Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-03 · Heft 1 (3.1.1902) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 1 (3.1.1902)
Date
1902-01-03
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228475--58262-3294696
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

I 3 handelt hat, begreiflich sind. Wollte Pfarrer Krösell sich seiner Vorgesetzten Behörde gegenüber rechtfertigen, so konnte er nicht umhin, gegen Landecker Strafalltrag wegen Beleidigung zu stellen. Die Verhandlung wurde dadurch voll großer Bedeutung, daß Krösell als Zeuge geladen war und seine Aussagen unter dem Eide machen mußte. Urtt> wir müssen dem Herrn Pfarrer bezeugen, daß er vor dem Eide Respekt bewiesen hat. Denn so schwer es ihm auch geworden sein mag, er hat nunmehr doch vieles zugestandeu, was er seiner Behörde wie der Staatsanwaltschaft gegenüber in Abrede gestellt hat. In den Händen des Vertheidigers des Angeklagten nämlich befand sich das Stenogramm einer der Krösellschen Vorträge, und der Vertheidiger ging nunlmit dem Herrn Pfarrer scharf ins Gericht. Punkt für Punkt mußte Dieser unter seinem Eide einräumen, in seinen Vorträgen Aeußerungen gethan zu haben, wie das Stenogramm sie aufweist. Aeußerungen, die im höchsten Grade aufreizender Art sind und eine Kritik des Konitzer Gerichtshofes enthalten. Von noch größerem Werthe aber ist das Folgende. Pfarrer Krösell hatte seine Berechtigung, über Ritualmord sprechen zu dürfen, seinen Ballern gegenüber damit begründet, daß er als Theologe die hebräische Sprache beherrsche und sich daher über den Talmud ein Urtheil zu bilden im Stande sei. Als aber der Vertheidiger ihm die Frage vorlegte, ob er befähigt sei. den Talmud und den Schulchan Aruch zu lesen, gerieth der Herr Pfarrer in große Bestürzung und wollte Anfangs die Antwort auf diese Frage verweigern. Erst auf Drängen des Vorsitzenderl bequemte er sich zu dem nicht weiter überraschenden Geständuiß, daß er seine talmudische Weisheit nicht aus dem Talmud selbst, sondern aus den Schriften von Eisenmenger, Ecker u. s. w. geschöpft habe. Diese Schriften wurden sodann von dem von der Verteidigung als Sachverständigen geladenen Rabbiner Dr. Silberstein ins rechte Licht gestellt. Der Angeklagte Landecker wurde zwar wegen formeller Beleidigung zu 50 Mark Geldstrafe verurtheilt. aber der eigentlich Gerichtete war der ehrwürdige Herr Pfarrer, der mit seinem Eide bekräftigen mußte, daß er „wissenschaftliche" Vorträge halte über Dinge, für die ihm die wissenschaftliche Befähigung fehlt! Auch gebührt dem Kaufmann Landecker das unleugbare Verdienst, durch seine fortgesetzten Eingaben an die Behörde bewirkt zu haben, daß Krösell seine Vorträge einstellen mußte. Strehlen, 30. Dezember. Aus einem Kindergerede hätten hier leicht ernste Beunruhigungen entstehen können. Die hiesigen Lokalblätter veröffentlichten in ihrer letzten Ausgabe nachstehende amtliche Bekanntmachung: „Angeblich soll am Sonnabend, den 14. d. M.. in der Dunkelstttnde ein Kind unter gemachten Versprechungen in das Synago gen gründstück gelockt worden sein. Wer uns hierüber Aufklärung bringt und den Anstifter hierzu so bezeichnet, daß derselbe zur Verantwortung gezogen werden kann, erhält 300 Mark Belohnung. Strehlen, den 20. Dezember 1902. Die Polizeiverwaltung." Dieser allerdings etwas unklaren Bekanntmachung liegt, der „Breslauer- Zeitung" zufolge, folgender Sachverhalt zu Grunde: Am Abende des erwähnten Tages kamen einige Kinder, die vor der Synagoge bei Einbruch der Dämmerung gespielt halten, nach Hanse und erzählten dort, daß ihnen drei Leute Geld versprochen hätten, wenn sie mit in das Synagogengrundstück kommen wollten. Eines von ihnen sei daraufhin mitgegangen, während die Anderen draußen gewartet hätten. Die Kinder haben in der Schule dies Erlebniß einander so lange erzählt, bis schließlich in ihnen die Befürchtung aufstieg, die drei Männer müßten wohl schlimme Absichten gehabt haben. In den Kreisen der Erwachsenen hat dies Kindergerede bisher keinen Widerhall gefunden — auch nicht in ausgesprochen antisemitischen, und die Behörden sollen, wie unser Gewährsmann erfahren hat, der Sache ebenfalls keinerlei Bedeutung beimessen. Man nimmt vielmehr allgemein an, daß die Kinder in ihrer von der Fizrcht vor dem Weihnachtsmann oder dem Knecht Ruprecht überreizten Phantasie in einen jener Angstzustände gerathen sind, wie sie schon vielfach in Schulen beobachtet worden sind. — Bocholt, 29. Dezember. Der hiesige israelitische Männerverein feierte am 8.d.M. sein 100jähriges Stiftungsfest. Nach dem Michagebet, eingeleitel durch Chorgesang, wurden die Chanukahlichter angezündet und die Chanukahhymne „Schirm und Schutz" gesungen. Hierauf hielt unser Lehrer und Prediger, Herr L. Nußbaum, die Festpredigt über den Text Jesaia 58. 7: „Entziehe dich nicht dem, der deines Fleisches ist", eine sehr sinnige Mahnung für einen Wohlthätigkeitsverein, die auch schon in den alten Satzungen des Vereins steht und daselbst als sogenannter Prat das Gründungsjahr der Chewra angiebt <5562). Ausgehend von der hochherzigen, vom „Gottesgeist" durchdrungenen kleinen Schar der Makkabäer und ihren „Wunderthaten" zeigte der Redner in überzeugender Weise, wie Wenige, Einzelne durch Vereinigung der Kräfte Großes. Dauerndes zu leisten im Stande sind. Den Beweis liefert unsere wackere Chewra, die sich ja auch durch Verfolgung gemeinsamer jüdischer Interessen und Aufgaben als eine Pflanzstätte gottgefälliger Menschenliebe und Wohlthätigkeit erwiesen hat. Der Wunsch und die Mahnung, daß dieser Gottesgeist dem Verein erhalten bleiben und die Mitglieder diese eigenthümlich israelitischen Tugenden weiter Pflegen «lögen in einer Zeit, wo neben so manchem Alten leider auch das gute Alte immer mehr verblaßt, bildete nebst einem tiefempfundenen Gebet für die lebenden und für das Seelenheil der verstorbenen Mitglieder den Schluß der zu Herzen gehenden Festpredigt. Hierauf folgte das Abendgebet und der Psalm 100 als Schlußchor. Nunmehr begaben sich die Festtheilnehmer in den Saal der Rothenburg, begrüßt vom Vereinsvorsteher Herrn Hochheimer. Fräulein Alma Meier sprach einen begeistert aufgenommenen Prolog. Der Vereinsvorstand brachte in zündender Rede den Kaisertoast ans, hinweisend auf des Monarchen gütiges und edles Streben in Bezug auf Menschenliebe. Während des Festmahles hielt Herr Lehrer erner. Spier die Festrede, eine mühevolle und schwierige Aufgabe für den bejahrten Herrn. Er verstand es, in interessanter Weise eine Geschichte der Juden unserer Stadt und der Gründung des Vereins bis zur Gegenwart aktenmäßig zum Vortrag zn bringen und dabei manches humorvolle Wort einznflechten, so daß sämmtliche Zuhörer mit Spannung den längeren Ausführungen folgten und dem Redner stürmischen Beifall zollten. Nun kam endlich auch die liebe Jugend zu ihrem Rechte, und ihre theatralischen Darbietungen wurden mit freudigem Interesse entgegen genommen. Ein Festball hielt die Theilnehmer noch bis zur frühen Morgenstunde vereinigt; dann hatte die Jubelfeier, die dem Verein alle Ehre macht, ihr Ende erreicht. Oesterreich - Ungarn. LH Wien, 30. Dezember. Die Gesellschaft für Sammlung und Konservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Juden thu ms hat vor einigen Tagen eine Hieronymus Lorm-Feier veranstaltet, bei der Dr. Bernhard Münz die Festrede hielt, und Hosburgfchauspieler Adolf v. Sonnenthal mehrere poetische Arbeiten des greisen Dichters rezitirte; den» Feste wohnte in Vertretung des Dichters dessen Tochter bei. — Zahlreiche angesehene Männer feierten in der abgelanfenen Woche in solenner Weise den 70. Geburtsdes ehemaligen Genwinderathes Siegmund Mayer, der sich große Verdienste erworben hat. — Ferner feierten am 21. d. M. die israelitischen Neligionslehrer das 25. Jubiläum der Lehrtätigkeit des Neligionsprofessors Moritz Kanitz durch eine Festversammlung. — Die Ortsgruppe des Verbandes „Schönerer" in Komota u wurde von der Statthalterei aufgelöst. — Nach dem statistischen Jahrbuch der Kommune Wien sind im Jahre 1899 aus der katholischen Religion 1100 Personen ausgetreten, aus der jüdischen dagegen 453. Bei einer Bevölkerungsanzahl von 1400 000 Katholiken beträgt daher der Abgang 8/w pro Mille; bei einer Bevölkerungszahl von rund 150 000 Juden beträgt dagegen der Verlust 3 per Mille. (Es sind also in Wien bei einer Bevölkerung von 150 000 Juden in einem Jahre doppelt so viel Inden übergetreten, als in Berlin bei einer Bevölkerung von ca. 90000 Juden.) — Am 10. d. M. hat vor dem Bezirksgerichte zu Tetschen die Verhandlung über eine Ehrenbeleidigungsklage stattgesunden, die der in jüngster Zeit vielgenannte Professor Seidl gegen den Schuhmacher Loos anstrengte, weil der letztere behauptet hatte, Dr. Seidl habe als alldeutscher Parteigänger ein Paar Schuhe bei einem Juden gekauft. Loos wurde der Ehrenbeleidigung schuldig erkannt und zu einer Geldstrafe von 30 Kronen verurtheilt, und in der Begründung erklärte das Gericht, „daß der einem Alldeutschen gemachte Vorwurf, er habe bei Inden gekauft, den Thatbestand einer Ehrenbeleidignng bilde". Unerhört! — Der Rathssekretär Hermann Gut in Lemberg wurde zum Landgerichtsrath ernannt. — Der Generaldirektor der Ungarischen Allgemeinen Kreditbank und Präsident der Budapest er Maaren- und Effektenbörse Sigmund Kornfeld wurde zum Mitglied des Magnateuhauses ernannt. Kornfeld, in Jenikau (Böhmen) geboren, ist. wie ein anderes Magnatenhaus- Mitglied, der berühmte Professor Koranyi, der früher ebenfalls Kornfeld hieß, dem Judenthum aber nicht mehr angehört, ein naher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.