Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- Seite 31 (sequence 9)
- Language
- German
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Die Armuth wird vielmehr als wirkliches Elend empfunden, und es wird gesagt, das Leben der Armen sei kein wahres Leben. Gleichwohl sind andererseits die großen Gesahreu nie verkannt worden, die mit dem maßlosen Streben nach Vermehrung des Besitzes verbunden sind. Der Reichthnm erscheint in der Bibel oft als eine der hauptsächlichsteil Ursachen der entnervenden Genußsucht und des sinnlosen Luxus, als Zerstörer und Auflöser des Gemeinsinns und der Volkskraft. Gar häufig erheben die Propheten drohend und Wehe rufend ihre Stimme gegen die Reichen, deren Schätze ihnen nur zum Wohlleben dienen, und die unter der verweichlichenden und denwralisirenden Einwirkung dieses Wohllebens Kraft und Herz für die gemeinsame, schwer darniederliegende Sache ihres Volkes eingebüßt haben. „Wehe den Unbekümmerten in Zion, den Sorglosen auf dem Berge Samariens .... Sie liegen ans Elfenbeinbetten, ausgelassen hingestreckt auf ihren Polstern, verzehren fette Lämmer voll der Heerde und Kälber aus der Mast, plärren zu der Harfe Laut, ersinnen wie David sich Lieder, trinken den Wein aus Krügen und versalben das beste Oel — aber sie grämen sich nicht über den Ruin ihres Volkes. Darum sollen sie Allen voran in die Verbannung wandern; da ist es aus mit dem Gekreische der Ausgelassenen, spricht der Herr, der Gott der Heerschaaren." (Amos 6, 1 und 4—7). Oft auch erscheint in der Bibel der wachsende Wohlstand als eine Quelle der Ueberhebung und des Abfalls von Gott. Allbekannt sind die Worte jenes Liedes, das nach dem Berichte der Schrift der sterbende Mose der Beherzigung seines Volkes empfahl: „Israel wurde feist, und es schlug aus, ... da ließ es von Gott, seinem Schöpfer und verachtete den Fels seines Heils." (5. M. 32, 15). Am häufigsten aber wird die Sucht, sich zu bereichern gegeißelt, weil sie zur Hartherzigkeit uud Ausbeutung der Armen und Geringen, weil sie zur Vergewaltigung und Pauperisirnng der Schwachen und Kleinen führt. „Wehe," ruft der Prophet Jesaia, „wehe euch, die ihr Haus an Haus reihet, Feld an Feld rücket, bis kein Platz für Andere übrig bleibt und es dahin gekommen ist, daß ihr allein im Lande wohnt!" (Jes. 5, 8). Aehnlich lautet die Klage des Propheten Micha: „Wehe Denen, die auf ihrem Lager Arges sinnen, im Licht des Morgens es vollführen, denn sie haben die Macht dazu! Sie begehren Aecker und rauben sie, Häuser und nehmen sie, sie vergewaltigen den Herrn und sein Haus, den Mann und sein Erbe." (Micha, 2. 1—2). Bei einem ethisch so hochbegabten Volke jffvie dem altisraelitischen ist es leicht erklärlich, daß die Besitzesanhäufung auf der einen, die Verarmung auf der anderen Seite die edelsten Geister zu Ideen geführt hat, wie wir sie in der sozialen Agrargesetzgebung der Bibel ausgesprochen finden. Jedesmal nach fünfzig Jahren, im sogenannten Jvbeljahr, sollte jeder Israelit seinen Acker, dessen er in der Noth verlustig gegangen, wieder erhalten, wenn er ihn nicht schon vorher hatte wieder einlösen können oder seine Verwandten es für ihn gethan hatten. Auf diese Weise sollte den Gefahren des Reichthums und vor allein dem Elend der Verarmung entgegengearbeitet werden. Natürlich setzt diese nach ihren Motiven so erhabene gesetzgeberische Idee ein Volk von Bauern und sehr einfache Verhältnisse voraus. Es ist auch kein wirkliches geschichtliches Zeugnis; dafür vorhanden, daß diese Idee jemals in die Wirklichkeit übertragen worden ist. Aber der Geist, aus dem sie geboren ist, er ist in Israel lebendig geblieben. Niemals ist das Streben nach großen Reichthümern von der jüdischen Sittenlehre begünstigt worden. Schon in der Bibel findet sich die ausdrückliche Bestimmung für den israelitischen König, das; er nicht Gold und Silber anhänsen solle, damit er nicht vom rechten Wege weiche, »nd sein Herz sich nicht überheben. Viele ethische Sprüche mahnen davon ab, dem Trugbild des Glückes, das der Reichthum vorspiegele, nachznjagen. „Wer Geld liebt, wird des Geldes nicht satt, wer den Reichthum liebt, hat keinen Gewinn davon." (Koh. 5, 9.) „Mühe dich nicht ab, reich zu werden, von aller darauf verwendeten Klugheit sage dich los." (Sprüche 2, 3, 4.) Sv lauten die Sprüche der Bibel, und die Alten sagen: „Je mehr Güter, desto mehr Sorge." (Aboth 3.) Wahrhast glücklich, ineinen die Alten, wie die stoischen Philosophen, wahrhaft glücklich sei nur Der, dessen Wünsche auf diesem Gebiete nicht ins Ungemessene schweifen, Der, dessen Besitztrieb rasch befriedigt ist. „Wer ist reich?" fragen sie, und sie antworten: „Wer mit dem ihm beschiedenen Theil zufrieden ist." (Abvth 4.; „Wer ist reich?" so fragen sie abermals, und ein Schriftgelehrter antwortet: „WerGottesWort kennt und verbreitet." (KethubothöOu.) Damit dieser wahre Schatz des Menschen sich mehre, der Schatz an religiöser und moralischer Erkenntnis;, mahnen die Alten von allzu großer Betriebsamkeit ab. Denn wer allzu betriebsam sei, werde keine Weisheit erlangen. (Aboth IV. il>. II, 6.» Den eigentlichen Reichthum wissen sie nur zn schätzen, wenn er in ausgiebiger Weise, mit reinem Sinn und mit zarter Schonung des Ehrgefühls für die Zwecke einer rationell geübten Wohlthatigkeit verwendet wird. Dann schätzen sie den Reichthnm aber nicht um seiner selbst willen, sondern deswegen, weil er die Möglichkeit schafft, den Trieb zum Wohlthun in hohem Grade zn befriedigen und wegen seiner segensreichen Folgen. — Hiermit wollen wir unsere Ausführungen über die Ehre, die Arbeit und den Reichthuin in der jüdischen Sittenlehre schließen. So klein auch das Gebiet sein mag, das wir durchwandert haben, so kann es doch, wie wir glauben, einen Begriff von der ganzen Art und Weise geben, in der die ethischen Grundgedanken des Judenthums im Einzelnen ausgebaut worden sind. Darum dürfen wir uns auch wohl der Hoffnung hingeben, daß der geneigte Leser mit uns die Kraft des sittlichen Triebes, der auch bei dem Ausbau der jüdischen Ethik sich bethatigte, vollauf würdigen wird. Die Feinheit und Zartheit des Empfindens, die Reinheit und Hoheit des Standpunkts, die hier überall zn Tage treten, sind wohl geeignet, zu zeigen, daß sich im Talmud denn doch noch etwas anderes findet als endlose minutiöse Erörterungei; kultureller und rechtlicher Bestimmungen. Eine gerechte Beurtheilung des so umfangreichen, vielseitigen und einzigartigen talmudischen Schriftthums wird erst daun Platz greifen können, wenn alle Seiten desselben in gleicher Weise berücksichtigt werden, und wenn über dem Einzelnen nicht das Ganze vergessen wird-!