Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-03 · Heft 1 (3.1.1902) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 1 (3.1.1902)
Date
1902-01-03
Page
Seite 12 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228475--58259-3294693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

12 Fitterarifche Mittherlungen. — In seine» kürzlich erschienenen „Lebenserinnerniigen" komnit der weilcmd berühmte Politiker und Staatsrechtslehrer Robert von Mohl auch auf Gabriel Nieder zu sprechen, dessen Kollege er in dem Franksurter Parlamente des Jahres 1848 war. Seine Charakterisirnng Rießers ist uni so beachtenswerther. als Mohl im Allgemeinen ein scharfer, ivenig wohlwollender Veurtheiler seiner Nebenmenschen und insbesondere kein Jndenfrennd ist. Ueber Rießer sagt er (II 56): „Wir glauben, daß kaum ei» Mann in der Panlskirche saß, der von einem größeren Kreise verehrt und geliebt worden wäre, als Gabriel Rießer. Bei Keinem trat aber auch Bravheit der Gesinnung, uneigennützige Hingebung an die Sache, freundliches Vertrauen in Andere, kurz Lauterkeit des Wesens, unzweifelhafter zu Tage. Diese sittliche Natur verband sich aber nnt scharfen, Verstände, umfassendem Blicke und hoher Bildung, und da noch eine Meisterschaft der Sprache nnd die äußeren Mittel des Redners dazu käme», so war nicht zu wundern daß Rießer nicht nur zu den beliebtesten, sondern auch in der That zu de» besten Sprechern zählte. Man hörte jedem Worte an, daß es diesem Manne Ernst war. Die Fülle schlagender und geistreicher Gründe, die verständige Anlage des Ganzen bewies die reife Dnrchdenknng des Gegenstandes, die Innigkeit der Nahelegung, der Schmerz über die Möglichkeit einer anderen Ansicht aber die Wärme des Gefühls und das Bedürsniß, Andere auch von seiner Ueberzeugung zu dnrchdringe». Und doch war nichts weniger als Predigerton, die parlamentarische Färbung und die staatsmnnnische Haltung ließen hieran gar nicht denken. Die Rede Rießers am 21. März (1849) über den Welckerschen Antrag ans unmittelbare Wahl des Königs von Preußen zum Deutschen Kaiser war vielleicht das Großartigste, was je in der Reichsversammlnng gesprochen wurde." Spverhfcral. Sehr geehrter Herr Redakteur! Ihren; Artikel: „Ein Wort über die jüdische Wissenschaft", der viel Beherzigenswerthes enthält und den Weg zeigt, wie die jüdische Wissenschaft zur neuen Blüthe gelangen könnte, möchte ich mir die Bemerkung erlauben, daß trotz alledem und bei alledem die Rabbiner auf dem Lande rüstige Mitarbeiter auf dem Gebiete jüdischer Wissenschaft sind. Selbst das so sehnlichst gewünschte Werk über das Jndenthum wird ein Rabbiner veröffentlichen, wie ja die Entgegnung des Oppelner Rabbiners Dr. Bäck auf Haruacks „Wesen des Christenthums" eine sehr hervorragende Leistung ist. Ferner erscheint in einigen Wochen bei S. Schottländer in Breslau: „Kampf des Rabbiners gegen den Talmud im XVII. Jahrhundert", ein Buch, dessen ganze erste Hälfte unter dem Titel: „Religion des Volkes und Religion des Individuums" nicht nur eine Rechtfertigung des Talmud zun; Ziele hat, sondern auch das Wesen unseres Judenthums, also des talmudischen, gründlich darstellt. Der Verfasser dieses Buches ist wieder ein Rabbiner auf den; Lande — Dr. Stern in Saaz (Böhmen). Die Nabbiller schreibell gute Werke, aber wie Viele kaufen die Werke? Welche harte Bedingungen stellen nicht die Verleger einem Rabbiner, der ein Werk, und sei es daS beste, zu veröffentlichen trachtet. Wenigstens die Druckkosten muß er bezahlen, er, der vielleicht viel Geist, viel Wissen, aber wellig Reichthümer besitzt. Jahre lang arbeiten. dann ungeheure Kosten haben, das ist das Los des arbeitenden Rabbiners. Ich rufe mit Ihnen. Herr Redakteur, hier muß Abhilfe geschaffen werden. Aehnliche Institutionen wie die Zunzstiftung müssen überall entstehen, noch reicher dotirt als diese, und alle solche Institutionen müssen großherzig jede Arbeit unterstützen, wenn sie auch nicht nükrologische Kleinarbeit und Kärrnerfleiß enthält. In der Regel wird unter jüdischer Wissenschaft nur Mikrologie und alexandrinische Art der Gelehrsamkeit verstanden, die die Kunst übt, aus hundert Büchern noch eins zu machen. Breslau, 15. Dezember. Hochachtungsvoll Geehrter Herr Redakteur! (^^ie Deutsch-sozialen Blätter vom 12. Dezember veröffentlichen unter der Spitzmarke „Verhöhnung der christl. Religion durch Israel" einen Eutrüstungsschrei darüber, daß auf einer Speisekarte, die in Cameu (Westfalen) ansgegebeu wurde, der Satz: „Der Mel,sch lebt nicht vom Brod allein" unter dem Bilde eines fetten Ochsen sich befunden habe. Der entrüstete Einsender weiß von diesem Satze nur. daß er von Christus angewandt sei, dagegen scheint ihm unbekannt geblieben zu sein, daß er sich ursprünglich im 5. Blich Mose e. 8 V. 3 findet, sonst hätte er wohl nicht in diesem harmlosen Scherz eine Verhöhnung der christlichen Religion finden können. Karlsruhe (Baden), 16. Dezember. A. * Verehrliche Redaktion! (Mch bitte Sie um Aufnahme folgender Zeilen: Vor einem gewissen (^8 Adolf Hopenfeld aus Ostrowo, angeblich Stud. cam., der zur Zeit die jüdischen Gemeinden brandschatzt, sei hiermit gewarnt. Magdeburg. 23. Dezember. Mit vorzüglicher Hochachtung Tr. M. Span ier. * Geehrter Herr Redakteur! (H^ach kurzer Abwesenheit von hier lese ich erst jetzt in Ihrem geschätzten Blatte den Artikel „Nach der Schlacht", dessen Verfasser die Handlungsweise der Liberalen gelegentlich der Repräsentantenwahl bemängelt, ohne einen anderen, besseren Weg als den eiugeschlagenen zu bezeichnen. Meines Erachtens greift er aber die Liberalen ohne Berechtigung an. — Zunächst ist der taktische Fehler, den der Verfasser den Liberalen vorwirft, niemals begangen worden. In den liberalen Versammlungen ist die Forderung des Sonnlagsgottesdienstes niemals als Hauptpunkt bezeichnet worden. Diese Fabel ist eine Erfindung der Gegner, die ihren Erfolg nur dadurch erzielten, daß sie fälschlich, und zwar wissentlich fälschlich, behaupteten, die liberale Partei gehe auf die Abschaffung des Sabbaths aus. In den Flugblättern sowie in den Versammlungen der Liberalen wurde gerade all das betont, was nach des Verfassers Ansicht hervorzuheben ist. Glaubt übrigens der Herr Verfasser wirklich, daß die „träge und indolente Masse der besitzenden und gebildeten Juden" mit der Belehrung, „daß höchste Errungenschaften der Kultur durch den Sieg der Orthodoxen gefährdet sind" u. s. w., „gefaßt werden könne"? Ich meine, die kulturellen Errungenschaften dieser „Masse" sind nicht abhängig von der Partei, die in der Gemeinde gerade regiert. Vielmehr würden gerade diese Leute bei ihrer sezessionistischen Stellung zur Gemeinde und zum Judenthum überhaupt am wenigsten die „Segnungen" der Rückschrittspartei verspüren. In dem Flugblatt des liberalen Vereins ist auch von einem feigen Waffenstillstand mit keinem Worte die Rede, vielmehr ist hier Frieden nur ein anderes, treffendes Wort für den häßlichen, erniedrigenden Ausdruck: Toleranz. Oder sollten sich die Liberalen derselben Jnquisitionstaktik schuldig machen, die sie ihren Gegnern vorwerfen? Dann fragt der Verfasser, was die Kandidatenliste der Liberalen anlangt: „Ist das jüdische Berlin wirklich so arm an Männern von Ruf und Bedeutung?" Nun, die Liberalen haben es jedenfalls vorgezogen, ohne Rücksicht aus den Titel, den glänzenden Namen, die hohe Finanz oder die sonstige soziale Stellung Männer aufzustellen, die theils ihre Kraft bereits mit Erfolg in den Dienst der Gemeinde gestellt hatten, die bewiesen hatten, daß sie mit Geschick und Verständniß die Gemeinde zu vertreten im Stande sind, theils Solche, deren sonstige Leistungen Gewähr für ihre Tüchtigkeit in einer solchen Stellung bieten. Sie wollten ihre Wähler nicht nur durch klingende Namen und hohe Titel ködern. Auch ist es nicht ein gar so enger Kreis, in dem die Kandidatenlisten gemacht werden, sondern der liberale Verein ist es, der sich seit Jahren entschlossen hat, die Wahlen der Repräsentanten vorzubereiteu. Es scheint aber, daß die Liberalen es nicht einmal ihren Gesinnungsgenossen recht machen können, und wer den Schaden hat, braucht nicht nicht 'mal für den Spott Dieser zu sorgen. Berlin. 18. Dezember. Auch ein Liberaler. Hochachtungsvoll L G. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.