Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1902)
- Date
- 1902-01-03
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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11 bürg einen Neffen mit Namen Kantorowitsch, einen Assessor, der dem zugereisten Verwandten seine Gastfreundschaft, wenn auch nicht gern, anbot. Gewöhnlich war Jankel den ganzen Tag unterwegs, lief in Geschäften von einem Ende der Stadt bis zum anderen; abends kam er zum Neffen, gleichsam als Gast, und blieb dann zur Nacht. Heute aber erwartete man beim Neffen einen Zuwachs in der Familie; jm Hause begann Geschäftigkeit, Eile, fremde Gesichter zeigten sich. Jankel verstand, daß er überflüssig war und ging am Beginn des Abends — ins Weite. Er hatte als Kommissionär für den Verkauf von Häusern und Gütern nach Petersburg kommen müssen, ein solides Geschäft war zu erwarten, mit einem Coup viel Geld zu verdienen. Der Gutsbesitzer Zotows wollte dem früheren Gouverneur des Neki-Gouvernement, Woroschonin, sein Gut verkaufen. Woroschonin war nicht gegen den Kauf, im Gegentheil, das Gut gefiel ihm schon sehr lange. Als er noch Gouverneur war, sprach er oft mit Jankel darüber. „Das ist ein herrliches Winkelche»," pflegte er zu sagen, „ich würde mit dem größten Vergnügen dorthin ziehen." Aber damals steigerte Zotow seine Ansprüche ins Unendliche und Woroschonin hatte kein Geld. Jetzt aber erzählte man sich, daß Woroschonin ein hübsches Vermögen zusammengebracht habe, er sollte heimlich an der Börse spielen. „Nun, was ist dabei?" urtheilte Jankel, „warum soll er denn nicht spielen? Große Leute dürfen sich alles erlauben, was ein Kleiner nicht darf." Die Unterhandlungen über den Verkauf desGutesllvnrden durch Kantorowitsch geführt. Das nöthigte ihn, einige Zeit fern von seiner Familie zu leben, sich Unbequemlichkeiten anfzuerlegen. Das Unangenehmste war, daß er kein Recht hatte, in Petersburg zn wohnen. Zu Hause in N. war Jankel an solche Rechtslosigkeit nicht gewöhnt. Er hatte sein ganzes Leben in einer Gegend verbracht, wo die Juden Ansiedelnngsrecht hatten. In seiner Eigenschaft als Kommissionär hatte er Zutritt zu den bedeutendsten Personen der Stadt, vom.Gouverneur angefangen. Die vornehmsten Einwohner der Stadt konnten sich nicht ohne seinen Rath behelfen; sie gaben folgenden schmeichelhaften Ausweis über ihn: „Kantorowitsch führt uns nicht an der Nase herum und beschwindelt uns nicht." Die höheren Polizisten drückten ihm die Hand wie einem guten Bekannten, und Niemand hatte ihn je gefragt, ob er Einwohnungsrecht habe. Jm Gegentheil, die jüngeren Leute sprachen außerordentlich höflich mit ihm und nannten ihn nur bei seinem Vatersnamen Kantorowitsch. Daß die alten Herren ihn'sehr undelikat „he. Du Jude, Jankel" riefen, konnte er ihnen doch nicht übelnehmen: sie waren eben derartig erzogen, jetzt wäre es zu spät gewesen, sie anders zu machen. Nach und nach hatte sich Jankel gewöhnt zu denken, er Hütte überall Einwohnungsrecht, es könnte ihm garnicht genvmmen werden. Seit vielen Jahren war er der Bevollmächtigte Zotows. Letzten Herbst kehrte Zotow aus dem Auslande zurück, ließ Kantorowitsch sofort rufen und sagte zu ihm: „Jetzt ist es. definitiv, ich will mein Gut verkaufen, ich sehe keinen anderen Ausweg. Es wäre gut, an Woroschonin zu verkaufen Ihm gefällt es, und ich bekomme sofort Geld. Fahren Sie nach Petersburg, Kantorowitsch, und schlagen Sie ihm, als ob es von Ihnen ausginge, einige Güter vor, darunter auch meines. Nach einer Woche komme ich dorthin. Haben Sie verstanden?" Jankel nickte ruhig mit dem Kopfe, zeigte seine Freude über das in Aussicht stehende Geschäft nicht, sondern antwortete nur höflich: „Gut, ich fahre." In diesem Augenblick war der Umstand „Wohnrecht" vollständig aus seinem Gedächtniß entschwunden. Noch weniger dachte Zotow daran. Vielleicht hatte er sogar von dem Vorhandensein solcher Gesetze keine Ahnung, und wenn er etwas davon wußte, dann nur sehr dunkel. Und übrigens, das war Jankels Sache. Zu allerst erinnerte Sara Harkowna, Jankels Frau, an dieses Gesetz. Ihr Vater und ihre Schwester waren erst kürzlich aus Moskau ausgewiesen worden, und sie erinnerte daran, daß das Einwohnungsrecht durchaus streng gehandhabt würde. Ihr gefiel die Reise überhaupt nicht. „Gott mit Dir und mit Petersburg," rief sie ans, „alles Geld der Welt kannst Du dort auch nicht zusammenscharren, kannst aber in eine sehr unsaubere Geschichte hineinkommen. Ob ans dem Geschäft etwas herauskommen wird, wissen wir nicht, Zotow ist sehr wankelmüthig; heute verkauft er, morgen besinnt er sich, wir haben ja das oft genug erlebt; aber der Kommissionär, der ohne Erlaubniß in Petersburg weilt, den wird inan mit Schimpf und Schande wie einen Bettler, wie einen Schwindler durch die Stadt jagen. Kannst Du das wirklich vor Deinen Kindern verantworten, daß sie solch einen Skandal mit ihrem Vater erleben? Du hast gebildete Kinder, nimm Rücksicht auf sie." Die gebildeten Kinder waren auch Jankels ganzer Stolz, das Heiligthum seines Lebens. Der älteste Sohn Jankels war Student an der Kiewer Universität, eine Tochter in der fünften Klasse des Gymnasiums, die drei jüngeren Kinder wurden privatim auf das Gymnasium vorbereitet. Jankel war zu jedem Opfer für die Ausbildung seiner Kinder bereit, wenn sie nur, wie er sich ausdrückte, „zur Vernunft" gebracht wurden. Sich selbst betrachtete er nur als ein Familienelement, das stumm über die Szene ging, als ein Wesen, das nur dazu existirte, anderen Wesen, die ihn dereinst ablösen würden, die Wege zu ebnen. Diese anderen Wesen verkörperten sich im Bilde seiner Kinder. — Der Verkauf Zotows sicherte den Wohlstand der Familie ans lange Zeit; Jankel beschloß daher, nach Petersburg zu fahren, was immer auch kommen möge. „Sei ruhig, Sara!" erwiederte er der Frau, „ich fahre. Ich werde mich schon einzurichten wissen; ich werde etwas erdulden müssen, sagst Du? Nun, große Sache! Bin ich etwa ein Baron? Andere müssen erdulden, warum soll ich nicht können? Werde ich auch mal etwas ertragen. Nachher, wenn das Geschäft gemacht ist, wird's um so schöner." Jankel konnte beim besten Willen nicht einsehen, für welches Vergehen ihm Leiden und Widerwärtigkeiten in Petersburg bevorstehen sollten. Er hatte bis zum heutigen Tage, von seiner Kinderzeit an, nichts Böses, Gesetzwidriges gethan. Sein Leben war unter den Augen der Bürger von N. verflossen, Niemand konnte ihm etwas Schlechtes nachsagen. Viele alte Leute hatten Jankel gekannt, als er noch barfuß über die Straßen lief. An den drückend heißen Sommertagen brannte der tiefe Straßenstaub die bloßen Füße so sehr, daß er die Fußsohlen kitzelte. — Jankels Vater war Schneider; die ganze Familie wohnte im Kellergewölbe im Hause des Herrn Komarenki. Der Eingang der Wohnung war vom Hose aus; über dem Pförtchen hing ein Schild mit einer großen Scheere, darauf stand: Damen- und Herrenschneider Jtzkv Kantorowitsch. Für Militär- und Civilpersonen. (Fortsetzung folgt.)