Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- Seite 29 (sequence 7)
- Language
- German
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Derselbe richtete zunächst herzliche Zegrüßrmgslvorte an die Erschienenen und verlas alsdann mehrere Beitrittserklärungen und Zustimmungsadressen. Unter letzteren fanden besonders diejenigen der Wiener Oberkantoren Singer und Bauer owie der ersten Kantoren Schiller und Blatt wie auch des Redakteurs der „Allgemeinen Kantorenzeitung", des Herrn Dr. Löwh-Wien, wendige Ausnahme. Alsdann wies Herr Zivi in einem ausführlichen Referate nach, daß es sowohl im Interesse des gesammten Kantorenlandes als auch in demjenigen der Gemeinden liege, wenn für eine bessere Ausbildung der Kantoren Sorge getragen würde. In erster Linie lalle den Seminaren die Aufgabe zu. durch geeignete Lehrkräfte den Schülern auch im Kantorate einen gründlichen Unterricht angedeiheu zu lassen. Schon die neuaufzunehmenden Zöglinge dieser Anstalten müßten bezüglich ihrer Fähigkeit als zukünftige Kantoren gewissenhaft geprüft werden; besonderer Werth sei aber darauf zu legen, daß bei der Entlassung Derselben aus dem Seminar durch ein zu bestehendes Examen auch im Kantorate hinreichende Kenntnisse nachgewiesen würden. Der Unterricht in diesem Fache müsse zur gleichberechtigten Disziplin aller indischen Lehrerbildungsanstalten werden; außerdem sei die Errichtung von Fachschulen ins Auge zu fassen. Dem Kautoreuverbande falle alsvann die Aufgabe zu, auf regelmäßigen Konferenzeil durch Vorträge ind Besprechungen einschlägiger Fragen das Erlernte zu befestigen und neue Anregungen zum Weiterstudium zu geben. Nur so könne das kantorat, das vielfach noch das Stiefkind der Gemeinden sei, zu der hm gebührenden Würdigung gelangen. Außer diesem idealen Zwecke ^erfolge der Verband auch materielle Interessen. So habe sich derselbe Zie Aufgabe zu stellen, die Pensions- und Relikten-Versorgungsverhältüsse einer Regelung entgegeuzuführen und die Errichtung von Schiedsgerichten zwecks Beilegung etwaiger Differenzen zwischen Gemeinde und Kantor anzustreben. Schließlich nahm der Referent noch Veranlassung, die in Wien erscheinende „Allgemeine Kantorenzeitung" als eigentliches Fachblatt zu empfehlen. Den klaren nnd wirklich zeitgemäßen Ausführungen des Herrn Zivi wurde lebhafter Beifall gezollt. Alsdann schritt man zur Debatte. Es wurde angesichts der vielen Unfeindungen zunächst die Kardinalfrage gestellt: Soll der Kantorenl erband gegründet werden oder nicht? — Herr Lilienthal - Düsseldorf l ält die Gründung desselben für eine unabweisbare Nothwendigkeit. ^err W etzstein-Elberseld ist anderer Meinung. Er vertritt den Standpunkt, daß es nicht erst der Gründung eines besonderen Vereines bedürfe, um die hier ausgesprochenen Ziele anzustreben; dies könne euch in dem schon bestehenden Vereine israelitischer Lehrer Rheinlands i nd Westfalens geschehen. Herr Wetzstein verlas hierauf den entsprechenden Pasfus aus einem Briese des Hauptlehrers Graf-Essen, des b orfitzenden genannten Vereines, in welchem sich derselbe entschieden gegen die Gründung eines Kantorenverbandes ausspricht, sich aber gern bereit erklärt, die Bestrebungen der Kantoren im Lehrervereine int aller Kraft zu unterstützen. Herr Stern-Hörde beantragt darauslni, einstweilen voll der Gründung eines Verbandes Abstand zu nehmen, um zu sehen, was bei dem Lehrerverein zu erreichen sei. verr B lumen th a l-Köln stellt hierzu den Nnterantrag, die Forderungen der Versammlung zu präzisiren und dem Lehrervereine durch den Vorsitzenden desselben zu unterbreiten. Erst wenn genannter Verein die Bestrebungen der Kantorenversammlung in ihrem ollen Umfange zu den seinigen gemacht habe, könne von der Gründung eines besonderen Kantorenverbandes abgesehen werdet,. Herr Rabbiner Dr. Auerbach, welcher der Versammlung als Gast b iwohnte und den Verhandlungen mit lebhaftem Interesse folgte, dv iff wiederholt in die Debatte ein und empfahl den Antrag S Lernet um enthal zur Annahme. Nachdem auch der Vorsitzende unter dollständiger Wahrung seines bisherigen Standpunktes in Anbetracht dcr obwaltenden Verhältnisse für den Antrag gesprochen hatte, gelangte derselbe einstimmig zur Annahme. Die präzisirten Forderungen, welche die Versammlung an den Verein israelitischer Lehrer in Rheinland nnd Westfalen stellt lauten: Es ist dahin zu streben: 1. Den Kantorenstand auf ein höheres Niveau zu stellen, indem fortan nur noch Derjenige als Kantor angestellt werden soll, welcher in der Lage ist, seine kantoralen Fachkenntnisse sowie seine allgemeine Bildung durch ein vom Staate anerkanntes Zeugniß nachzuweisen. Zur Erreichung dieses Zieles soll die Errichtung von Kantorenschulen entweder im Anschluß an die bestehenden Lehrerseminare oder als selbständige Institute ius Auge gefaßt werden. Zur Fortbildung sollen ferner regelmäßige Konferenzen stattfinden, ans welchen alle Gebiete des Kantorates eingehende Behandlung zu erfahren haben; 2. Die Anstellnngs-,Pensions- und Reliktenversorgungsverhältnisse einer Regelung entgegeuzuführen; 3. Bei etwaigen Differenzen zwischen Gemeinde und Kantor versöhnend einzuwirken. eventuell ungerechtfertigten Maßnahmen wirksam entgegenzutreten. Behufs dessen soll ein ständiges Schiedsgericht errichtet werden, welches aus Vertretern der Gemeinden und des Kantorenstandes zu bestehen hat. 4. Jeder in einer der beiden Provinzen angestellte Kantor muß Mitglied des Vereins israelitischer Lehrer in Rheinland und Westsalen werden können. Um diesen Forderungen bei genanntem Vereine nach Möglichkeit Geltung zu verschaffen, wurde eine ständige Kommission gewählt, welche aus den Herren Zivi-Elberfeld. Blumenthal-Köln und Gumpel- Dortmund besteht. Nach vierstündiger Debatte war die Tagesordnung hiermit erledigt. Mit einem herzlicheil Danke an alle Anwesenden, insbesondere aber an Herrn Rabbiner Dr. Auerbach für das bewiesene Interesse und die rege Mitarbeit, schloß der Vorsitzende die Versammlung. Dortmund. 25. Dezember 1901. S. Gnmpel. Brief aus Oesterreich. Anfangs Januar 1902. ^ie die alten Maggidim null ich diesen Brief, den ich zur Jahreswende all Sie richte, einleiten mit einer kleinen Erzählung. Es war am Jom-Kippur, und der Borbeter rezitirte den uralten, so ungemein realistisch gehaltenen „Une-Sanne-Tokeph" mit vieler Andacht. Bei der Stelle: „Der Mensch, voll Staub ist er, und sein Ende ist Staub," schluchzte einer der Andächtigen in besonders hörbarer Weise. Seinem Nachbar fiel dies aus, und in einer der Ruhepausen des ebenso laugen als aufregenden Tages fragte er den frommen Beter, warum er denn also geweint habe? Dieser erwiederte: „Wie sollte ich nicht weinen, wenn ich beherzige, daß ich von Staub bin, und zum Staube zurückkehre." „Narrele," antwortete mit Bonhomie der Nachbar, „darum müssen wir nicht weinen. Staub kann nur wieder Staub werden; etwas anderes wäre es, wenn wir aus Gold wären und Staub werden; aber was kann denn das Ende von Staub sein?" Und nun die Lehre: Wir Juden klagen immer, es gehe uns schlecht; ich denke, die Klage wird etwas weniger laut sein, wenn wir uns fragen: „Ja, wann ist es uns denn besser gegangen? Und schlechter ist doch unsere Lage nicht geworden. Ich bin überzeugt, man wird mich nun zu den Opportunisten zählen und mich vielfach widerlegen. Auch sehe ich ein, daß die aufgestellte These sehr diskutirbar ist. Aber ein Körnlein Wahrheit enthält sie doch. Wir Juden sind die geborenen und geschworenen Pessimisten und wir haben auch Grund dazu, mehr als jener Vater der Weltanschauung, die besagt, daß diese Welt die schlechteste aller Welten sei, jener Pessimist, der uns Juden mit seinem grimmigen Haß verfolgte.!