Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 2 (10.1.1902)
- Date
- 1902-01-10
- Page
- Seite 14 (sequence 4)
- Language
- German
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14 gegeben. Das habe sich bei der letzten Sitzung des Repräsentanten- Kollegiums gezeigt, wo die Orgelfrage wieder auf der Tagesordnung stand. Von Seiten der zionistisch-konservativen Orgelgegner sei dieser Antrag so behandelt worden, als wolle der Liberalismus damit das Judenthum ruiniren, während doch gerade die liberale Richtung wahrhaft konservativ sei, da sie allein zahllosen Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft das Judenthum erhalte, indem sie ihnen den altehrwürdigen Väterglauben in einer zeitgemäßen Form biete. Das Referat wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen. In der darauf folgenden Diskussion wurde von verschiedenen Seiten betont, daß der Liberalismus schweren Kämpfen entgegengehe, die namentlich durch den Umstand an Erbitterung gewinnen, daß der Zionismus, dessen Ziele und Zwecke auf ganz anderem Gebiete liegen, mit eiugreise. Der liberale Verein darf mit dem Verlaus der Versammlung zufrieden sein. Sie bewies klar, daß der Gedanke der Sammlung und Organisation aller liberalen Elemente in immer weiteren Kreisen der Kölner Gemeinde an Boden gewinnt. Von besonderer Bedeutung aber ist es, daß der Verein in der schwebenden Frage einen festen Rückhalt all der Majorität des Vorstandes hat, wie die nunmehr folgende Rede des Vorstandsmitgliedes Herrn Louis Eliel zeigt. Nach einigen einleitenden Bemerkungen sagte Herr Eliel: Meine Herren! Das Verlangen nach einer „Reform", oder richtiger gesagt nach „zeitgemäßen Umänderungen des gottesdienstlichen Rituals", hat zu allen Zeite»» beim Volke Israel eine Rolle gespielt. Diese Frage war vorhanden, als Israel begann, ein Volk zu werden, sie existirte, als das Königreich Israel auf der Höhe seiner Macht stand, sie machte sich während der Zeit des Verfalles des israelitischen Staates geltend, und sie ist nie von der Tagesordnung verschwunden, seitdem Israel in der Zerstreuung lebt. Diese Thatsache ist auch leicht zu verstehen. Die Umwandlung von einem Naturzu einem Kulturvolle, von einem Nomadenstannne zu einem seßhaften Volke mit staatlichen Einrichtungen, die nach und nach aufdämmernde Erkenntnis; der Unbedeutendheit des Menschen gegenüber der Allgewalt Gottes, die veränderten Lebens- und Wirthschaftsbedingungen, die Berührung mit anderen Völkern und deren Sitten und Gebräuche, die wechselnde Auffassung über den eigentlichen Zweck des Gottesdienstes mußten nothwendigerweise auch veränderte Formen für denselben in» Gefolge haben. Wenn man heute also davon spricht, daß der Gottesdienst in der alten, überlieferten Form als ein wesentlicher Bestandtheil zur Erhaltung des Judenthums beibehalten werden müsse, so bleibt die Frage offen, welche alte Form meint man damit, diejenige, welche vor drei, vor zwei, vor einem Jahrtausend, oder diejenige, welche vor hundert Jahren üblich war. Denn, daß zu allen diesen Zeiten das Ritual ein anderes war, wird wohl ernstlich nicht bestritten werden, wer es dennoch thut, erregt bewußt oder unbewußt einen Jrrthum; bewußt thut es Derjenige, welcher die Geschichte des Volkes Israel kennt, unbewußt Derjenige, der von Tute»» und Blase»» nichts weiß und sich dennoch, unbeeinflußt durch Sachkenntniß. als Hüter der Ueberlieferung aufspielt. Auch hier in Köln ist die Frage bezüglich der Aenderung des Rituals bei»»» Gottesdienste, welche gemeiniglich unter der Spitzmarke „Einführung des Orgelgottesdienstes in eine der Gemeindeshnagogen" gekennzeichnet wird, nichts neues. Ich erinnere mich, das; die Frage vor etwa 30 Jahren hier ernste A»»seinandersehungen hervorrief; wenn die Bewegung damals rasch vorüberging, so lag das daran, daß die führenden liberalen Elemente von der nachdrücklichen Vertretung ihrer Ideen Abstand nahmen, »veil nur e i n Gemeindegotteshaus vorhanden war, und sie die Besucher desselben, welche jeder Neuerung abhold waren, nicht aus demselben vertreiben wollten, ohne ihnen anderweitig eine Stätte cmweisen zu können, wo sie ihre Andacht nach ihrer Weise verrichten konnten. Aber noch ein anderer Grund war vorhanden, welcher die Bewegung nicht zu einer nachhaltigen gedeihen ließ; es fehlte das große Publikum, das sich für solche Frager» interessirte, denn das Gemeindeleben. das sich heute eines frischen, kräftigen Pulsschlages erfreut, befand sich damals, leider muß es gesagt werden, in einem recht matten und kraftlosen Zustande! Trotzdem sich nun die Seelenzahl der Gemeinde seit jener Zeit »»ach und nach beträchtlich vermehrt hatte, »var die Synagoge in der Glockengüsse für die regelmäßigen Besuche» des Sabbathgottesdienstes nicht nur groß genug, sondern meistens viel zu groß; dagegen fehlte es an geeigneten Räumen, »vo diejenigen Gemeindemitglieder, welche das Bedürfniß fühlten, an hohen und höchste»» Feiertagen seelische Erbauung zu finde»» und Andacht zn üben, untergebracht werden konnten. Als nun Dieselben vor etlichen Jahre»» genöthigt waren, ihr Gebet am höchster» Feiertage in einen», für diesen Zweck gänzlich ungeeigneten Lokale, wo carnevalistische Inschriften an seine sonstige Verwendung erinnerten, zu verrichte»», da brach sich der Gedanke, daß diese Zustände beseitigt werden müßten, mit elementarer Gewalt Bahn. Aber nicht die Gemeindeverwaltung »var es. die die Initiative ergriff, sondern es bedurfte erst der Anregung einer größeren Zahl von Gemeindernitgliedern, zu denen auch ich gehörte, um die Erbauung eines zweiten Gotteshauses in die Wege zu leiten. Es war klar, daß, nachdem die Verwaltung beschlossen hatte, diesen» Gesuche Folge zu geben, die Frage behufs Einführung des Orgelgottesdienstes wieder in die Erscheinung treten mußte, waren doch Diejenigen, derentwegen man das neue Gotteshaus bauen wollte, fast ausnahmslos Anhänger einer freien Richtung, welche die Umgestaltung des Gottesdienstes in eine ihrem Empfinden besser entsprechende Form wünschten. Man war damals auch allgemein davon überzeugt, daß die Einführung dieses Gottesdienstes nur eine Frage der Zeit, und zwar einer kurzen Zeit sei, und ich erinnere mich sehr wohl, daß »nein damals in der Baukommission gestellter Antrag, „das Podium sür den Chor räumlich so zu bemessen, daß sür die Ausstellung einer Orgel Platz vorhanden sei", auf keinerlei ernstlichen Widerspruch stieß. Meine Begründung dieses Antrages, daß wir — wenn »vir selbst nicht den Muth fände»», die Einbauuug einer Orgel bei der Verwaltung zu beantragen — mindestens die Verpflichtung hätten, der Verwirklichung dieses Gedankens, der eine Verschönerung des Gottesdienstes bedeute, keine Schwierigkeiten zu bereiten, erfreute sich sogar der Zustimmung darnals einflußreicher Personen, die ich nicht nennen will, weil es mir widerstrebt. Leute, die nicht mehr unter den Lebenden weilen, oder welche hier nicht anwesend sind, als klassische Zeugen anzurufei». Wie kan» es nnn, daß die Stimmung bei einem Theile der damals führenden Männer umschlug, und daß sie nicht ihrer Ueberzeugung entsprechend handelten? Sie liehen ihr Ohr den Einflüsterungen orthodoxer Elemente, die mit dem Austritt der Strenggläubigen aus der Synagogengemeinde drohten, wem» der Orgelgottesdienst in eine der Gerne»»»desy»»agogen eingeführt würde! Ob diese Drohung zur That geworden wäre, war mindestens zweifelhaft, da bis dahin in keiner Gemeinde ein solcher Massenaustritt aus ähnlichen Gründen erfolgt war. Aber selbst »venu dieser gewiß bedauerliche und schmerzliche Vorgang sich vollzogen hätte, wäre der Zustand in der Gemeinde im Vergleiche mit dem gegenwärtigen nicht immer noch vorzuziehen gewesen? Damals konnte von einer ernstlichen Gefährdung des Friedens in der Gemeinde nicht die Rede sein; schlimmsten Falles wären 30 bis 40 Männer ans der Synagogengemeinde ausgetreten, Männer, die damals schon ihr eigenes Gotteshaus und ihren eigenen Rabbiner hatten, und denen die Einrichtungen der Gemeinde in religionsgesetzlicher Hinsicht sammt und sonders nicht genügte»». Ihr Zusammenhang mit der große»» Gemeinde bestand lediglich darin, daß sie Kultnssteueru zahlten und sich an den Bestrebungen der Gemeinde für die Förderung der allgemeinen Ausgabe»» des Judenthums betheiligten. Letzteres würde»» sie bestimmt auch nach ihrer»» Austritt gethan haben, so daß das Resultat desselbei» lediglich in einem Ausfälle sür die Gemeindekasse bestanden bätte. Heute liegen die Verhältnisse viel unfreundlicher; die Gemeinde hat sich in zwei — wenn auch ungleiche — Theile gespalten, hie Orgel freunde — hie Orgelgegner, beide Theile sind von Kampfcsmuth beseelt; die letzteren vertheidigen mit zäher Entschlossenheit ihre Stellung, gegen welche erstere Sturm laufen, und schon sind bei diesem Wahlkampfe einige Kämpfer, die sich in» klebrigen des höchsten Ansehens bei allen Parteien erfreue»», zur Strecke gebracht worden. Es läßt sich heute noch gar nicht überblicken, welch' unerfreuliche Episoden der Zwist noch Hervorrufen kann, und welches Ende der Streit nimmt. 1