Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- Seite 33 (sequence 11)
- Language
- German
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33 Nach jenem Gesetz hatte der Herausgeber einer Zeitschrift nur nöthig, dem Oberpräfidenteu einen Prospektus zu übersenden und die von ihm geforderte Kaution zu stellen. Die Zeitung ist aber doch nicht erschienen. Jüdische Molkswihdolde in Polen. Von Dr. B. W. Löwenberg. ine der interessantesten Erscheinungen unter den Juden Polens ist der sogenannte „Choisek" oder Witzbold, Spaßmacher. Der „Choisek" betreibt meistens kein Handwerk — und wenn, so geschieht es blos gelegentlich —, besucht aber gern größere Versammlungen, ist bei jedem Familienfeste zu sehen, mischt sich unter die Hochzeitsgäste und ergötzt und belustigt überall die Leute. So kommt ihm hier und da etwas Speise und Trank zu gute, womit er das Leben fristet. Man könnte ihn demnach für einen Schmarotzer halten. Der Umstand aber, daß die „Choiseks" trotzdem vom Volke geachtet werden, und daß ihre Anzahl ziemlich bedeutend ist, beweist zur Genüge, daß ihre gesellschaftliche Stellung anders aufzufassen ist. Sie erinnern einigermaßen an die orientalischen, besonders in den Kaukasusländern und in Indien heimischen Volkserzähler. Letztere ziehen alljährlich zu gewissen Zeiten von Dorf zu Dorf; ivenn sie in einer Hütte Halt machen, finden sie sogleich eine Anzahl Zuhörer, die wahrend einiger Tage beständig wächst, erzählen Märchen und Schwänke, bekommen einigen Lohn und verlassen hierauf das gastliche Dorf, um ein anderes, benachbartes, zu besuchen. Eine vornehmere Spezies ist der sogenannte „Badchen", Volksdichter und Hochzeitshumorist. In früheren Zeiten war es einfach undenkbar, eine Hochzeit ohne „Badchen" zu feiern, und die reichen und vornehmen Juden in Litthanen und Polen setzten einen Stolz darein, einen berühmten „Badchen" aus Wilna oder sonstwoher zu ihren Feierlichkeiten eingeladen zu haben. Einer der bedeutendsten unter ihnen aus der letzten Zeit ist Eljokim-Badchen (Wilna), dessen Volkslieder heute in ganz Rußland gesungen werden. In den „Choiseks" und „Badchvnim" können wir unzweifelhaft die Autoren mancher Schwänke und Anekdoten sehen, welche heute Gemeingut des Volkes geworden sind. In den letzten Jahren sind größere Sammlungen von Anekdoten veröffentlicht worden, welche den drei bekanntesten Volkswitzbolden zugeschrieben werden. — Der erste von ihnen heißt Froim Graidiger. Ob und wann er gelebt hat, kann einstweilen nicht sicher festgestellt werden. — Hier haben wir also ein ganz modernes Beispiel, wie Volk und Volksautoren vollständig in einander verwachsen. Der Urheber der Anekdoten ist gestorben, inan hat ihn theilweise vergessen, und was er geschaffen hat, ist so volksthümlich, daß man nicht bestimmen kann, was voll ihm und was nicht von ihm ist. Schließlich wird seine Person selbst legendär. Allerlei Volkswitze reihen sich um diese Gestalt. Ihre weitaus größte Zahl trägt ein lebemännisches Gepräge oder wenigstens alltäglichen Charakter. Viel bissiger und tiefgehender erscheint der Humor bei dem zweiten Choisek — Herschek aus Ostropol. Von Diesem weiß man, daß er einige Zeit Schlächter war. Als ein besonders geeignetes Beispiel der satirischen Art Herscheks sei hier folgende Anekdote angeführt: Herschek erzählte dem Rabbiner Reb Bvruch so ein Ereigniß: „Heute früh komme ich aus dem Hause. Unterwegs begegnet mir der Engel des Bösen und fragt mich, wie ich mich befinde. „Schlecht," antworte ich, „ich habe kein Geld, und derSabbath naht." — „Geh," sagt mir der Engel, „zum Rabbiner, stiehl ihm einen silbernen Leuchter oder Löffel, und was du dafür als Erlös erhältst, wird genügen, daß du die Sabbathansgaben bestreitest." Ich gehe weiter, da begegnet mir der Engel des Guten; der fragt mich auch nach meinem Befinden. Ich erzähle ihm, wie schlimm es mir geht — und was mir der Engel des Bösen gerathen hat. „Bei Gott, versündige Dich nicht!" ruft er aus. — „Ja, aber ich möchte nicht Hungers sterben." — „Nun, nun, Du wirst Dir doch Rath schaffen; wende Dich übrigens Persönlich an den Rabbiner." — „Wenn Du so freundlich bist, so thue es für mich ..." — „Ja," antwortet der Engel des Guten, „ich würde es von Herzen gern thun; aber siehst Du, ich habe bis jetzt noch niemals die Schwelle des Rabbiner- Hauses übertreten .. .." Auch die Schwänke des dritten Vvlkswitzbvldes Mvtka Chabat sind bereits veröffentlicht worden. Es sind eigentlich flüchtige und oberflächliche „Bonmots", die manchmal an die Witze der „Fliegenden Blätter" erinnern, ohne jedoch dem Volksgeiste zu widersprechen. An den Probe», die nns die Sammler der Anekdoten (Lewitan, Lew u. A.) mittheiten, können wir die Mannigfaltigkeit der Charaktere und Temperamente auch bei den Volkswitzbolden feststellen: der genußfrohe Froim, der satirische Herschek und der mittelmäßige Motka bilden Jeder für sich einen besonderen Typus. - Bis jetzt beschäftigte man sich beinahe gar nicht mit der Persönlichkeit der die Märchen und Schwänke erzählenden oder die Volkslieder vorsingenden Leute. Indes verdienen sie Beachtung. Es sind eigens geartete Individuen mit mehr oder weniger dichterischer oder schwärmerischer Anlage, sowie mit viel Intelligenz. Sie bewachen den Schatz der Volksdichtung, sie schaffen manchmal Neues, sie Passen die Stoffe den neuen Umständen a», kurz, sie spielen eine bedeutende Rolle in der Volkslitteratur. Die Lew'sche Sammlung enthält auch ein Kapitel über „das jüdische Abdera". An Abderiten mangelt es nirgends, und die polnischen und litthauischen Juden sehen als ihre Heimstätte das Städtchen Chelm an. Wie die übrigen Abderiten sind auch die Chelmer „Narren" von unübertrefflichem Scharfsinn. Dafür nur einige Beispiele: Ein Spatz verunreinigt ein heiliges Buch in der Synagoge. Man beschließt, ihn zur Strafe vom Dache herabzuwerfen Damit er aber sicher hinunterfalle, läßt man den Synagogenwärter aufs Dach steigen, bindet den Sperling an ihn und stößt dann beide hinab. Eine Katze kommt alle Tage ans das Dach der Synagoge und stört durch ihr Miauen die Andacht. Dafür verdient sie gewiß den Tod. Um das Urtheil zu vollstrecken, zündet man im Augenblicke, wo sie wieder zu miauen auhebt, die Synagoge an. Die jüdische Gemeinde von Chelm beschloß, ein neues Badehans zu errichten. Wie sollten aber die Bretter drinnen sein? Gehobelt oder ungehobelt? Sind sie gehobelt, so wird man leicht ausgleiten und sich den Hals brechen können. Wird es aber nicht demüthiger sein, wenn eine so ehrwürdige Gemeinde wie diejenige von Chelm ungehobelte Bretter im