Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- Seite 30 (sequence 8)
- Language
- German
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und die herrschende christliche Weltanschauung, nur weil sie aus dem Judenthuin stammte, mit seinem Buddhismus todtschlagen wollte. Aber manche Lichtblicke gewährt das moderne Judenthum doch, und zu diesen rechne ich die letzte Bndgetberathung im Borstande der jüdischen Grobkultusgemeinde Wien. Waren das Ziffern! Vor 60 Jahre» und heute - welch ein Unterschied! Damals genügte den Juden Wiens die kleine Synagoge in der Seitenstettengasse zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse; wenn man aber heute in gesetzlicher Weise dafür sorgen wollte, dass die 166 000 Glaubensgenossen der Reichshauptstadt ihre Gebete an heiligen Orten verrichten, wie viele Synagogen und wie große müßte man da erbauen! 166 000 Juden zählt die Großgemeinde Wien, trotz Lueger und Schneider. Und wenn Lueger sein 285 Millionenanlehen aufnimmt, muß er mit der verjudeten Länderbank unterhandeln, die ins Komitee einen Juden - Pardon, einen Getauften — entsendet. Und die Ziffern des Kultusbudgets — zwei Millionen Kronen! Wahrlich, Zahlen, die uns in Erstaunen setzen. So etwas wie ein stolzes Gefühl erfüllt unser Herz, wenn unreinen Rückblick auf die Zeit vor einem halben Jahrhundert und dann einen Blick auf unsere Tage werfen. Es muß doch besser geworden sein, dieser Ruf, er will nicht verstummen, und er wird wohl seine Berechtigung haben. Der Antisemitismus vermochte das alte Judenthuin nicht zu brechen, im Gegentheil, er hat stählend und stärkend auf dieses gewirkt. Es ist ja wahr, täglich werden neue Waffen gegen uns geschmiedet, und man möchte das alte Judenthuin gern todtsagen. Aber „der Vater Jakob ist nicht gestorben", er lebt in seiner Nachkommenschaft fort. Da lese ich soeben die Besprechung des Buches von einem gewissen Mach, es heißt „Das Religions- und Weltproblem". Der Verfasser war Lehrer der Religion am Gymnasium zu Saaz und wurde der Kirche abtrünnig. Ich kenne sein Werk nicht, das in einem Tagesblättchen von einem sehr jungen, geistreichelnden getauften Juden besprochen wird. Seinen Familienname», der sehr jüdisch klingt, scheut sich Dieser auszusprechen, er nennt sich nur mit seinen Tausnamen. Und was sagt null unser sehr jugendliche Schöngeist? Er spricht von dem „frömmsten" Volke unserer Tage, „dessen Svnntagsfeier die Aeußerlichkeiten der pharisäischen Sabbathheiligung nicht scheut". Dieses „frömmste Volk" sind natürlich die bösen Engländer, nebenbei auch jenes Volk, das seine „pharisäische Sabbathheiligung" nicht gehindert hat, das gescheidteste und aufgeklärteste Volk zu werden und zu bleiben. Es hat die größten Denker und Dichter hervorgebracht, und täuschen wir uns nicht, das bischen Freiheit, das wir besitzen, haben wir ja doch nur dem Volke Darwins und Shakespeares und Shaftesburys zu danken. Wie man sieht, schließen Frömmigkeit und Bibelglanben — zwei jüdische Eigenschaften — freies Denken nicht ans. Und wenn nach den Worten des sehr jugendlichen Schöngeistes Mach den „hebräischen" Gott „nicht einmal als streng monotheistischen Nationalhort" bezeichnet, so möchte ich dem vor einigen Jahren getauften Jüngling doch zu bedenken geben, daß dieser „Nationalhort" der Vater des „Urchristenthums" ist, zu dem sich alle Nationen bekehren sollen. Die Getauften, die Renegaten, waren eben immer Diejenigen, die mit uns am schärfsten ins Gericht gingen. Und wenn wirsch on von den großen Ziffern gesprochen haben, mit denen die Wiener Kultusgemeinde operirt, so »vollen wir noch auf eine solche Ziffer Hinweisen, es ist die der Abtrünnigen. Nach dein von der Kommune Wien herausgegebenen statistischen Jahr buch sind im Jahre 1899 in Wien aus unserer Religion 455 Personell ausgetreten. Das wären bei einer Zahl von 150000 drei pro Tausend. Eine ziemlich stattliche Zahl, wie man siehl Interessanter aber wäre es. zu erfahren, aus welchen Gründe» diese Uebertritte erfolgten. Man wird da die bekannten Ur sachen anführen: Hoffnung auf raschere Karriere. Ehe schließungen n. s. w. — Wir glauben aber auch aus Erfahrung auf einen anderen Grund Hinweisen zu können; es ist der Nach ahmungstrieb, das uns Alle bändigende, das Gemeine, diesmal „Mode" genanllt. Das „Alte Testament" ist gründlich „aus der Mode" gekommen. — Man will es in unserer Zeit nicht anerkennen, was die Menschheit diesem vielgeschmähten Buche zu da»ken hat. Ee wird befürchtet, man könnte für „verjudet" gehalten werden Daher Worte wie „pharisäische Sabbathheiligung" und „hebräischer Nationalhort". Durch alle diese Erscheinungen werden wir daran erinnert, daß wir von Staub sind, so wie wir es waren. Es ist der alte Judenhaß, der in immer neuen Formen zu Tage tritt. Und diese „Mode" der Zeit bewirft viele Abfälle. Hinweg mit den alten Ueberlieferungen; um modern zu sein, muß man sich vor allem taufen lassen! Wu kennen viele solcher Renegaten, die aus keinem anderen Grunde fahnenflüchtig geworden sind, als weil sie es nicht hören konnten. Juden genannt zu werden. Deshalb aber müssen wir nicht pessimistisch sein, nicht klage»» und nicht jammern. Wir denken, »venu es wirklich eine Vernunftreligion ist, welche die Menschen einigen soll, so werden die Ideen des Judenthnms doch der einst zum Siege gelangen. Ueber den jüdischen Sabbath und den hebräischen Nationalgott kommt man doch nicht hinaus Sie sind »nid bleiben die Väter moderner, tief in die Kultm der Menschheit einschneidender Erscheinungen. Wein» ein jüdischer Theologe „vvraussetzungslos" forsche» will, »nuß er deshalb aus seiner Kirche, hier Synagoge ge nannt, nicht austreten. — Am 4. Januar 1902 feierten »vir den 116. Gedenktag des Todes Mendelssohns. Er war „weise wic Sokrates, treu den Gesetzen der Väter," wie Namler sagt. „Unsterblichkeit lehrend, unsterblich »vie er," so sagt er weiter. E» hat die Philosophie seiner Zeit mit seinem mosaischen Glaubens bekenntnisse gut zu vereinigen verstanden. Zu Staube mu'i alles werden, zu Staube wurde auch sein Körper. Aber sei! Geist lebt fort, es ist der Geist des wahren Judenthums, trotzdem sich heute „getaufte, moderne Jünglinge" über ihn lustiq machen. Iveri. Die Sittenlehre des Judenthnms. Von Dr. M. Joseph. vm. Der Reichthum. die Schätzung der Arbeit im Vergleich mit der Schriftgelehrsamkeit ist geeignet, zu zeigen, eine w>c hohe Würdigung die Arbeit in der jüdischen Sittenleh c gefunden hat. Ist auch das Streben nach Anhäufung vr» Besitz, ist auch der Reichthum, der ja oft eine Folge der Arbeit ist, ist auch der Reichthum in gleicher Weise geschätzt worden! i Dieser Frage »vollen »vir uns noch znm Schluffe ein »venu»! zuwenden.