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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-10 · Heft 2 (10.1.1902) · p. Seite 17

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 2 (10.1.1902)
Date
1902-01-10
Page
Seite 17 (sequence 7)
Language
German
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In einer Zeit, in welcher den Staatsbürgern jüdischen Glaubens sännntliche höheren Karrieren gesperrt sind, in der inan das Entreebillet zu einem Leutnant oder Landgerichtsdirektor mit seiner Tause bezahlen muß, in der jeder neu ernannte israelitische Notar wie ein Wunderexemplar durch alle jüdischen Blätter läuft — in solcher Zeit entzündet man die Menge mit dem schlechten Scherze von der „jüdischen Macht", und wenn dann die „Bestie im Menschen"^reagirt und das Volk von Ritualmordfabrikanten und anderen Vaterlandsfeinden vergiftet ist, dann nimmt man offiziell Rücksicht auf die „Stimmung des Volkes", und die Staatsgrundgesetze werden auf dem Verwaltungswege revidirt. Wenn aber vielleicht ein naiver Christenmensch, der die trostlose Lage der deutschen Israeliten und mehr noch der östlichen Juden kennt, fragen sollte, wo denn eigentlich die so sehr gefürchtete und so arg befehdete jüdische Macht wäre, so sind die Fabeldichter von der Antisemitenzunft nm ein Sprüchlein nicht verlegen, und sie entdecken die Minen des „jüdischen Goldes". Die „Schlesische Zeitung", jenes weitverbreitete, von den obersten Regierungsbehörden bis zum untersten Schullehrer gelesene Blatt, welches in den siebziger Jahren die jndenfeindliche Bewegung durch seine berüchtigte Artikelserie über den jüdischen Referendar einleitete und sich in seiner Gesinnung treu geblieben ist, bringt mit unheimlicher Regelmäßigkeit alle vierzehn Tage einen Aufsatz über die „goldene Internationale". Das Gift wird in die Massen gestreut und dem unbefangenen Leser allmälig die Ueberzeugung suggerirt, daß zweifellos über Erdtheile und Meere sich goldene Fäden spinnen, die in den jüdischen Gemeindestnben von Paris, Berlin, Wien, London, Newhork ihre geheimnißvollen, schier unerschöpflichen Quellen haben. So wecken jene edlen Menschen den Neid und den Haß des Volkes, und das Volk weiß es nicht oder denkt nicht daran, daß — von den amerikanischen Milliardären zu schweigen — ein bekannter oberschlesischer Magnat reicher ist als alle Berliner Juden zusammengenommen. Aber das Schlagwort bleibt, und es vergiftet schleichend die Massen. Wie steht es nun mit der „goldenen Internationale"? Und wie steht es mit der „jüdischen Macht"? Am 4. November 1901 trat in Breslau ein Kongreß zusammen, der die Frage der jüdischen Rückwanderer beraten sollte. Amtliche Pflichten hinderten mich, der Einladung des Breslauer Gemeindevvrstandes zur Theilnahme an dem Kongreß Folge zu leisten, aber heute flatterten die Blätter des offiziellen Protokolls auf meinen Arbeitstisch, und aus den dürren Blättern wirbelte eine Fülle schmerzlicher Gedanken auf mich ein. Wenn die „Schlesische Zeitung" und die anderen Soldschreiber des Judenhasses dieses Protokoll und seine trockenen Daten lesen wollten, sie würden sich vielleicht eineranderen Richtung der modernen Fabeldichterei zuwenden. Nichts von jüdischer Macht und nichts von jüdischem Golde. Nichts als Armuth und Elend, und nichts als Jammer und Noth! Verdienstvolle Männer aus Berlin, Breslau, Hamburg. Bremen, Oberschlesien, Wien, Lemberg, Paris hatten sich eingefunden, um unter dem Vorsitz des Stadtraths Pringsheim- Breslau zu berathen, wie sich eine Organisation für die armen Rückwanderer schaffen ließe. Des Trauerspieles erster Theil, die Auswanderung, ist vorläufig im Allgemeinen zu Ende; der zweite Theil, die Rückwanderung beginnt. Kein Mensch weiß, wann das Drama der Unglücklichen seinen Abschluß findet. Es wäre anspruchsvoll, sich ein entscheidendes Urtheil zu gestatten, ob es so allein richtig war, fast den ganzen Strom der Auswanderer nach Amerika zu lenken. Wie jubelte man damals auf dem Berliner Kongreß der jüdischen Delegirten bei dem Gedanken, im „Lande der Freiheit" eine neue Heimath für die Heimathlosen zu schaffen! Die geschichtliche Wahrheit gebietet festzustellen, daß Israel Hildesheimer der Einzige auf dem Kongreß war, der für Palästina plaidirte und betonte, daß die weiten menschenleeren Strecken des Ostjordanlandes die wahre neue Heimath, vielleicht gar eine neue Kulturstätte für die vertriebenen Glieder des jüdischen Stammes werden könnten. Seine Stimme verhallte, aber sein Wort behielt Recht-. Jetzt beginnt der Rückstrom von allen Seiten. Die Staaten sperren ihre Grenzen. Die Pistole eines wahnsinnigen Katholiken streckte Mac Kinley nieder, und die jüdischen Einwanderer werden es büßen müssen. Amerika bereitet eine Einwandererbill vor, und wir fürchten, daß diese Bill für unsere armen Brüder eine Unbill wird. In England erheben sich einflußreiche Stimmen gegen die weitere Einwanderung der östlichen Juden, die in ihrem Fleiß und in ihrer Sparsamkeit als Handwerker billiger arbeiten, die Preise drücken und dem englischen Arbeiter als Gefahr erscheinen. Die Israeliten jener Länder fürchten in der überfluthenden Welle der Einwanderer für sich selbst eine Gefahr. Aus Stockholm und anderen Städten Skandinaviens kommen jüdische Warnrufe. Ich hatte im letzten Jahre in einem dänischen Seebade Gelegenheit, mit einem Vorsteher der Synagogengemeinde Kopenhagen, einem der ersten Anwälte Dänemarks, der auch ein guter Jude ist, die Einwandererfrage wiederholt zu besprechen. Ich fragte ihn, ob man denn nicht in den reichgesegneten Provinzen des Landes — ganz Dänemark zählt 5000 jüdische Seelen — einige Tausend russische Juden ansiedeln könne, und er antwortete mir: „Regierung und Volk würden vorläufig nichts dagegen haben, Antisemitismus kennt man hier nicht, aber wir Israeliten wollen und dürfen es nicht, weil wir fürchten, daß unsere jetzige günstige Lage sich gar bald verschlimmern könnte." Der mir nicht fernstehende Landesrabbiner eines feudalen Bundesstaates suchte schon vor Jahren in seinen Gemeinden größere russisch-jüdische Ansiedelungen zu schaffen und Naturalisationen in weiterem Umfange zu erwirken. Aber seine eigenen Vorstände wollten nicht recht mit, und die Minister sagten ihm: „Wir hätten nichts dagegen, aber Berlin!" Die Bundesstaaten mußten nach der preußischen Flöte tanzen. So sind auch jene frommen Ideale flöten gegangen, und es gelang nur, ein paar Dutzend russische Jünglinge als Lehrer auszubilden und in den israelitischen Gemeinden jenes Landes anzustellen. Wohin der geknechtete Jude sich wendet, nirgends thut sich ihm eine Heimath auf. Man wäre fast versucht, an ein Wort Börnes zu denken: „Früher machte man den Inden nur den Himmel streitig, heut gönnt man ihnen ^selbst die Erde nicht!" In den letzten neun Monaten unterstützte Hamburg 1710 Auswanderer und 419 Rückwanderer, meist Russen, Galizier und Rumänen. Berlin mußte 460 Personen helfen, Kattowitz 2500 Unglücklichen beistehen. Die Einen ziehen hin, die Anderen kommen her. Hin und her — das ist das Schicksal des jüdischen Stammes, das scheint auch das Schicksal jener Aermsteu unter unseren Brüdern zu sein. Die hervor-

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