Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 18 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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18 ragendsten Israeliten Europas martern sich vergebens die Köpfe ab. den gehetzten Brüdern eine Stätte zu bereiten, wo sie ihr müdes Haupt hinlegen können, und dann arbeitet der Judenhaß mit dem Schlagworte von der „jüdischen Macht". Und wie steht es mit der „goldenen Internationale?" Man lese das Protokoll des Breslauer Kongresses und höre, was die Vertreter der Gemeinden und Wohlthätigkeitsverbände zu erklären haben. Herr Martin Simon-Berlin: „Alles, was Berlin für die Auswanderung gethan hat, ist seitens der Gemeinde geleistet worden. Was von nun an verlangt werde, könne die Kommission für durchreisende Ausländische Juden aus gesetzlichen und statutarischen Gründen in diesem Umfange nicht übernehmen." Amtsgerichtsrath Levy- Beuthen: „Oberschlesien ist gegenwärtig nicht in der Lage, Mittel aufzubringen." Dr. Kaminka, der Sekretär der Wiener Allianz: „Die Allianz ist nicht im Stande, die Kosten der Repatriirung zu übernehmen, zumal sie die Kosten für die rumänischen Auswanderer zu tragen hat. Die Allianz hat im letzten Jahre für rumänische Auswanderer 340000 Kronen ausgegeben und sei mit einem Defizit von 120000 Kronen belastet." Dr. Czeczel-Lemberg erklärt: „Lemberg ist nicht in der Lage, materiell« Beihilfe zu leisten." Schließlich gelangte ein Antrag Gumpertz-Hamburg zur Annahme, daß die größeren Gemeinden, durch welche die Rückwanderer kommen müssen, die Kosten bis zur nächsten größeren Gemeinde übernehmen, und die anderen von der Rückwanderung nicht berührten Gemeinden sowie die größeren Wohlthätigkeitsverbände zur thätigen Theilnahme an diesem Liebeswerke auf° gefordert werden sollen. Und jene Männer, die namens ihrer Auftraggeber ablehnende Erklärungen abgeben mußten, wollten sich und ihre Verbände wahrlich der heiligen Pflichten nicht entziehen. Sind es doch zumeist Männer, die fast ihre ganze Zeit und Kraft opfervoll dem Ideale der Bruderliebe weihen! Die weitere Leistungsfähigkeit in größerem Umfange versagt. Die Fonds sind erschöpft, die Mittel sind zu Ende, und das Elend schreitet weiter. Hunderttausende blutarmer Juden verlangen nach Brod, und die „Schlesische Zeitung" schreibt alle vierzehn Tage ihren Leitartikel über die „goldene Jnter° nationale". Es wird endlich Zeit, mit dem bösen Märchen von jüdischer Macht und lüdlschem Gelde gründlich aufzuräumen und damit den Judenfeinden eine ihrer gefährlichsten Waffen zu entwinden. Unsere Macht muß wahrlich groß sein, wenn jeder Straßenbube uns schmähen, wenn jeder Pennyreporter uns angeifern, wenn ein in Bildern redender Graf ungestraft den Pöbel gegen uns anfstacheln darf. Unsere Schätze müssen wahrlich unendlich sein, wenn der deutsche Rabbinerverband seine Sammlungen für invalide Genossen und deren Wittwen und Waisen wegen der Noth der Zeit in vielen Gemeinden einstellen muß, wenn die Vertreter der ersten Wohlthätigkeitsverbände nicht wissen, woher sie die Mittel nehmen sollen, um Nahrung und Eisenbahnfahrt für die zurückgehetzten unglücklichen Brüder zu zahlen. Und es wird schlimmer mit jedem Tag. Der ganze jüdische Mittelstand in der Provinz wird von der Konkurrenz fortgefegt. Der ganz arme Jude hat nie etwas besessen, und der sehr reiche Jude hat oft kein Herz für feine Brüder, oder er läßt sich taufen. Das jüdische Geld liegt märchennmsponnen in der Tiefe gebettet wie das Rheingold der deutschen Sage..' -l- * Das alte Kalenderjahr ist von nns geschieden. Es war ein Jahr des Sturmes und Dranges. Aber wir verzagen nicht. Die Väter haben andere Stürme überdauert. In den Zeiten der Drangsal und der Entartung Pflegten die Weisen des Talmuds zu sagen: „Wir stützen uns aus unseren Vater im Himmel." Und es schläft nicht und schlummert nicht der Hüter Israels. Zum Jahresschlüsse pflegt man die Tobten des Jahres zu nennen. Wann kommt der Tag, wo man den Haß der Menschen gegen Israel unter den Tobten der Vergangenheit wird verzeichnen dürfen? Inzwischen streiten wir weiter, treu unserem Gotte, treu unserem Vaterlande und vor allem tren uns selbst. Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist? Es giebt Saaten und Ernten auch in der Weltgeschichte, und auch unsere Saat wird am Tage der Garben einst reifen. Wir denken des unvergessenen Prophetenwortes: „Fürchte dich nicht, du Wurm Jacobs, ihr Wenigen an Zahl in Israel!" Der Wurm geht langsam an das Ziel, aber er wird es erreichen. Wir denken an das sinnige Dichterwort: Und ein Jeder von dem Stamme Trage ivie das Würmlein sacht Still die reine Gottesflamme Schützend durch die Erdennacht! Wenn sie dich verhöhnen, trage! Leuchtend wandle immerdar! Mache so verklärt die Sage Von dem ewigen Juden wahr! Archivalische Funde zur Geschichte der Juden 1822—1848. Mitgetheilt von Professor Dr. Ludivig Geiger. 2. Archivalische Notizen über Abraham Geiger, Ludwig Philippson und Michael Sachs. F. Vischer, der geistreiche Aesthetiker, verlangt von dem Biographen, daß er gelegentlich seine Begeisterung mit einem Tropfen Ironie vermische; eine solche Mischung ist auch für die folgende Darstellung räthlich. Denn es handelt sich in ihr nicht etwa nur gewaltige Streitigkeiten hervorragender Gelehrter und Prediger mit der Staatsgewalt, sondern um kleine Kampfspiele. Nicht Freisinn und Orthodoxie rücken ins Feld, sondern — das Bässchen und ein harmloser Titel, l Abraham Geiger war, wie bekannt, von der weitaus über- > wiegenden liberalen Majorität der Breslauer Gemeinde — damals gab es noch eine solche — zum Rabbiner gewählt worden. Streitigkeiten mannigfacher Art waren nach dieser Wahl in der Gemeinde ausgebrochen, die um so weniger hier dargestellt werden sollen, als sie in der Biographie meines Vaters (Berlin 1878, S. 111 f.) genugsam berührt sind. Dort mußte ich nach meiner damaligen Kenntniß behaupten, daß die von den Orthodoxen erhobene Anklage, Geiger bediene sich eines christlichen Ornats, zum Schweigen gebracht wurde (März 1843); jetzt kann ich aus den Akten Nachweisen, daß ein Verbot dieses Ornats doch erfolgte und peinliche Folgen hatte. Doch die Bäffchen, weißen Manschetten und der faltige Talar waren es nicht allein, die den Zorn der Negierung und des Oberpräsidenten Schlesiens, v. Merckel, der mit Geiger nicht gut stand (v. Biographie S. 166 f.), erregten, sondern ein Uebergriff