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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-17 · Heft 3 (17.1.1902) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 3 (17.1.1902)
Date
1902-01-17
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Oesterreich - Ungarn- Wien. 18. Januar. Der famose K. H. Wolf, dessen skandalöse Affäre den Seinen viel Aerger bereitet, soll sich nun doch wieder um ein Mandat bewerben wollen; in seiner Partei herrscht jedoch Zwist darüber, ob dies bereits jetzt geschehen soll, zu einem Zeitpunkte, wo dem Führer der Alldeutschen in öffentlichen Memoranden, wie jenes von Professor Seidl und dessen Gattin produzirte derbe nnd unangenehme Dinge ins Antlitz geschlendert werden. Nach den darin geschilderten Vorgängen sollte, so heißt es u. a. in dem Memorandum, Wols doch endlich aushören, „die Nolle eines Vorkämpfers für die idealen Güter des deutschen Volkes spielen zu wollen!" — In der Gesellschaft sürSammlung vo n h ist or is ch en Denkmälern des Juden thums hielt Professor Dr. W. Bacher aus Pest einen höchst interessanten Vortrag über das jüdische Schulwesen im Alterthum.—Vor einigen Tagen feierte Kommerzialrath Herrman Stiaßny in vollster geistiger und körperlicher Frische seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar ist noch einer der wenigen Ueberlebenden aus der akademischen Legion von 1848. Unter den Humanitären Werkeil des Jubilars ragen die beiden segensreichen Schöpsungen des Asyls für schwachsinnige Kinder nnd des israelitischen Versorgungshauses hervor. — Der Kaiser hat die beiden Professoren an der hiesigen Universität, Dr. Adam Politzer und Dr. David Heinrich Müller, zu Hofräthen ernannt. — Seit dem Bestände des ystrischen Landtages ist nunmehr das erste Mal ein jüdischer Abgeordneter in denselben entsendet worden, es ist dies Dr. Graziadio Luzatto. Advokat in Görz. — Der vor 14 Tagen verstorbene Baron Heinrich Lüvay in Budapest sott fast sein ganzes, aus mehrere Millionen belaufendes Vermögen zu katholischen kirchlichen Zwecken hinterlassen nnd für allgemeine wohlthätige Zwecke nichts bestimmt haben. Diese Nachricht dürfte jedenfalls ziemliches Aufsehen erregen. Baron Lövay. der Sohn eines armen Schächters in einer kleinen ungarischen Judengemeinde, hat es noch als Jude zum Magnatenhansmitglied. Baron und mehrfachen Millionär gebracht und seine jüdische Abkunft nie verleugnet. Erst im Greisenalter. als er das siebzigste Lebensjahr überschritten hatte, schritt er zur Taufe. — In Krakau ist am 28. v. M. Dr. Jacob Blatte is im 58. Lebensjahre verschieden. Der Verstorbene gehörte zu den renommirtesten und angesehensten Aerzten nnd erfreute sich in allen Schichten der Bevölkerung, ohne Unterschied der Konfession, der größten Hochachtung nnd Sympathie. Budapest. 2. Januar. Die Einberufung eines neuen Kongresses, welcher die Basis zur Ausgestaltung der so sehr gewünschten israelitischen Autonomie bieten soll, bildete den Hauptgegenstand der gestrigen Generalversammlung des 6. israelitischen Gemeindedistrikts. Nach einer längeren Debatte wurde der Antrag des Reichstagsabgeordneten Visontai: „Die Distriktsversammlnng möge eine ständige Kommission entsenden, deren zweifache Aufgabe es sein wird, beim Unterrichtsministerium die Erledigung der im Jahre 1896 eingereichten Repräsentation zu urgiren. nnd Mittel und Wege zu finden, damit die einheitliche Organisation der ungarischen Judenschast ermöglicht werde", einstimmig angenommen und die ständige Koni. Mission auch sofort gewählt. Bis nicht der Frieden zwischen den Orthodoxen und den Neologen hergestellt oder wenigstens eine Verständigung zwischen den beiden sich noch immer schroff gegenüberstehenden Parteien ermöglicht wird, ist an einen neuen Kongreß nicht zu denken. Zu einer Versöhnung werden die Orthodoxen so bald nicht die Hand reichen. Don Nah und Fern. — Dem Stadtrath Mamroth hier ist ans Anlaß seilles 70. Geburtstages eine große Zahl von Glückwunschadressen rc. zugegangen. Hervorzuheben ist eine Ovation der Beamten und des Personals des städtischen Obdachs in der Fröbelstraße, deren Ches Mamroth seit mehr als 20 Jahren ist. — Das Wiedererscheinen Ahlwardts hat jüngst in einer Antisemitenversammlung allgemeine Verblüffung erregt. Er erschien dieser Tage znm Staunen der Anwesenden Plötzlich in einer Versammlung des „Deutschen Volksbundes" und erklärte den verblüfften Antisemiten, daß er nach einer längeren, durch „persönliche Verhältnisse" bedingten Pause wieder „mit aller Kraft" in den politischen Kampf eintreten werde. Im Reichstage sei er jetzt „Einspänner". doch habe er die Absicht, sich dem „Deutschen Volksbunde" anzuschließen. Er werde wieder im politischen Kampfe eine „schneidige Waffe" führen. Da ein „Friede" noch nicht möglich sei, verkünde er nun „Krieg auf Erden", bis der Sieg errungen sei! — Im Alter von 71 Jahren ist hier der Redakteur des Handelstheils der Nationalzeitung. Julius Basch, gestorben. Derselbe war ans Lissa gebürtig. Durch seine Kenntnisse, seine Begabung und seinen makellosen Charakter hatte er sich allgemeine Hochachtung erworben; er war einer der angesehensten Berliner Journalisten. Ehre seinem Andenken! — Dr. med. Benny Rosenthal wurde zum Sauitätsrath ernannt. — Dem Privatdozenten an der technischen Hochschule in C h a r lotten - bürg, Dr. Richard W o lfsen stein, ist der Professortitel verliehen worden. — In C h a rl o t t enbu rg ist am 8. d. M. im Alter von 70 Jahren der Rentier Isidor Moll aus Lissa i. P. gestorben, der viele Jahre hindurch in Glogau dem Stadtverordnetennnd Nepräseutantenkollegium angehört hat. — In Frankfurt a. O. ist am 10. d. M. Sanitätsrath Dr. Lubarsch , Ehrenbürger der Stadt Sonnenburg, nach langen Leiden gestorben. — In Peiskretscham ist der hochbetagte Kantor Salomon Nathannach kurzem Krankenlager im Alter von 81 Jahren verschieden. Von einem großen Trauergefolge wurde der würdige Mann zur letzten Ruhe geleitet. Noch vor einigen Monaten war es ihm vergönnt gewesen, das Fest der goldenen Hochzeit zu feiern, wobei ihm Rabbiner Dr. Münz-Gleiwitz den Segen ertheilte. Derselbe Rabbiner hat ihm nunmehr die letzte Ehre erwiesen und an seiner Bahre eine ergreifende Grabrede gehalten. — In Schneidemühl wurde Dr. Davidsohn wieder einstimmig zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. — In Kattowitz ist am 8. d. M im 76. Lebensjahre der Rentier S. M. Schalscha verstorben. Derselbe war Stadtverordneter und Vorstandsmitglied (ev. erster Vorsitzender) des Synagogengemeindevorstandes, eine in allen Kreisen sehr beliebte Persönlichkeit. — In Breslau ist am 11. d. M. der belgische Konsul Ernst Bauer. Mitinhaber der Möbelfabrik Gebrüder Bauer, Breslau-Berlin, gestorben. — Zum Geheimen Medizinalrath wurde der Kreisarzt Dr. Rubensohn in Grätz, zum Medizinalrath der Kreisarzt Dr. Lichtwitz in Ohl au ernannt. — Nach Lan d eshut i. Schl, ist der Prediger und Lehrer Falken st ein aus Birnbaum als Kultusbeamter berufen worden. — Zum Prediger am israelitischen Tempel in Hamburg ist Dr. Paul Rieger, Rabbiner in Potsdam, erwählt worden. — Der königliche Generalarzt Dr. Moritz Neuhöfer in München feierte am 12. d. M. seine goldene Hochzeit. Generalarzt Neuhöfer, der während seiner langjährigen Dienstzeit bei zahlreichen Regimentern Dienst geleistet hat, war zuletzt bei der Münchener Stadtkommandantur angestellt, bis er vor etwa zwölf Jahren in den Ruhestand trat. — Dein Rechts-! anwalt Dr. Ludwig Bauer, langjähriger Vorstand der israelitischen Gemeinde Augsburg, ist der Charakter als Justizrath verliehen worden. — Dr. med. Oppenheimer in Würzburg ist zum Hosrath ernannt worden. — Herr Maximilian G oldschmidt in Frankfurt a. M. ist zum österreich-ungarischen Konsul daselbst ernannt worden. — Das erste jüdische Waisenhaus in Italien ist aus dem Nachlaß der Frau Regina Attias in Florenz errichtet und am 28. November v. I. feierlich eingeweiht worden. — Wie die gewöhnlich gut unterrichteten „Nußkija Wjedomosti" zu melden wissen, ist in Petersburg eine unter dem Vorsitz des Gehilfen des Ministers des Innern, Herrn P. N. Durnowo, tagende Kommission eingesetzt worden, welche die gesummte jüdische Gesetzgebung zu revidiren hat. In die Kommission werden alle Ministerien ihre speziellen Vertreter entsenden. — Wie die „St. Petersburger Wjedomosti" melden, gedenkt die russische Regierung allen Juden den Aufenthalt in den außerhalb des Ansiedelungsrayon gelegenen Badeorten zu gestatten. Die oberste Medizinalbehörde wird im Februar die Frage näher prüfen und eine definitive Entscheidung darüber treffen. — Der Gouverneur von Bessarabien hat den Juden von Ki sch inew gnädigst gestattet, aus ihren eigenen Mitteln, nämlich aus den Resten der Karobkagelder, vier jüdische Privatschulen für die Dauer von vier Jahren mit zusammen 960 Rubel und weitere vier Privatschulen für ein Jahr mit 600 Rubel zu subventioniren. Für diese großmüthige Unterstützung fordert der Herr Gouverneur jedoch nichts mehr und nichts weniger, als daß in allen diesen ausschließlich von jüdischen Kindern besuchten Privatschnlen christliche Lehrer angestellt werden. — In Jerusalem ist der bekannte Baurath Dr. C. Schick gestorben, der sich um die Ausgrabungen im heiligen Lande große Verdienste erworben hat. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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