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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-17 · Heft 3 (17.1.1902) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 3 (17.1.1902)
Date
1902-01-17
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 1. April 1901 zeigt uns, daß die altbewährte Anstalt in voller Frische sich befindet. Das Kuratorium ist folgendermaßen zusammengesetzt: Rentner Jos. Stern. Münster. Präses; Jnstizrath Hertz. Münster, stellvertretender Präses; königlicher Kommerzienrath M. Beer, Essen, Rentner Ad. Elias, Dorlmnnd, Bankier M. Katzenstein, Bielefeld. Fabrikant C. S. Lehmann, Köln, Kuratoren; Bankier M. Hanf. Witten. Jnstizrath Hertz, Münster, Kaufmann Jos. Levison, Düsseldorf, stellvertretende Kuratoren. Am 27. Dezember v. I. feierte die Marks- Haindorfsche Stiftung das Fest ihres 75 jährigen Bestehens. Ueber den schönen Verlauf desselben brachte die „Allgemeine Zeitung des Judenthuuls" eingehende Berichte. DieAestreden selbst unterbreitet der Vorstand im Wortlaute den Freunden der Anstalt in einer besonderen Beilage zum Jahresberichte. Für die Gestaltung der finanziellen Verhältnisse der Anstalt war von besonderer Bedeutung die erfreuliche Thalsache, daß der Verband der Shnagogeugemeinden Westfalens auf seinem diesjährigen in Bielefeld abgehaltenen Gemeindetage die Sache der Stiftung zu der seinen gemacht hat. Wie wir hören, ist der Verbandsansschuß in derselben Angelegenheit bereits mit dem Ausschüsse des Rheinischen Verbandes in Verbindung getreten. Der Lehrkörper des Seminars hat im verflossenen Jahre eine einschneidende Veränderung erfahren. Seminardirigent Dr. Gntmann hat am 1. Oktober 1900 einem ehrenvollen Nnse als Leiter der jüdischen Mädchenschule in Berlin Folge geleistet. Bei dein Ilmblick nach einem Nachfolger wnrde die Aufmerksamkeit des Kuratoriums auf den Töchterschullehrer Dr. Spanier ans Hamburg gelenkt. Nach erfolgter Bestätigung durch das königliche Provinzialschulkollegium trat Dr. Spanier sein neues Amt am 1. Oktober vorigen Jahres au. Der Besuch der Anstalt hat sich während der Berichtszeit nicht wesentlich geändert. Es betrug die Durchschnittsziffer der Seminarklassen 16, der Elementarklassen 38, der Neligionsktassen 24 Schüler. Sämmtliche Zöglinge des 1. Seminarkursus ans beiden Berichtsjahren haben die erste Lehrerprüfung vor der königlichen Prüfungskommission bestanden, und Alle sind sogleich in Gemeindestellnngen berufen worden. Es sind dies: Otto Kaiser aus Gelsenkirchen. jetzt Lehrer in Werl, Max Levisohn aus Bochum, jetzt Lehrer in Corbach, Julins Buchdahl aus Nieder-Alme, jetzt Lehrer in Horn (Lippe). Julius Cohn aus Wünnenberg, jetzt Lehrer in Oelde, Wilhelm Grünberg aus Münster, jetzt Lehrer in Jüchen, Max Meyer aus Mayen, jetzt Lehrer in Lechenich, Albert Nosenbanm aus Laasphe, jetzt Lehrer in Padberg. Wir hoffen, daß die Anstalt fortfahren wird, ein bedeutsamer Knlturfaktor in verdeutschen Judenheit zu sein. X. Wattenscheid, 7. Januar. Unsere Gemeinde ist durch einen schweren Verlust in tiefe Trauer versetzt worden. Am 3. d. M. starb unerwartet nach kurzem Krankenlager Lehrer Max Rotschild mi Alter von 29 Jahren an den Folgen einer Blutvergiftung. Während seiner fünfjährigen Thätigkeit als Prediger und Lehrer der Schule, die durch seine Bemühungen im Jahre 1899 zu einer öffentlichen umgewandelt worden war, hatte er es verstanden, durch treue Hingabe an seinen Berus, sein liebenswürdiges und friedfertiges Wesen sich die Hochachtung und Dankbarkeit weiter Kreise zu erwerben. Sein frühes Hinscheiden erregt überall tiefe Theilnahme. Die Beerdigung gestaltete sich daher zu einer großen Trauerkundgebung. Vorher fand im Hause eine kurze Trailerfeier statt, bei welcher Gelegenheit Lehrer Andorn aus Hattingen seinem treuen Freunde ergreifende Abschiedsworte nachrief. Auf dem Friedhofe hielt Rabbiner Dr. Samuel-Essen die ergreifende Trauerrede. Der Redner entwarf ein Lebensbild des Verstorbenen, wie er in Arbeit, Liebe, Treue und Frieden als rechter Lehrer seinen Beruf anfgefaßt und darin gewirkt hat Die geistvolle Rede hinterließ bei der großen Trauergemeinde einen tiefen Eindruck. Lehrer Kaufmann aus Gelsenkirchen sprach im Namen der jüdischen Lehrer in Rheinland und Westfalen und gab dem Schmerze Ausdruck über den Verlust eines so wackeren Kollegen. Der Verstorbene hinterläßt eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Er ruhe in Frieden! o. Efferr a. d. R, 10. Januar. Unsere Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten. Am 9. d. M. entschlief nach langem, mit großer Geduld ertragenem Leiden der allgemein bekannte und hochgeschätzte Prediger und Hauptlehrer a. D. Moses Bl ume n feld nach soeben vollendetem 80. Lebensjahre. Die Trauer ist eine allgemeine. Das Leichenbegängniß fand hellte unter allgemeiner Theilnahme statt. Die Schuljugend eröffnete den Zug. der angesehene Essener Gesangverein, dessen Ehrenmitglied Blumenfeld gewesen, folgte, während unmittelbar vor dem Sarge die vier Orden getragen, mit denen der Schulmann und Patriot während seiner langen und erfolgreichen Laufbahn ausgezeichnet worden war. Hinter dem Leichenwagen aber folgte neben den Leidtragenden, man darf sagen, die ganze Gemeinde. Da waren aber auch Abordnungen der verschiedensten Vereine und Korporationen anzntreffen, eine große Anzahl von Lehrern und Predigern der Nachbargemeinden, Hoch und Niedrig. Alt und Jung. Angehörige sämmtlicher Konfessionen und Kreise der Bürgerschaft. Pietätvoll wnrde der Kondukt an dem ehrwürdigen Gotteshause vorbeigeführt, ans dem gedämpftes Licht herausschimmerte, und voll dessen Fassaden und Kandelabern lange Trauerflore herabhingen. Eine herrliche Weise erklang zur Einleitung der Friedhofsseier; dann nahm der Rabbiner Dr. Samuel, der vor acht Jahren die Nachfolge Blnmenfelds angetreten, das Wort zur Grabrede. „Unsere Seele Waran seine Seele geknüpft," so klang es durch feinen wehmüthigen, tief ergreifenden Nachruf; „er hat uns seine Seele gegeben, darum geben wir ihm die unsere." Namens des Vereins israelitischen Elementarlehrer der Rheinprovinz und Westfalens widmete Herr Hauptlehrer Graf dem entschlafenen Meister Worte der Dankbarkeit, und unter nochmaligem Gesänge und den üblichen Gebeten ward der Sarg der Erde anvertraut. Unterdessen harrte das in ernstem Trauer-schmucke prangende Gotteshaus der Gemeinde, die sich scholl eine halbe Stunde nach der Beerdigung in dichten Schaaren zur Gedächtnißfeier drängte. Orgelspiel und Gesang. Predigt und Gebet machten hier an der Stätte, wo der Verewigte über 50 Jahren seilles hohen Amtes gewaltet, eitlen tiefen, unvergeßlichen Eindruck. Diesmal ging der Prediger von dem Psalmverse aus: „Schön warst du unter den Menschenkindern. Huld war ausgegossen über deine Lippen, darum segnete dich der Herr für ewig." und entwarf in großen Zügen ein Lebensbild des Entschlafenen. In demselben hob er besonders die glänzenden Geistesgaben Blumenfelds, die geschlossene und wahrhafte Persönlichkeit desselben und die durch volle Hingabe an alle seine Aufgaben erzielten außergewöhnlichen Erfolge hervor, unter denen die allgemeine Liebe und Bewunderung seiner Gemeinde der größte gewesen. Mit einem Aufruf, das Vermächtttiß des edlen Todten: Treue gegen den Glauben und friedliches, gemeinnütziges Zusammenwirken hochzuhalten, schloß der Prediger. — Mit Blnmenfeld ist einer der edelsten Vertreter der jüdischen Lehrerschaft dahingegangen, dem nicht nur die Gemeinde Essen unendlich viel verdankt, sondern dessen Bedeutung eine viel weiter reichende, eine jüdisch-geschichtliche ist. Wir hoffen in einem besonderen Artikel auf dem seltenen Mann znrückzukommen, dessen Andenken ein gesegnetes bleiben wird. o. Aus der Provinz Heffen-Naflau, im Januar. Welch wunderbare Blasen das Leben in jüdischen Kreisen oft treibt, mag folgendes Vorkommniß bezeugen. In dem Bezirke des Rabbiners Dr. S. in W. hat der Rabbiner der kleinen Separatgemeinde schon seit Jahren sich heransgenvmmen, bei Leichenbegängnissen einzelner sich als orthodox gerirender Familien Grabreden zu halten, ohne die Erlaubnis; des Bezirksrabbiners einzuholen. Gegen dies eigenmächtige Vorgehen hat nun aber der Vorstand einer Gemeinde energisch Einspruch erhoben, dem auf Grund des eingezogenen Gutachtens des Bezirksrabbiners Folge gegeben wurde. Dem betreffenden Rabbiner wurde jeder Eingriff in die Rechte des Bezirksrabbiners bei Strafe strengstens untersagt. Nun fanden berathellde Versammlungen statt, und das Ergebniß derselben waren drei Eingaben an die Behörde, in denen n. a. erklärt wurde: „Eher keine Seelsorge als die Seelsorge eines Geistlichen, welcher einer anderen Konfession angehört." Allem setzt aber der folgende Satz die Krone aus: „Den Zustand, wie er jetzt geschaffen ist und früher wohl niemals war, daß nur bei liberalen, nicht aber bei orthodoxen Inden den Sterbenden ein Seelsorger Trost spende oder auch nur dem Todten einen Nachruf widme, wird die erleuchtete und weise Behörde gewiß nicht beabsichtigen." Es wird hier, wie dein Eingeweihten nicht erst gesagt zu werden braucht, der hohen Behörde vorgespiegelt, daß jener Gewissensdrnck, der während des Kulturkampfes durch Versagung der Sterbesakramente geübt ward, ein Analogon fände in dem Verbote, ans einer fremden Kultusstätte ohne Ermächtigung des Zuständigen zu fnngiren. Wer wehrt es denn dem orthodoxen Rabbiner, wenn es ihm sein „priesterliches" Gewissen nicht verbietet, an irgend einem Sterbelager, selbst eines Liberalen. Trost zu spenden? Zur Ehre der wenigen Unterzeichner muß gesagt werden, daß die Meisten zur Hergabe ihrer Unterschrift zu der Eingabe, die sie gar nicht gelesen, überredet worden sind.

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