Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1902)
- Date
- 1902-01-03
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Verwandter des bekannten Talmudisten N. Aron Kornfeld, auch N. Aron Jenikau genannt. Kornfeld ist ein Mann, der an allen Angelegenheiten des Judenthums den wärmsten Antheil nimmt. — Kaiser Franz Joseph hat an den Prediger Dr. Leimdörfer in Hamburg ein huldvolles Dankschreiben gerichtet für die vor der österreichisch-ungarischen Kolonie gehalteneil Festrede zum 70. Geburtstage des Kaisers. Das Schreibell enthielt zugleich die Mittheilung. daß die veröffentlichte Rede auf Befehl des Kaisers in die kaiserliche Familien- Fideikommiß-Bibliothek ausgenommen wurde. Schweiz. — Basel, 27. Dezbr. Der fünfte Zi ouistenkon greß hat vom 26. bis 29. d. M. hier stattgefunden. Vorher ging eine „zionistische Akademikerkonferenz". die vom 18. bis 23. d. M. dauerte, und aus die wir noch verschiedener charakteristischer Einzelheiten wegen znrückkonlmen. Der Zionistenkongreß selbst wurde am 26. d. M. durch den Präsidenten des Aktionskomitees eröffnet. Es hatten sich 260 Delegirte zionistischer Vereine eingefnnden. Dr. Herzl versetzte die Anwesenden mitten in die zionistische Bewegung. Ueberall, so führte er aus, habe sie Aufnahme gesunden. Die Judensrage könne nur durch die Juden selbst gelöst werden; auch weitere Kreise kämen allmählig zu der Einsicht, daß einzig durch den Zionismus, der das jüdische Proletariat in Palästina seßhaft machen wolle, das Volk der Inden erlöst werden könne. Die wohlthätige Kolonisation sei gescheitert, die nationale werde gelingen. Im Mai d. I. sei er vom Sultan Abdul Hamid in einer längeren Audienz empfangen worden, und die Güte und Herzlichkeit dieses Empfanges habe ihn mit den besten Hoffnungen erfüllt. Er habe die Ueberzengung gewonnen, daß das jüdische Volk in dem regierenden Kalifell eitlen Freund und Gönner besitze. Der Sultan habe ihn auch ermächtigt, dieses öffentlich mitzutheilen. Zum Vorsitzenden des Kongreßbüreaus wurde Dr. Herzl (Wien) ernannt; als Vizepräsidenten wurden gewählt: Dr. Max Nordall-Paris, Dr. E. Tschlenow-Moskan. Dr. Gaster-London und Sir Francis Montefiore- London. Es folgten sodann die Wahlen der verschiedenen Allsschüsse und die Festsetzung der Geschäftsordnung. Der Rechenschaftsbericht des Aktionskomitees, über dessen allgemeinen Theil Dr. Marmorek- Wien referirte, wurde gnlgeheißen. Hierauf sprach Francis Montefiore- London über die jüdische Kolonialbank. Sie will vornehmlich die Kolonisation in Syrien und Palästina fordern. Die Erörterung der Frage, wann die Bank ihre Geschäfte beginnen solle, wurde verschoben. Zu lebhaften Meinungsverschiedenheiten kam es über die Frage, ob die Bank Filialen in Rußland gründen solle. In der zweitel, Nachmittagssitzung wurden die Fragen betreffend die körperliche, geistige und wirtschaftliche Hebung der Juden behandelt. Als Hauptreferent hielt Dr. Max Nordan-Paris eine anderthalbstündige Rede, worin er darthat, daß der Hebung der Judenschaft auf die ihr gebührende Kulturstufe die wirtschaftliche Hebung vorausgehen müsse. Die erste Aufgabe des Zionismus sei daher, das jüdische Volk zu stärken und ökonomisch tüchtiger zu machen; so allein werde dasselbe brauchbar werden ür die Zwecke und Ziele des Zionismus. (!) Dr. Jeremias- Posen empfahl Kindergärten, Ferienkolonien, Kinderheilstätten?c., Herr Sokolow-Warschau sprach über die jüdische Wissenschaft, Herr Martin Buber-Wien über jüdische Kunst, Dr. Moses-Mannheim über die wirthschastliche Hebung der Inden Der Sultan hat durch seinen Oberzeremonienmeister Ibrahim dem Dr. Herzl telegraphisch seine Genugthuung über das ihm zugesandte Hnldignngstelegramm des Zionistenkongresses aussprechen lassen. Den Schluß über die Verhandlungen vom Sonnabend und Mol,tag bringen wir in nächster Nummer, ein Resümee über der, Kongreß, sobald die offiziellen Berichte vorliegen. Don Nah und Fern. Dr. med. Theodor Sommerfeld ist zum Professor ernannt worden. Die Auszeichnung wurde ihn, in Anerkennung seiner Bestrebungen auf den, Gebiete der Gewerbehygiene und Tuberkulosebekämpfung zu Theil. — Sanitätsrath Dr, Brühl, der älteste Beamte am Reichsgesnndheitsamt, trat mit dem 1. Januar in den Ruhestand. In Anerkennung seiner Verdienste hat er den Charakter als Geheimer Sanitätsrath vom Könige verliehen erhalten. — Den hiesigen Rechtsanwälten Dr. Fedor Stern, Ed. Gold mann. Karl Lad ewig ist der Charakter als Justizrath verliehen worden. — Dr. med. George Meyer, der sich um das Rettungs- und Krankentransportwesen verdient gemacht hat, ist zum Professor ernannt worden. — Dem Direktorialassistenten vom Statistischen Amt der Stadt Berlin und Leiter des Statistischen Amts der Stadt Charlottenburg, Dr. E. Hirschberg, ist der Titel Professor verliehen worden. — Der Bildhauer Max Klein ist zum Professor ernannt worden. — Dr. med. Julius Schwalbe, der Mitherausgeber der „Deutschen medizinischen Wochenschrift" ist zum Professor ernannt worden. — An, 20. v. M. ist hier der Kaufmann und Handelsrichter Rudolph Blumenthal nach kurzem, schweren Leiden im 59. Lebensjahre gestorben. - Zum Konitzer Mord theilt ein hiesiges antisemitisches Blatt mit, daß der Oberstaatsanwalt in Marienwerder die Beschwerde des Bauunternehmers Winter, des Vaters des ermordeten Gymnasiasten Ernst Winter, in Könitz gegen die Eiustellungsverfügung des Staatsanwalts Schweigger in Könitz, betreffend das Verfahren gegen den Schlächter Lewy, zurückgewiesen hat. Nunmehr soll gegen diesen Bescheid der Strafsenat des Oberlandesgerichts in Marienwerder angerufen werden. Zum Andenken an den verstorbenen Baron Willy v. Rothschild in Frankfurt a.M. hat die Baronin Edmond de Rothschild in Paris eine Summe von 50 000 Psund Sterling (1 Million Mark) zur Gründung eines israelitischen Hospitals für Lungenschwindsüchtige im Taunus bestimmt. — Der Oberlehrer am Philantropin in Frankfu rt a. M., Julius Vorn stein, ist an, 27. d. M. nach schwerem Leiden gestorben. — Professor Dr. Salomon Lefmaun — nicht Lehmann, wie es in voriger Nummer hieß — hat am 26. d. M. sein Jubiläum als Universitätslehrer in Heidelberg gefeiert. — In Rheda ist der allgemein beliebte Lehrer Stein weg, einer der Begründer des Vereins israelitischer Lehrer Rheinlands und Westfalen, gestorben. — Am 30. und 31. v. M. trat der Verband der jüdischen Lehrervereine im deutschen Reiche zu seinem zweiten Verbandstag in Ha m bürg zusammen. Ausführlicher Bericht folgt. — In Amsterdam ist am 11. v. M. der langjährige Sekretär der Pekidim und Ainarkalim der israelitischen Gemeinden des heiligen Landes zn Amsterdam, N. H. van Biema, im sünfundsechzigsten Lebensjahre gestorben. — Der bekannte Philologe, Professor d'Anco na in Pisa, ist zum korrespoudirenden Mitglied der des Insciiptions et beites lettres in Paris ernannt worden. — Nach den Mitteilungen des Centralkomitees für Statistik in Rußland betrug die Zahl der Inden dort nach der letzten Volkszählung 5 189 000, einer Bevölkerung von 125 668 000, also im Ganzen 4,03 Prozent der Gesammtbevölkerung.. — Dem Gouverneur von Wilna gelüstete es wieder einmal, eine größere Anzahl Juden auszuweisen. Zu diesem Zwecke bat er den Senat um die Erlaubniß, mehrere jüdische Städtchen in Dörfer umwandeln zu dürfen, worauf dann die Hetze gegen die diese Städtchen bewohnenden Juden beginnen würde. Der Senat war aber nicht geneigt, dem Herrn Gouverneur den Spaß zu gestatten und lehnte den schlau ausgesonnenen Antrag glatt ab. Wie schade! — Professor Bergson, Lehrer der Philosophie am College de France, ist am 17. v. M. mit 20 gegen 13 Stimmen zum Mitglied der französischen Akademie, Abtheilung für Moral und Politik, gewählt worden. Professor Bergson ist das 13. jüdische Mitglied dieses weltberühmten Instituts. Es gehören nämlich die Professoren Breal (Vergleichende Grammatik), Jules Oppert, der berühmte Assyrologe, der Uebersetzer griechischer Tragödien H. Weill, der Archäologe Salomon Reinach und der berühmte Arabist tz. Dernbourg der Abtheilung für Inschriften und Litteratur an. Ferner gehören Professor Lippmann (Physik), der Astronom Loewy, die Ingenieure Maurice und Michael Levy sowie F. Bischoffsheim, der das Observatorium zu Nizza dem Staate gespendet hat, der Abtheilung für Wissenschaft an. Die Professoren Caen und Bergson gehören zur Abtheilung ^für^ moralische Wissenschaften. Endlich gehört Baron Alphons Rothschild Iker Abtheilung für Kunst an. Dr. Hartwig Hirsch seld, Dozent am L ond onerJewish-College, ist als Dozent der semitischen Sprachen all der Londoner Universität zugelassen worden. Dr. Hirschfeld ist ein Enkel Salomon Pleßners. — Professor Sch echt er in Cambridge hat den Ruf als Direktor des jüdisch-theologischen Seminars in New York definitiv angenommen Wie berichtet wird, haben Gönner der jüdischen Wissenschaft daselbst einen großen Fonds für die Anstalt aufgebracht. Jacob H. Schiff allein soll einen Beitrag von 100 000 Dollars für diesen Zweck gewidmet haben. Armes Europa! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.