Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- Seite 35 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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35 Der Neffe begrüßte den Onkel sehr liebenswürdig; trotzdem war Jankel mit dem Empfang nicht zufrieden. Zuerst brüstete sich der kaum flügge gewordene Advokat vor dem Onkel ans der Provinz mit dem Reichthum und der Pracht seiner Wohnung, dann, als er erfuhr, das; der Onkel unbestimmte Zeit in Petersburg ohne gesetzliche Erlaubniß verbringen wolle, änderte er den Ton. Dazu kam noch, daß, wie Jankel bemerkte, der Neffe nicht die entscheidende Stimme im Hause habe und sich vor der Frau fürchte. Er erzählte, wie streng die Gesetze gehandhabt würden, wie unmöglich es sei, irgend Jemand vor den Dienstboten, vor den Thürhütern zu verbergen, da die Letzteren verpflichtet wären, jede Person, die sich im Hause aufhalte, zu melden. Jankel hörte zu und dachte bei sich: „Ein kleinlicher Mensch, versteht zu nehmen, versteht aber nicht zu geben, Dem, der da nöthig hat. Kann sich nicht in die Lage des Anderen versetzen." Aber schließlich arrangirte er sich doch beim Neffen mit dem Nachtlager. Woroschin war außer sich vor Freude, als Jankel ihm den Kauf des Gutes Vorschlag. Nach einigen Tagen ließ er ihn wieder rufen und übergab ihm die Kommission. Die Vorverhandlungen mit Zotow gingen schnell von statten, ein ganzer Monat war glücklich vorüber, aber heute war Jankel ohne Obdach für die Nacht. Zuerst legte er der Sache gar keine Wichtigkeit bei, er kannte sehr viele Geschäftskonditoreien und Restaurants, die ganz früh des Morgens geöffnet und sehr spät in der Nacht geschlossen wurden. Es würde ausgezeichnet gehen, im Restaurant konnte er bis spät in der Nacht bleiben und in der Konditorei den Morgen verbringen. Ilnd die dazwischen liegende Zeit? Ah bah! Was macht das aus! Da werde ich eben auf den Straßen spazieren gehen. Ein Geschäftsmann darf sich vor nichts fürchten? Und was ist da überhaupt zu fürchten? Es giebt verrückte Leute, die zum Vergnügen aus dem warmen Zimmer aus die Straße gehen und dort heruinspazieren. Nun gut! Jankel Kantorowitsch wird auch mal meschugge sein und in der Nacht spazieren gehen. Lange saß er in einem Restaurant dritten Grades und verlangte bald Thee, bald etwas Warmes, bald etwas Kaltes. Er las die Zeitung vom Anfang bis zum Ende durch, bald wußte er die Nummer fast auswendig. Auf der ersten Seite bewies ein Mann einem zweiten, daß er, der Erste, klng sei, der Andere aber dumm sei und nichts verstehe. Das interessirte Jankel eigentlich sehr wenig, aber er wollte ja die Zeit todtschlagen, deshalb las er gewissenhaft alle Beweise und Gegenbeweise. Viel interessanter waren seiner Ansicht nach die Börsenberichte. Sie waren gut geschrieben, und er verstand sie. Langsam schlich eine Stunde nach der anderen hin. An den Tischen des Restaurants hörte das Geschwätz der Besucher aus, alles ging nach Hause. Jankel verließ seinen Platz nicht. Seine herzensgute, fröhliche Stimmung vom Abend hatte sich geändert. Er war unruhig geworden, er fühlte sich gekränkt, beleidigt. War es nicht wirlich beleidigend? Er hatte nicht gestohlen. Niemand betrogen oder beraubt. Von weither war er gekommen, geschickt worden, um ein ehrliches Geschäft unter ehrlichen, hochangesehenen Leuten zu vermitteln, Leute, die ihm, Jankel Kantorowitsch. Vertrauen schenkten, ihm all ihre Geschäfte übergaben, und nnn konnte er in dem großen, weiten Petersburg für sein ehrliches Geld kein Winkelchen finden, wohin er sein müdes Haupt betten konnte. Er muß in der finsteren Nacht durch die Straßen schleichen, sich vor jedem Schutzmann verstecken wie ein Dieb, ein Wegelagerer! Und warum, um Gotteswillen? Es existirt ein Gesetz: Der Jude hat kein Recht, in Petersburg zu wohnen. Ja, warum haben sie denn solch ein Gesetz gemacht, und wer hat es gemacht? Nur damit er, Jankel Kantorowitsch, kein Nachtlager, kein Obdach haben soll? Was hat sich Jankel Kantorowitsch zu Schulden kommen lassen? Laßt hören! Er arbeitet, er muß arbeiten, denn er hat Familie, hat Kinder. Alle wollen leben, und Jeder muß arbeiten, muß so arbeiten, wie er es gelernt hat, wenn es nur auf ehrliche Weise geschieht. Sie sagen, ein Kommissionär ist ein Nichtsthuer, ein schädlicher Mensch. Und doch wird Niemand ohne Kommissionär etwas thun, nicht einen Schritt. Da ist er das beste Beispiel. Ist er denn aus eigenem Antriebe hergekommen? Niemals wäre er gefahren, wenn Zotow ihn nicht geschickt hätte, und Woroschin, ein Mann in so hoher Stellung, jeden Tag giebt er Jankel nicht einen, nein zwei, drei Aufträge. Das heißt also, man kann sich nicht ohne Kommissionär behelfen. Aus welchem Grunde jagt mail ihn also weg, wenn er so nöthig ist? Es ist doch alles komisch auf dieser Welt eingerichtet. Einer hat die Fähigkeit, Beamter zu werden, der zweite Sänger, der dritte Schneider, der vierte Kommissionär. Jeder soll sich mit dem beschäftigen, wozu er Fähigkeiten besitzt. Warum Jemand hindern oder ihm etwas in den Weg legen? Jankel dachte über die Unvollkommenheit des Erdenlebens nach und erschrack selbst nicht wenig über seine freisinnigen Gedanken. Aber das Gefühl unverdienter Beleidigung wuchs und wuchs in seiner Seele. Er verließ das Restaurant sofort, nachdem der verschlafene Kellner ihm zugernfen hatte: „Mein Herr, man wird sofort das Licht anslöschen." Die Nacht war nicht sehr kalt, aber feucht und windig. Anfangs, als Jankel aus dem Restaurant trat, war ihm warm, aber bald durchdrang die Feuchtigkeit den Pelz, und er fühlte sich erschauern. Das nächtliche Treiben schwieg bald vollständig. Ein dichter Nebel lagerte über der Stadt, die Trottoirs glänzten vor Feuchtigkeit. Fest in seinen Pelz eingewickelt, ging Jankel durch eine der Straßen, die zum Newski Prospert sichren. Jetzt war es nicht nur eine Beleidigung, es war schrecklich, entsetzlich! Und Plötzlich kommt ihm vor, Jemand packe ihn beim Kragen und frage: „Du, wohin gehst Du, wer bist Du, hast Du Wohnrecht?" Was wird er antworten? Welch ein Skandal für seine Kinder! Sara Markowna hatte Recht gehabt; warum hatte er nicht auf sie gehört? Nun begann Jankel sich selbst Math zuzusprechen. „Wessen Sache ist es eigentlich," sagte er zu sich selbst, „wohin ich gehe. Vielleicht gehe ich von einer Gesellschaft nach Hause, ich habe mich verspätet und gehe gemächlich. Wer kann wagen, mich anzuhalten? Wenn ich hin- und herlaufen odergar wie ein Betrunkener schwanken würde, wäre es etwas anderes. Aber so, ich gehe ganz einfach irgendwohin." Und er ging weiter mit dem nicht beschleunigten Schritt eines Mannes, der keine Eile hat, nach Hause zu kommen. „Ja, und wie weiß man überhaupt." beruhigte er sich weiter, „ob ich ein Jude bin oder eilt Russe, auf meinem