Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1902)
- Date
- 1902-01-17
- Page
- Seite 28 (sequence 6)
- Language
- German
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28 Vorstand dennoch seine Petition wiederholt, da dieselbe durch den vorzeitigen Schluß des Hauses nicht im Plenum zur Berathnng gelangte. In der Petition wird nachdrücklich darauf hingewiesen, daß die bekannten Verfügungen des preußischen Unterrichtsministers und des Reichskanzlers betreffs der Berechtigung der Lehrer zum einjährigfreiwilligen Dienst nur die jüdischen Lehrer treffen, da den Zöglingen der übrigen Privatseminare, falls sie die Berechtigung zum einjährigfreiwilligen Militärdienst erwerben wollen, jederzeit die Möglichkeit geboten ist, als ordentliche Zöglinge in ein staatliches Lehrerseminar überzutreten, was den Zöglingen der jüdischen Lehrerbildungsanstalten nach den bestehenden Bestimmungen leider versagt ist. Der Verbands- Vorstand hofft, daß seine neuerlichen Bemühungen einen besseren Erfolg zeitigen. Die „Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Schulmänner zn Berlin" hatte an den Verbandsvorstand das Ersuchen gerichtet, der Jugendschriftensrage seine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Diesem Ersuchen wurde gern stattgegeben, zumal schon früher seitens anderer Vereine die Herausgabe eines Ingendschriftenverzeichnisses angeregt worden war und alle Vorstandsmitglieder voll der Nothwendigkeit durchdrungen waren, daß das für die Erziehung unserer Jugend so bedeutsame Gebiet der Lektüre besonderer Pflege und Beachtung bedürfte. Es wurde darum die Bildung einer Kommission beschlossen, mit dem Kollegen Feiner-Hamburg als Vorsitzenden und den Kollegen Flanter-Berlin, Meyer-Lünen i. W., Jakobsohn-Leipzig und Müller- Heidelberg als Mitgliedern. Die Kommission hat sich über die Prinzipien geeinigt, nach denen die Auswahl der Bücher zu erfolgen hat. Sie hat ferner verschiedene ihr zugegangene Jugendschriften einer gründlichen Prüfung unterzogen und wird demnächst ein Verzeichniß von empfehlenswertheu Schriften herausgeben. Der nächste Punkt der Tagesordnung war: „Soll die systematische Religionslehre in der Volks- und Neligionsschnle als besonderer Unterrichtsgegeustand behandelt werden?" Diese Frage wurde vom Verband als Verbandsthema für das Jahr 1900 den einzelnen Vereinen gestellt und nach einem Bericht von Bernhard-Tarnowitz von 14 Vereinen behandelt. Voll diesen haben zehn Vereine dem Verbandsvorstand das Referat mit Thesen eingesandt, wärend vier nur die Thesen einschickten. Die Mehrzahl der Vereine, nämlich neun, haben sich znstimmend zum Verbandsthema ausgesprochen, und voll diesen zwei nur bedingt, zwei Vereine hatten die Stellung der Frage für verfehlt lind drei sprechen sich ablehnend über die Frage aus. Nur 7 Uhr Abends werden die weiteren Verhandlungen bis Mittwoch Vormittag vertagt. Gestern Abend fand dann im „Hotel zu den drei Rillgell" ein eiil Kommerslind Nnterhaltnilgsabend statt, der sich einer außerordentlichen Theilnahme erfreute. Das Lokalkomitee hatte für ein abwechselungsreiches Programm gesorgt. Am zweiten Tag der Verhandlungen wurde zunächst das Thema „Jugendlitteratur" behandelt. Der Referent, Lehrer Flanter- Berlin, weist zunächst darauf hin, daß, wenn mall jetzt in Fachkreisen und auch sonst in gebildeten Kreisen sich mehr mit der so wichtigen Frage der Jugendlitteratur beschäftigte, dies in erster Linie dem verdienstvollen Werke des Hamburger Lehrers Wolgast „Das Elend der Jugendlitteratur" zu verdanken sei. Der Vortragende empfiehlt am Schluß seiner Ausführungen, von Seiten des Verbandes eine Sammelstelle sür empfehlenswerthe Jugendschriften einzurichten, ferner sich für Herausgabe eines Ingendschriftenverzeichnisses auszusprechen, sowie, wenn die Verbandsmittel es erlauben, ein Preisausschreiben für die besten, den Zwecken des Verbandes entsprechenden Jugendschriften zu erlassen. Der Korreferent Meyer-Lünen behandelt das Thema in einer in manchen Punkten voll den Anschauungen des Vorredners abweichenden Weise, aber in einem eingehenden und erschöpfenden Referat, das ebenso wie das des ersten Referenten von großer Vertrautheit mit dem weitverzweigten Gebiete der Judeudlitteratur zeugt. Der Korreferent ist der Allsicht, daß es sich im Wesentlichen bei den Jugeudscbriften um die Bildung von Schülerbibliothekeu, und zwar in erster Linie für die Kinder der Oberstufe im Alter voll 11 bis 14 Jahren handelt, doch ist bei der Auswahl der Bücher auch Rücksicht auf die vorgeschrittenen Kinder jüngeren Alters zu nehmen. Die auszuwählenden Bücher müssen hauptsächlich unterhaltenden, weniger belehrenden Inhaltes sein. Schriften, die moralische Abhandlungen enthalten, sind vollständig auszuschließen, da die Abhandlungen doch nicht von Kindern gelesen werden und sie durch Ueberschlagen dieser Stellen nur zum flüchtigen Lesen auch anderer Bücher verleitet werden. Das wenn irgend möglich in poetischer Form gehalten.' Werk soll auch litterarisch werthvoll sein. An diese mit großem Beifall aufgeuommene Ausführungen knüpft sich eine sehr eingehende Debatte, all der sich die Herren Feiner Hamburg, Professor Dr. Blaschke-Berlin, Dr. Leimdörfer-Hamburg, Graf-Essen, Dr. Seligmann-Hamburg u. s. w. betheiligten. Es wurde schließlich auf Antrag voll Fe in e r-Hamburg beschlossen, die vom Verbandsvorstand eingesetzte Kommission für Jugeudschriftel! auch fernerhin bestehell zu lassen und derselben die zu diesem Punkt eingegaugene Resolution als Material zu überweisen. Der nächste Punkt: „Das Fürsorgeerziehnngsgesetz" kam nicht zur Debatte. Der Referent, Prof. Dr. Blaschke-Berlin, faßt sein«? Ansichten in die folgenden Thesen zusammen: 1. Sobald ein Lehrer von beginnender, fortgeschrittener oder vollendeter Verrohung eines Minderjährigen Kenntnis; erhalten hat, versucht er zunächst durch Einwirkung auf Diesen und seine Erzieher das Uebel zu heben. 2. Der Lehrer regt hierbei die thatkräftige Mitwirkung einzelner > Männer lind Frauen sowie der Organe sozialer Wohlthätigkeit an 2. Haben diese Versuche keinen Erfolg, so veranlaßt er die zuständige Behörde, den Antrag auf Fürsorgeerziehung zu stellen. 4. Der Lehrer unterstützt die Behörden bei der Auffindung und Auswahl solche: Familien, die zur Aufnahme von Fürsorgezöglingen geeignet erscheinen. 0. Der Lehrer stellt sich den Behörden für das Amt eines Fürsorgers und, wenn seine häuslichen Verhältnisse es gestatten, auch zur Aufnahme eines Fürsorgezöglings zur Verfügung. 0. Der Lehrer versucht, wo er Einfluß auf die Versorgung der aus der Fürsorgeerziehung Entlassenen hat, diese der Bodenkultur und dem Ackerbau znzuführen. Sodann reserirt Herr Dr. SPanier- Magdeburg über das Thema „Welche Anforderungen müssen au die jüdischen Lehrerbildungsanstalten und Lehrer gestellt und von beiden erfüllt werden?" Der Vortragend' verlangt für die Lehrer eine wissenschaftliche Vorbildung auf allgemeinen Bildungsanstalten mit mehr wissenschaftlicher Grundlage und verwirft die Vorbildung auf allgemeinen Präparandenanstalten, sprich sich für die weitere Fortbildung des Lehrers aus, wie mit den an verschiedenen Universitäten eingerichteten Ferienkursen ein glücklicher An fang gemacht sei, denn jeder Stillstand bedeute einen Rückschritt nach dem bekannten Sprichwort: „Rast ich, so rost ich." Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen erklärt sich der Referent mit den Thesen Professors Nein-Jena, die Dieser aus der allgemeinen deutschen Lehrerversammluug zu Breslau aufgestellt hat, einverstanden und begrüßt die am 1. April 1902 in Kraft tretenden neuen Prüfungsordnungen des preußischen Kultusministeriums als einen bedeutenden Fortschritt auf den; von ihm verlangten Weg zur besseren Ausbildung de; Lehrers. Es entspann sich über diesen Vortrag eine lange Debatte, in der sich sämmtliche Redner mit den Forderungen des Referenten einverstanden erklärten. Tie folgenden Punkte der Tagesordnung: Statutenveränderung (Referat Steinhardt-Magdeburg), Bericht über das Verbandsorgan und Bericht über die Pensiouskasse und Beschlußfassung über die ostpreußischen Anträge, riefen eine lange, interessante Debatte hervor, au der sich die Herren Jakobsohn-Leipzig, Steinhardt-Magdeburg, Peritz-Königsberg, Feiner-Hamburg und Dr. Fiegel-Berlin betheiligten, Sodanil wurde zur Neuwahl des Verbaudsvorstaudes geschritten und zunächst Herr Direktor Dr. Adler-Frankfurt a. M. in Anbetracht seiner großen Verdienste um den Verband einstimmig zum Ehren- Vorsitzeuden ernannt. In den Verbandsvorstand wurden alsdann die Herren Dr. Fiegel-Berlin zum ersten Vorsitzenden, Steinhardt-Magdc bürg zum stellvertretenden Vorsitzenden, Feiner-Hamburg zun; Schatzmeister und Graf-Essen, Amram-Borken zu Schriftführern gewählt. Zu Beisitzern wurden ernannt die Herren Pros. Dr. Badt-Breslcni, Herbst-Lissa, Direktor Driesen-Karlsrnhe und Blmnenfeld-Adelebseii.! außerdem gehört Herr Professor Dr. Blaschke-Berlin als Vei treter des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes dem Verbandsvov stand an. Der nächste Verbandstag soll im Jahre 1904 in Frankfurt a. M. stattfinden.