Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 22 (sequence 12)
- Language
- German
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22 ganz in den Hintergrund getreten. Sv wenig sie auch die vft furchtbare Schwere des Daseinskampfes verkennen, sv wissen sie ihm dvch durch Hereinziehung eines idealen Moments den Charakter eines eigentliches Fluches gänzlich zu nehmen. Indem der Mensch gezwungen ist, seinen Lebensunterhalt durch schwere Arbeit selbst zu gewinnen, wird er damit streng vom Thiere geschieden und über die Stufe desselben hinausgehoben, er wird ein Kulturgeschöpf, das in dem Bewußtsein, durch die Entfaltung der eigenen Kraft sein Loos zu gestalten und die steile Höhe zu erklimmen, eine höhere ideale Befriedigung empfinden darf. Anschaulich und schlicht wird dies im Talmud folgendermaßen zum Ausdruck gebracht: „Als Adam hörte: Dornen und Disteln soll dir die Erde hervorbringe», da weinte er, und seufzend brach er in die Worte ans: So soll ich denn mit meinem Esel aus einer Krippe essen? Als er aber weiter hörte: Im Schweiße deines Angesichtes sollst du Brod essen, da ward es wieder ruhiger in seiner Seele. (Pes. 118 a). So ist es denn offenbar: die Alten haben die Arbeit nicht als einen Fluch, als eine Last empfunden, für sie ist die Arbeit dem Menschen vielmehr zu seinem Wohle und Heile, zu seiner Erhebung und Erhöhung gegeben. „Groß ist die Arbeit, denn sie ehrt Den. der ihr obliegt," lehren sie in einem Spruche (Nedarim 49 b). Und dabei machen sie keinen Werthunterschied zwischen den mancherlei Arten der Arbeit. Sie alle bezeichnen sie nicht nur als in gleicher Weise nothwendig, sie vermögen auch in der niedrigsten Arbeit nichts Entehrendes zu erblicken, selbst nicht für den Edelgeborenen, wenn er verarmt ist. Daher heißt es im Talmud: „Ziehe Aas auf der Straße ab und verdiene dir etwas, sprich aber nicht: Ich bin ein Priester, ein großer Mann, mir steht solche Arbeit nicht zu." (Pesachiin 113 a). Unsere alten Weisen hatten nicht blos erkannt, sondern auch beherzigt, daß alle Arten der Arbeit gleich nothwendig sind und darum keine derselben mit verächtlichem Blick betrachtet werden darf. Ja, obwohl sie die Beschäftigung mit der Thora so außerordentlich priesen, haben sie doch auch die rein körperliche Arbeit voll gewürdigt und ihr Verdienst für das Allgemeinwohl nicht zu schmälern gesucht. Es ist uns ein schönes uno merkwürdiges Bekenntniß von einem Schristgelehrten aus einer alten Zeit ansbewahrt, das ihre Werthschätzung der körperlichen Arbeit in ein Helles Licht zu setzen geeignet ist. Wir wollen dieses Bekenntniß daher wiedergebe», es lautet: Ich bin ein Geschöpf Gottes, auch mein Nächster ist ein Geschöpf Gottes, ich arbeite in der Stadt, er ans dem Felde ich bin früh bei meiner Arbeit, er bei der seinen, er brüstet sich nicht mit seiner Arbeit, ich nicht mit der meinigen, und mag meine Leistung auch größer sein als die seinige, wir wissen es: ob groß, ob klein, gleichviel, wenn das Herz nur ans die Erfüllung der Pflicht gerichtet ist. (Ber. 17 a). Anderswo im Talmud wird die Frage aufgeworfen, warum es so selten vorkonnne, daß auch die Söhne von Schristgelehrten wieder Schriftgelehrte seien. Und eine Antwort lautet: Das sei sv Gottes Wille, denn wenn die Schriftgelehrsamkeit erblich wäre, dann müßte sich nothwendig ein Standesbewußtsein heransbilden, und dies würde zur Üeberhebung der Schriftgelehrten über die Gemeinde fuhren. (Ned. 81 s). tSchlnß folgt.) Ohne Mohnrecht. Von V. H. Oljuei». ll. z^^in wenig entfernt vom Thore, in der Nähe des Zauns, wuchs ein hoher Maulbeerbaum, die einzige Erholung des barfüßigen Jankel. Die ganze freie Zeit verbrachte er ans dem Maulbeerbaum, die röthlichschwarzen Beeren beschmutzten sein Gesicht und seine Hände; oftmals schalt ihn der Vater wegen des Maulbeerbaums. Manchmal drohte er sogar, ihn mit dem Centimetermaß durchzuhauen, aber Jankel wußte sehr gut, daß es nur leere Drohung war. Tatele hatte noch nie eines der Kinder mit dem Finger berührt, er wollte ihn nur erschrecken. In solchen Fällen entwich Jankel schnell ans die Straße, aber nach Verlauf einer halben Stunde saß er schon wieder auf dem Baum und warf seinen Spielkameraden, den Straßenjungen, Beeren zu. Und die Sonne brannte sie alle mit ihren heißen Strahlen. Der Maulbeerbaum stand auch jetzt noch. Die Nachfolger des Herrn Komarenki hatten — durch Jankels Vermittelung — das Haus verkauft. Alles war verändert, um gebaut worden, aber der Maulbeerbaum wuchs wie vorher. Er war schon alt, halb trocken, aber er stand noch. Wie in früheren Zeiten kletterten die Buben hinauf und pflückteil die Früchte. Und jedes Frühjahr ist Jankel von neuem erregt und beunruhigt. wenn er an dem Hause vorbeigeht. Alle Bäume rundherum haben schon Blätter, nur der Maulbeerbaum, sein alter Freund, ist noch kahl. „Vielleicht ist er schon ganz eingetrockuet?" sagt er mit einem Seufzer. Endlich aber bekommt auch der Maulbeerbaum Blätter. Jynkel sieht es, und Freude leuchtet ans seinen Augen. Sein Schritt wird schneller, grüßend neigt er das Haupt und mnrmelt: „Gottlob, er lebt noch!" Und Plötzlich scheint es ihm, er ist nicht Jankel Kantorowitsch, der Kommissionär, sondern der barfüßige Jankel aus der Kinderzeit, und er kommt aus dem Cheider vom Melamed und schwingt sich jauchzend ans die höchste Spitze des Maulbeerbaums. Von dort aus kann man die ganze Straße bis zunr Markt hinunter überschauen. Der ivolkenlose Himmel blaut, die Akazien stehen bestaubt, nach Regen dürstend. Da, um die Ecke, lassen die Gymnasiasten, die Söhne Komarenkis, einen Drachen steigen. Jankel wünscht sich unbändig solch einen schönen Drachen aus blaßrosa Papier mit einem so langen Schweif und so viel, so viel Bindfaden, damit er ihn bis zu den Wolken steigen lassen kann. — Aber das kostet viel. Niemals könnte er so viel Geld haben. Sieh! Plötzlich hängt der unerreichbare Drachen über Jankels Haupt, er ist am Schornstein hängen geblieben und dort sitzt er fest. Der Bindfaden ist zerrissen, die junge,» Herren weinen beinahe. Gewöhnlich »vollen sie nichts von Jankel wissen, aber als er jetzt Hals über Kopf vom Maulbeerbaum herunterstürzt, um seine Dienste anzubieten, nehmen sie sie gnädig an. Jankel schlägt vor, er werde auf der Regentraufe entlang ans irgend ein Dach klettern: er wäre aus den Glockenthurm geklettert, wenn sie es gewolli hätten. Jetzt wird er den schönen Drachen in der Nähe sehen.