Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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In Herrn Weinberg, welcher seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hat. verliert unsere Gemeindeverwaltung ein langjähriges sehr eifriges und gewissenhaftes Mitglied, das für viele Fragen unseres Gemeindelebens ein besonderes Verständniß und eine reiche Erfahrung besaß. Er wurde bald, nachdem er im Jahre 1877 von Hannover, allwo er auch Mitglied des Nepräsentautenkollegiums der dortigen Gemeinde gewesen, nach hier versetzt worden war, in die Vertretung unserer Gemeinde, in den Schulvorstand sowie dos Nepräseutautenkollegium gewählt und blieb — durch stete Wiederwahl in seinen Aemtern belassen — diesen Körperschaften bis zu seinem jetzigen Abgänge von hier erhalten. Insbesondere war er auch Mitglied der Kultuskommission sowie der Kommission für eine zeitgemäße Umgestaltung unseres Gottesdienstes, und an der Einführung des sogen. Breslauer- Gebetbuchs hat er hervorragenden Antheil. Auch die mit einem erheblichen Kostenaufwande von der Gemeindevertretung im Jahre 1900 beschaffte herrliche Bronzebüste Dr. Ludwig Philippsons, von dem großen belgischen Meister Professor van der Stappen modellirt, ist seiner Anregung zu danken. Ebenso hat Herr Weinberg dem Vorstande unseres jüdischen Geschichts- und Litteraturvereins mit regem Eifer angehört und vor einer großen Zuhörerschaft eine Anzahl anregender und belehrender Vorträge gehalten u. A. auch eigene Dichtungen sowie eigene poetische Uebersetzungen aus der Spruch sabel- und Parabeldichtuug der talmudischen Litteratur darin zum Vortrag gebracht. Auch war er s. Z. ein fleißiger Mitarbeiter an jüdischen und deutschen Zeitschriften. Beide Kollegien unserer Gemeindevertretung richteten anläßlich seines Ausscheidens herzliche Dank- und Anerkennungsschreiben an Herrn Weinberg. n. Cötherr (Anhalt). 1. Januar. Aus Anlaß des 25 jährigen Bestehens der „Chemikerzeitung", die sich zu einem der bedeutendsten Organe auf dem Gebiete der chemischen Industrie emporgeschwungen, hat der Herausgeber derselben, Herr Professor Dr. Krause (Christ) unter den zahlreichen Stiftungen, mit denen er ans diesem srendigen Anlaß die verschiedenen Humanitären Institute unserer Stadt bedacht, eine solche in Höhe von 5000 Mark auch für die hiesige israelitische Kultusgemeinde begründet. Wohl ein sehr seltenes Ereigniß. Der edle Spender hat damit gezeigt, daß ihm der Begriff „Humanität" ein wahrer Gottestempel ist, der hoch erhaben ist über konfessionelle lind religiöse Unterschiede. Wir rufen daher dem edlen Spender die Worte unseres Lehrers zu: „Wer die göttlichen Gebote der Menschenliebe übt und befolgt, der ist ein hoher Priester der Humanität." U. Hamburg. 30. Dezember. Die neuen Auswanderer- Hallen. welche von der Amerikaliuie errichtet worden sind, wurden ihrer Bestimmung übergeben. An der Einweihungsseier nahmen die Herren Senatoren Hertz. Lappenberg und Resardt sowie hervorragende Mitglieder der Bürgerschaft Theil, auch die Vertreter der Geistlichkeit sowie Herr Obrrrabbiner M. Hirsch, die Herren Gemeindevorsteher, die Verwaltung des Vereins für Obdachlose u. s. w. waren mit Einladungen bedacht worden. Die neuen Auswandererhallen, am Elbuser an der Veddel belegen, entsprechen in geradezu musterhafter Weise den höchsten Anforderungen der modernen Hygiene, die neuen Hallen werden eine Sehenswürdigkeit unserer Stadt bilden. In )arikeuswerther Weise hat die Direktion der Amerikalinie auf die große Anzahl der jüdischen Auswanderer, welche unsere Stadt berühren, Rücksicht genommen. Es sind in dem Hauptgebäude Speise- Hallen. getrennt für Juden und Christen, eingerichtet worden. Neben jeder der Speisehallen befindet sich eine Küche, in der mittelst Dampfes das Essen bereitet wird. In der jüdischen Küche wird unter Aussicht nnes vom Oberrabbiner beauftragten Beschauers von einer jüdischen Köchin nach streng jüdischem Ritus gekocht. In der Mitte der Anlage befindet sich eine Synagoge, wo täglicher Gottesdienst stattfindet. In weitgehendster Weise wurden die Wünsche des Oberrabbiners hinichtlich Kaschruth n. s. w. berücksichtigt. Nach der jetzt vorliegenden Statistik wurden von der Amerikalinie im Jahre 1899 über Hamburg 4 214 Personen befördert, hiervon waren allein 30941 aus Rußland, rn den Jahren 1891—92, zur Zeit der Judenverfolgungen in Rußland, war die Zahl der Auswanderer bedeutend größer; 1891 betrug die Zahl der Auswanderer über Hamburg 144382. wovon allein 76 741 aus Rußland, 1892 108 820, wovon wieder 54150 ans Rußland stammten. —t. München, 2. Januar. Die ans Anlaß des Jahreswechsels in Bayern erfolgte Verleihung der Titel und Orden ist wie in früheren Jahren in der Art erfolgt, daß sich Niemand zu beklagen hat; jüdische Beamte und Privatleute sind weder auffällig zurückgesetzt noch bevorzugt, einfach gerecht behandelt. — Ans diesem Anlaß wurde dem Kompagnieführer der freiwilligen Feuerwehr München und Schriftführer der Sterbekasse des bayerischen Landesseuerwehr- Verbandes, Kausmann Karl Fried mann, hier, das Verdienstkreuz des Ordens vom heiligen Michael verliehen; Friedmann ist auch Mitglied der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde in München. 8. Augsburg. 2. Januar. Am 25. v. M.. wurde hier eine wahrhaft edle und vortreffliche reiche Frau zur letzten Ruhe bestattet, die Banquierswittwe Jeanette Nosenbusch. eine Frau, deren ganzes Leben und Wirken ein Segen war. Distriktsrabbiner Dr. Groß schilderte in Form von einer Gedächtnißrede. da sich die Verstorbene letztwillig eine Grabrede verbeten hatte, ihre vorzüglichen Eigenschaften. Sie besaß eilten tief religiösen Sinn und suchte denselben nach allen Seiten hin zu bethätigen. Insbesondere nahm sie sich der Armen und Bedrängten an. In schwerer Zeit stellte sie auch ihre Kräfte in den Dienst des Vaterlandes: als Vorstandsdame des Kreisvereins rncker dem rothen Kreuz von Schwabell und Neubnrg hat sie im Jahre 1870/71 die Pflege der zurückgekommenen Verwundeten in aufopfernder Weise geleitet, wofür sie im Jahre 1872 durch Verleihung der Denkmünze von Stahl an Nichtkombattanten ausgezeichnet wurde. Ferner wurde sie im Jahre 1899 vom deutschen Kaiser mit der Rothen Kreuz-Medaille 3. Klasse dekorirt, auch erhielt sie die Kaiser Wilhelm-Gedächtnißmedaille. — Mit Trostesworten an die Hinterbliebenen schloß Herr Dr. Groß seine wirkungsvolle Rede, die bei der großen Trauergemeinde einen tiefen Eindruck hinterlieb. Ehre dem Andenken der Verblichenen! Oesterreich-Ungarn. o Wien, 30. Dezember. Im Laufe des nächsten Jahres wird die Auslösung des niederösterreichischen Landtages erfolgen. Allein die Christlichsozialen warten nicht erst bis zum Zeitpunkte der Neuwahlen, sondern entfalten bereits jetzt eine fieberhafte Wahlagitation, zumeist auf dem Lande. — Der Gerichtssekretär Dr. Rudolf Neu mann wurde zum Landesgerichtsrathe in Sanok ernannt, der Maschinenadjunkt der Staatsbahnen. Eduard Herzberg, zum Lehrer in der IX. Rangklasse für die Staatsgewerbeschule in Lemberg berufen, der Arzt Dr. Moritz Pollak zum Polizeioberbezirksarzt der Wiener Polizeidirektion ernannt. — Wie bereits berichtet wurde, hat in Klosterneuburg der bei dem Gastwirth David Steiner bedienstete Knecht Johann Homer das falsche Gerücht verbreitet. ein bei seinem Herrn bedienstetes und vor einigen Wochen verschwundenes Mädchen sei das Opfer eines Ritual mordes geworden. Das Mädchen wurde in Dürnkrut, wo sie Fabrikarbeiterin geworden war. ernirt und der Gastwirth klagte den Knecht zuerst wegen Verleumdung, und als diesbezüglich die Untersuchung eingestellt wurde, wegen Ehrenbeleidigung. In der Verhandlung gab Homer an, er habe nur weitererzählt, was er von Anderen gehört habe. Der Richter, Gerichtssekretär Dr. Wanjek, verurtheilte Homer zu snus Tagen Arrest, wobei die große Tragweite der Beschuldigung als erschwerend angerechnet wurde. — In der Ortschaft Za wiszn ia bei Sokal sind der dortige jüdische Gasthausbesitzer, dessen Frau und deren zwölfjährige Tochter durch Beilhiebe und Messerstiche in bestialischer Weise ermordet und sodann beraubt worden. — Dr. Adolf Nosenbaum, hier, ist zum Polizeirath ernannt worden. Schmerz. o. Basel, 2. Januar. Zur Ergänzung unseres Berichtes über den fünften Zionistenkongreß theilen wir noch Folgendes mit: Am Sonnabend Abend wurden die Verhandlungen wieder ausgenommen. Zur Debatte stand die Frage der Organisation, über die Dr. Herzl berichtete. Vorher kam ein Schreiben der Regierung des