rah nnd Fern. — Miseetten. Ver fünfte Zionisten-Kongreß. Berlin, 22. Januar. ist interessant zu beobachten, wie die Zionisten sich von einem Kongreß zum anderen mausern. Vor und nach dem ersten Kongreß galt der „Judenstaat" als die ausschließliche Parole, und man hatte sogar schon über die Landesfarben, Fahnen und Wappen tiefsinnige archäologische Studien angestellt. Aber schon auf dem folgenden Kongreß verwandelte sich der Judenstaat in eine „öffentlich-rechtliche Heimstätte", auf dem nächstfolgenden Kongreß sprach man nur noch von einem „Charter" zum Ankauf von Land m Palästina, und auf dem diesjährigen war von nichts anderem die Rede als von Kolonisation in weitestem Umfange. Damit könnte sich am Ende Jeder einverstanden erklären, zumal diese Kolonisationsbestrebnngen schon seit einem halben Jahrhundert uns der Tagesordnung stehen und in Deutschland wie in Rußland, in Frankreich wie in England die Freunde des heiligen andes andauernd beschäftigen. Man kann zugeben, daß die bisherigen Kolonisativnsbestrebnngen nicht den erhofften Erfolg gehabt haben, man kann wünschen, daß die der Zionisten bessere Aussichten bieten, aber dies alles berechtigt noch lange nicht zu solchen Reden, ivie sie auf dem Zivnistenkongreß nnd in der Parteipresse geführt wurden. Am meisten gilt dies von der Rede Max Nordaus, die auch diesmal der Glanzpunkt des Kongresses sein sollte. Welche l aßtosen Uebertreibungen, welcher Schwall von Worten und Phrasen, wie viele nnerwiesene Behauptungen waren in dieser Lebe zu konstatiren! Und wie vieles, was selbstverständlich ist, a urde hier mit einer breiten Behaglichkeit ausgebauscht, die anr längst kennen, und die keinem tiefer Denkenden mehr zu mponiren vermag. „Eine streng statistische Durchforschung des jüdischen Volkes st eine allererste Nothwendigkeit für die zionistische Bewegung." Diese Behauptung wurde an die Spitze der Rede gestellt und v eingehend motivirt, daß wohl die Frage entstehen mußte: Ner hat denn je in Abrede gestellt, daß eine streng statistische Durchforschung des jüdischen Volkes eine dringende Nothwendigkeit sei? Und warum gerade für die zionistische Bewegung? Dann kommt sofort ein Satz, der so recht aus Nordaus Fabrik ist. „Die Heuchler und Schwätzer, die von der „Mission des Judenthums unter den Völkern" faseln, brauchen sich um jüdische Statistik nicht zu kümmern, sie wissen vom Judenthum genug, wenn sie wissen, wie viel Gehalt sie beziehen, und wie viele reiche Leute sie noch in ihrer Gemeinde haben." Also immer und immer wieder dieselbe kleinliche und erbärmliche Betrachtnngsweise! Und dabei wird übersehen, daß gerade aus dem Kreise, den der Redner in so häßlicher Weise angreift, alles stammt, was bisher auf dem Gebiete der jüdischen Statistik geleistet wurde. Es ist in mehr als einer Beziehung amüsant, mit dieser Behauptung die Nachricht zu vergleichen, die wir heute an anderer Stelle bringen, daß gerade die vielgeschmähte ck. 0. jene Statistik der Juden in Rußland bereits seit einiger Zeit in Angriff genommen habe. Wir begnügen uns mit diesen beiden Sätzen; wir unterlassen es, auf die Schlagworte von „Luftmenschen" und von „Bettelstudenten" einzugehen, die Nordau in den Mittelpunkt seiner Rede stellte; wir haben heute auch keine Veranlassung, die jüdischen Studenten gegen die Angriffe, die in dieser Rede gegen sie geschleudert wurden, zu vertheidigen - sie bedürfen dessen nicht einmal und werden es doch wohl selbst thun — aber wir möchten doch dem Präsidenten des Kongreffes, dem wir im Gegensatz zu seinen Genossen Maß und Form in diesen Dingen nachrühmen dürfen, zu bedenken geben, ob der Satz seiner Eröffnungsrede: „Wir haben nicht durch Schimpfereien zu beweisen versucht, daß wir feinere Leute seien," auch durchweg den Thatsachen entspreche, oder ihn auf den Vortrag des Herrn Israel Zangwill auf dem Kongresse selbst verweisen. Wir schätzen Zangwill als Dichter sehr hoch ein, aber als Politiker wird ihn nach dieser Rede wohl Niemand mehr ernst nehmen; denn sie war nichts als ein unqualifizirbarer und durchaus unmotivirter Angriff auf die Lolonisntion ^.sLvoiatiott, der irr dem Antrag gipfelte, daß der Kongreß die Haltung und das Vorgehen der Vollstrecker des Testaments des Baron Hirsch öffentlich verurtheile. Aus dieser Rede möchten wir nun aber doch zur Charakteristik des Tons, der in diesen Versammlungen herrscht, einige Blüthen pflücken. Entgegen seinem Genossen Nordau, der der Meinung ist, daß jeder jüdische Millionär ohne Weiteres dem Judenthum verloren sei, giebt Herr Zangwill doch keinen Millionär verloren, ehe er todt ist. Aber er wendet sich mit aller Schärfe gegen die Kolonisationsbestrebungen der 9. 0. von deren Vorstand er kühn behauptet: „Einige von diesen Herren