Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 23 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Jankel nimmt das Geld und steckt es in die Tasche, aber Plötzlich kommt ihm ein Gedanke. „Junger Herr," sagt er, „ich gebe Ihnen Ihre fünf Kopeken zurück, aber erlauben Sie mir, den Drachen zu halten und mitzulaufen, nur bis zur Ecke," bittet er. „Ich werde ihn nicht verderben." „Vielleicht noch etwas?" antwortet der Andere grob, „hast Deine fünf Kopeken, nun mach, daß Du sortkommst, wir brauchen Dich nicht mehr." Ein wenig enttäuscht kehrt Jankel aus seinen Baum zurück. Im Moment aber ist sein Kummer verflogen. In seiner Tasche sind fünf Kopeken selbsterworbenes Geld. „Heute gehe ich zum Stolik und kaufe mir für einen Kopeken Bonbons, morgen für einen Kopeken gezuckerte Nüsse und Sonnabend Lederzucker, und noch etwas, rechnet er ans, und dann gebe ich auch dem Bruder einen halben Bonbon." „Stolik". Das ist der Jude mit dem hölzernen Stelzsuß, der auf dem Markte mit Süßigkeiten handelt. Wenn Jankel an dem Tisch vorbeigeht, auf dem all die Herrlichkeiten ausgebreitet sind, laust ihm das Wasser im Munde zusammen. Nun, heute ist ein Feiertag für ihn, er hat selbstverdientes Geld in der Tasche und kann schwelgen in Leckerbissen. Nach Verlauf einer Viertelstunde sitzt Jankel seelenvergnügt auf seinem Baume und lutscht an den Süßigkeiten. Alles kann er von hier aus sehen; seine Kameraden, die Gassenjungen, rufen zu ihm hinauf und wollen, er soll mit ihnen spielen; da geht eine lustige Gesellschaft plaudernd vorüber, aber o weh! Da ist der Vater mit dem Centimetermaß, der wieder einmal nach seinem wilden nichtsnutzigen Jungen ausschaut. Als er ihn erblickt, ruft er scheltend: „Wieder bist Du auf dem Baume, komm sofort herunter!" Jetzt gieblls nur eine Rettung, durchs Pförtchen. Aber da sitzt der alte Herr Komarenki am Fenster, er sitzt dort immer und schimpft und schilt. „Du verdammter Jude, wie lange wirst Du noch mauscheln, warum gehst Du nicht zu Bett?" Jankel erschrickt, er stürzt über Hals und Kopf auf die Straße, aber zum Baum kehrt er doch wieder zurück. Wie lange ist das her. sehr, sehr lange. Es erscheint fast wie ein Traum, und doch ist es Wahrheit, es war einmal. — Der Maulbeerbaum ist nicht vertrocknet, er blüht, er ist der einzige Zeuge der kindlichen Thaten. Aber alles ist anders geworden. Der Kommissionär Jankel hat seinem Sohn Abramczyk einen prachtvolle»! Drachen gekauft, seine Kinder bekommen so viel Süßigkeiten, wie sie »vollen. Sie müssen nicht barfuß laufen, sie sind anständig gekleidet wie die anderen Kinder ihres Standes. Die Süßigkeiten vorn Stolik »vürden seine Kinder nicht essen; wenn der Kuchen nicht ganz frisch ist, rühren sie ihn nicht an. Sie sind eben verwöhnt, — gebildet. Nun Gott sei Dank dafür. Wenn er sie nur „zur Vernunft" gebracht hat, muß man sich damit versöhnen. Er hat das Seinige gethan. Seitdem die Kinder gebildet sind, weht ein frischer Lufthauch durch das Haus. Jankel hat nichts dagegen. Es begann mit Kleinigkeiten. Zuerst stellte die Tochter Zippe die Möbel so, wie sie es bei den Leuten gesehen hatte, in deren Haus sie verkehrte, dann kamen neue, moderne Glocken auf die Lampen, später wurden Abramczhk und Zippe ins Theater gebeten. Bücher wnrden gelesen, eine Zeitung abonnirt, ganz wie bei Herrenkindern. Jankel machte absichtlich so, als bemerke er die Veränderungen nicht. War es ihm nicht egal, wie die Möbel standen? Das ist nicht seine Sache. Im Grunde der Seele aber war er zufrieden. Es kan» Besuch zu seinen Kindern, junge Herren und Damen. Sollten sie sehen, daß man bei ihnen auch wie bei Menschen lebt. Seine persönlichen Ansichten will Jankel Niemand aufdrängen. Vor dem Beginn des Sabbaths wurden nach altem Brauch die Schabbeslichter in den großen kupfernen Leuchtern angezündet. Manchmal nahm er auch Abramczyk am Schabbes mit in die Schul. „Abramczyk," flüsterte er ihn» zu, „Dn lernst das Fremde, vergiß aber auch das Eigene nicht." Einmal fiel Jankel ein Hest Zippes in die Hände. Er sieht es an; ans dem Deckel steht unter lauter Verzierungen: Diktatheft sür die Schülerin der 4. Klasse Cecilia Kantorowitsch. Jankel war bestürzt. „Wer ist Cecilia?" fragt er die Tochter. Diese wurde verlegen. Dann kam es heraus, daß die Mitschülerinnen über ihren Namen gelacht hätten. Sie riefen ihr höhnisch nach: ZiP-zip-ziP. Da hatte sie sich den Namen Cecilia ausgedacht. Nun was ist dabei? gab Jankel nach. „Wenn Du Cecilia heißen willst, gut Cücilia. Aber sag mir, warum ist Cecilia besser als Zippe? Zippe ist auch ein guter Name." Trotzdem verschwand der Name Zippe von dieser Zeit an. Es blieb Cecilia Kantorowitsch. Zuerst irrten sich Vater und Mutter manchmal, daun gewöhnten sie sich daran. In der Familie wich die jüdische Sprache langsam der russischen. Mit der Frau sprach Jankel noch den Jargon, mit den Kindern niemals, aber die Kinder konnten noch jüdisch sprechen. Als Abramczyk zur Universität abreiste, konnte Jankel sich nicht halten, er mußte weinen. „Was möchte ich nicht geben, um Dich glücklich zu machen," sagte er, indem er den Sohn umarmte. „Beunruhige Dich nicht wegen Geld, ich schicke Dir, so viel Du brauchst. Studire ruhig und sage Dir nichts ab. Wenn Du nicht anskonnnst, schreibe mir, ich lege zu. Ich schreibe Dir an die Adresse: Den» Studenten der St. Wladimir- Universität Abraham Kantorowitsch. Ist es so richtig? Ich will alles für Dich thun, Abramczyk, Du aber thu auch etwas für mich. Schäme Dich nicht, daß Du ein Jude bist, schäme Dich vor Niemandem. Werde kein Abtrünniger,' sonst wird Gott Dich strafen." „Was denkst Du, Vater, wie könnte ich," stammelte Abraham. Jankel wischte sich die Augen. „Nicht doch, nicht doch, das ist nurZo bei Gelegenheit. Manchmal niuß man so sprechen. — Und wenn Du ein Doktor sein wirst und sogar ein großer, berühmter, reicher, ganz egal, sag es Jedem offen heraus: „Ja, ich bin ein Jude, und »nein Vater ist ein ungebildeter, gewöhnlicher Jude, er kann lesen