Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 21 (sequence 11)
- Language
- German
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21 Bescheidenheit ist in Wirklichkeit die Krone der Tugenden, sie ziert vor allem den großen, Alle überragenden Mann. Von Mose, den man den Vater der Propheten nennt, weiß die Schrift nichts in höherem Grade zu rühmen als seine Bescheidenheit. Gerade in einem Augenblick, in welchem seine Ehre am empfindlichsten angegriffen wird, bemerkt die heilige Schrift über ihn: „Und der Mann Mose war deinüthig gar sehr, mehr als irgend ein Mensch auf der Erde." (4. M. 12,3.) Wir sehen, die Ehre gilt in der jüdischen Sittenlehre als ein durchaus ethischer Begriff. Sie ist das Spiegelbild der sittlichen Würde des Menschen, das wir weder an Anderen durch Verleumdung und Herabsetzung noch an uns durch Selbstüberhebung trüben sollen. Sie hat die Aufgabe, das sittliche Leben zu fördern und zu stützen, nicht aber soll sie zu unsittlichen Konsequenzen, wie Ehrgeiz, Selbstüberhebung und verletzendem Stolz, führen. Die Arbeit. Wie die Ehre, so wird aber auch die Arbeit, deren Betrachtung wir uns jetzt zuwenden, durchaus unter den ethischen Gesichtspunkt gestellt. Zunächst ist es freilich die Noth des Lebens, die zur Arbeit drängt, und insofern kann der letzteren noch nicht moralische Bedeutung zuerkannt werden. Gleichwohl darf es die Sittenlehre nicht ganz verabsäumen, auf die Arbeit als das rechte Mittel zur Ueberwindung von Mangel und Noth und als die reine Quelle des Wohlstandes hinzuweisen. Auch die Bibel thut dies, wenn sie warnend spricht: „Wer mit lässiger Hand arbeitet, verarmt, der Fleißigen Hand aber schaffet Neichthum" (Spr. 10,4); oder wenn sie den Trägen auffordert, von der Ameise zu lernen: „Gehe hin, zur Ameise, du Fauler, sieh ihr Gebühren und werde klug! sie hat keinen Fürsten, keine Herrn und Gebieter, und doch beschafft sie im Sommer ihr Brod, sammelt sie in der Ernte ihre Speise. Wie lange noch, du Fauler, willst du liegen? Wann willst du aufstehen von deinem Schlafe? Noch ein wenig Schlaf, noch ein wenig Schlummer, noch ein wenig die Hände in einanderschlagen und ruhen: so kommt denn wie ein Schleichender die Armuth über dich und der Mangel wie ein gewappneter Mann", (ib. 6, 6—11). So nothwendig es aber auch sein mag, bei der Arbeit das Nützlichkeitspriuzip zu berücksichtigen, so betonen doch die Schriftgelehrten vor allem die moralische Seite der Arbeit: Du mußt arbeiten, um nicht anderer Menschen zu bedürfen und dich einer Demüthigung auszusetzen, die dein Ehrgefühl schwächt und verletzt. Du mußt arbeiten, um deine Hand nicht in der Noth nach unrechtmäßigem Gewinn auszustrecken. Unter die wichtigsteil Pflichten des Vaters gegen seinen Sohn zählen die Alten daher die Pflicht, ihn einem bestimmten Berufe zuzuführen. Wer seinen Sohn kein Gewerbe lernen läßt, der 'ehrt ihn das Räuberhandwerk, lautet ein kräftiges Sprüchlein. Kidduschin 29 s). Du mußt arbeiten, weil du mit den nr verliehenen Kräften dem Gemeinwohl dienen sollst. Du mußt arbeiten, auch wenn es zu deinem Lebensunterhalt licht erforderlich ist, weil Müßiggang auf den Weg der Sünde ührt. Wer keine Arbeit hat, sagt ein Schriftgelehrter, der schaffe mehr Ordnung auf seinem Hofe und auf seinem Felde lAboth. d. R. N. 11). Auch die Frau, die ihrem Gatten eine zroße Dienerschaft mit in die Ehe bringt, ist gesetzlich zur Arbeit verpflichtet (Kethuboth 591, und 61b). Schon die Schrift weiß in dein berühmten Lied vom wackern Weibe zum Lobe desselben nichts Herrlicheres zn sagen, als daß es rüstig und freudig im Hause schafft. „Sie gürtet mit Kraft ihre Lenden und macht ihre Arme rüstig .... Ihre Hände streckt sie nach dem Rockeil aus, und ihre Finger ergreifen die Spindel . Sie überwacht das Thnn ihres Hauses, das Brod der Trägheit ißt sie nie." (Spr. S. 3l, 17, 19, 27.) Am deutlichsten aber wird uns die hohe ethische Werthschätzung der Arbeit durch die Schriftgelehrten, wenn wir sehen, wie sie ihr eigenes, persönliches Verhältniß zur Arbeit bestimmt haben. Nur ganz beiläufig erwähnen wir, daß sie Dem, der bei seiner Arbeit ist, grundsätzlich untersagen, aus Ehrerbietung vor ihnen aufznstehen. Aber weit wichtiger und merkwürdiger ist es, daß im Talmud die Frage ausgewvrfen wird, ob auch der Schriftgelehrte zur Ausübung eines Berufes verpflichtet sei. Ein Schriftgelehrter bejaht, ein anderer verneint die Frage, und zwei, die einer späteren Zeit angehören, treten der Meinung des elfteren bei. Um diese Entscheidung genügend zu würdigen, müssen wir gebührend berücksichtigen, daß das Studium der heiligen Lehre den Schriftgelehrten weit, weit über alles geht, daß es nach ihrer Ueberzeugung nichts Verdienstlicheres für den Menschen geben kann. Und doch mögen die Meisten voll ihnen die gewerbliche Thätigkeit nicht missen. Daher lautet der Spruch eines Patriarchen: „Schön ist das Studium der Thora neben der Arbeit, denn die Beschäftigung mit beiden macht die Sünde vergessen; jedes Studium aber, das nicht mit Arbeit verbunden ist, wird ohne Dauer sein und zur Sünde führen. (Aboth II, 2.) In der That sind denn auch die meisten Schriftgelehrten des Talmud, unter ihnen die bedeutendsten, Ackerbauer und Handwerker, nur wenige Kallfleute gewesen. Wir finden in ihrer Mitte Schlosser, Schmiede, Zimmerlente, Böttcher, Brauer, Töpfer, Müller, Schneider, Schuhmacher, Gerber n. s. f. In zahlreichen Aussprüchen preisen die Schriftgelehrten die Würde der Arbeit und predigen sie die Liebe zu derselben. Schon in der Bibel lesen wir: „Wenn du dich redlich von deiner Hände Arbeit nährst, dann Heil dir, wohl Dir" (Ps- 128, 2.) Die Alten fügen hinzu: „Größer ist, wer sich von seiner Hände Arbeit redlich nährt, als Derjenige, der im Gefühl der Ehrfurcht vor Gott wandelt." (Berachoth 8s.) Die Arbeit gilt ihnen als Pflicht wie das Thvrastudium. Liebe die Arbeit, sei ihr nicht abgeneigt, denn wie die Thora sich als Verpflichtung des Menschen durch Gott darstellt, so auch die Arbeit, denn es steht geschrieben: „Sechs Tage sollst du arbeiten und dein ganzes Werk verrichten." (Aboth d. R. N. Abschn. 11.") Man hat häufig an die uralte Erzählung vorn Paradiese erinnert und gemeint, daß die Arbeit sich in ihr als ein Fluch darstelle. Den Schriftgelehrten ist diese Auffassung fremd. Sie weisen darauf hin, daß nach der genannten^Erzählung selbst der Mensch von vornherein in den Garten Eden versetzt worden sei, mit der ausdrücklicheil Bestimmung, ihn zu bebauen und zu behüten. Der Fluch bestände demnach nur darin, daß der Mensch fortan unter N o th und Mühsal dem Erdboden den nvthwendigen Lebensunterhalt a bringen solle. Und selbst diese Anschauung, nach welcher die Härte des Daseinskampfes als ein Fluch erscheint, ist für die Schriftgelehrten