Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1902)
- Date
- 1902-01-03
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
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8 ein (20. März). Er betonte, daß er und die klebrigen ohne Verabredung in Civilkleidung bei dem Akte erschienen seien, daß er seine Gegenwart sür nothwendig erachtet habe, „um sich durch eigne Wahrnehmung zu überzeugen, wie sich die dabei vorkommenden Lehren und Religionsgrundsätze zur Moral und zu andern Religionen verhielten und ob sie nicht wenigstens zum Theil zweideutig und versteckt gegen diese oder das allgemeine Beste wären." Er war tief bekümmert, sich durch sei» pflichtmäßiges Verhalten die Ungnade des Königs zugezogen zu haben. Daher wurde er in einem Schreiben (29. März) beruhigt, daß von Ungnade nicht die Rede sein könne, daß nur die pomphafte Anzeige mißfällig bemerkt worden sei. Der Religionslehrer blieb unbehelligt, und die jüdischen Kinder waren konfirmirt. Are Kittenlehre des Iudenthums. Von Dr. M. Joseph. VI. ^Ausgervählte Abschnitte der jüdischen Gittenlehre. (chR^ür die richtige Beurtheilung der jüdischen Sittenlehre ist es ganz ohne Frage das Wichtigste, die kulturhistorische Bedeutung derselben, d. h. ihren Werth für die Entwickelung des menschlichen Geistes, klar und deutlich zu bestimmen. Wir haben jedoch bereits darauf hingewiesen, daß es sich hier um unsere Sittenlehre handelt, und daß wir darum ein unmittelbares Interesse daran haben müssen, uns auch mit ihrem Inhalt zu beschäftigen. Aus diesem Grunde haben wir zunächst die Prinzipien der jüdischen Sittenlehre erörtert, um den Geist, der sie erfüllt, zu erkennen und im Ganzen zu überschauen. Wir möchten nun noch versuchen, an einigen wenigen Partien unserer Sittenlehre zu zeigen, welche Aus führung im Einzelnen ihre Prinzipien gefunden haben. Wir beschränken uns für diese Einzeldarstellung ausschließlich aus die biblische und talmudische Litteratur, die uns für unseren Zweck eine außerordentliche Fülle des Stoffes darbieten Welcher Rerchthum schon allein m oer Bibel, m den prophetischen Schriften, der Thora, den Psalmen, den Sprüchen, dem BucheHivb! Aber wie wenig bedeutet selbstdieserReichthmn gegenüber der unendlichen Fülle von ethischen Sentenzen, Erörterungen Erzählungen, Legenden, Fabeln und Gleichnissen im talmudischmidraschischen Schriftthum! Wie unerschöpflich und mannigfaltig sind hier allein die Gleichnisse, die wegen ihrer großen Anschaulichkeit, ihres kindlichen Tones und ihres poetischen Zaubers so gern zur sittlichen Belehrung des Volkes verwendet wurden! Hier haben wir den mächtigen Stamm, an welchem auch die Gleichnisse Jesu gewachsen sind, und an welchem sie nur wie ein paar zarte Aestlein erscheinen. Wir sehen also ganz von jener weiteren Entwickelung ab, welche die jüdische Sittenlehre nach dem Abschluß des Talmuds besonders bei den Religionsphilosophen und Sittenlehrern des Mittelalters erahren hat. Wir werden dies um so mehr thun dürfen, als nur der ethische Stoff im talmudischen Schriftthum wesentlich aus dem Studium der Bibel gewonnen worden und also im wahren Sinne des Wortes aus jüdischem Geiste geboren ist. In der späteren Zeit, wo die Kultur der Umgebung stärkere Einflüsse ausübt, sind auch in der Sittenlehre fremde Beimischungen unverkennbar. Wir halten es daher für durchaus richtig, wenn Prof. Lazarus sich in seiner „Ethik des Judenthums" in der Hauptsache auf die biblische und talmudische Moral beschränkt. Leider steht der zweite Band von Lazarus' Ethik, der sich mit der Einzeldarstellung beschäftigen soll, noch ans. Es ist wohl zu erwarten, daß auch dieser zweite Band nicht nur die allgemeine Anerkennung finden, sondern ebenfalls mit aufrichtiger Dankbarkeit begrüßt werden wird. Wir wählen nur solche Partien der jüdischen Sittenlehre aus, die verhältnißmäßig kleine Ausschnitte aus dem Gesammtgebiet bilden: die Schätzung der Ehre, der Arbeit und des Reichthums in Bibel und Talmud. Die Ehre. Wir wenden uns zunächst der ethischen Behandlung der Ehre zu und beginnen mit der Frage: Welche Vorstellung verbinden wir denn eigentlich mit diesem Begriff? Der Begriff der Ehre hat seine Geschichte; er hat, nicht zum wenigsten unter dem Einfluß der ethischen Lebensausfassung Israels, eine mehr und mehr ethische Bedeutung angenommen. Ursprünglich ist die Ehre nichts anderes als die Huldigung, die dem Starken, dem Mächtigen, dem Reichen dargebracht wird. Sie ist kein freiwilliger, sondern ein durch die Furcht und die Rücksicht auf das eigene Interesse erzwungener Tribut, der allen Denen gezollt wird, von denen man sich abhängig weiß. Für uns dagegen ist die Ehre längst zu einem ethischen Begriff geworden, sie besteht in der Würdigung, deren sich ein Mensch, um seines inneren Werthes willen, bei seinen Mitmenschen zu erfreuen hat. War sie früher das in der fremden Anerkennung sich darstellende Spiegelbild der Macht, so ist sie jetzt ein Spiegelbild der moralischen Würde des Menschen geworden. Von dem Grade der Pflichterfüllung, von der Größe der Verdienste und Leistungen hängt, wenigstens nach dem offiziell herrschenden Geiste, die Ehre ab, die wir einem Menschen erweisen. Im biblischen Schriftthum wird der Boden für diese Auffassung der Ehre vorbereitet; die Bedeutung, die wir der Ehre, der Anerkennung unseres inneren Werthes beilegen müssen, ist bereits erkannt, aber sie wird hier noch nicht so stark wie in der späteren'? Zeit in den Vordergrund gerückt. Die biblischen Frommen legen ein unvergleichlich größeres Gewicht auf ihre moralische Rechtfertigung vor Gott als vor den Menschen. Dies ist im Grunde auch noch im talmudischen Schriftthum der Fall, wie dies zum Beispiel der schöne Spruch beweist: „Lieber will ich in den Augen der Menschen mein Lebenlang als Thor gelten, als vor Gott auch nur einen Augenblick als Sünder." (Edujoth V, 6.) Aber die Ehre, wie wir sie heute verstehen, die Anerkennung unseres Werthes bei unseren Mitmenschen, wird hier in viel höherem Grade als ein besonderes, hohes persönliches Gut betrachtet und darum vor Beeinträchtigung durch Andere nach allen Richtungen geschützt. Jeder Mensch als solcher besitzt nach dem Talmud Ehre, weil er zur Sittlichkeit berufen, weil er im Ebenbilde Gottes geschaffen ist, und weil auch dem Geringsten im Plane Gottes seine Bestimmung angewiesen ist. „Verachte keine Menschen", heißt es in der Mischna, „denn es giebt keinen Menschen, der nicht seine Stunde hätte." (Aboth IV, 3.) Selbst dem Geringsten sollen wir die schuldigen Ehrenbezeugungen nicht versagen, jedem mit dem Gruße zuvorkommen (Aboth IV) und Segen oder Fluch keines Menschen gering schätzen (Megilla 15 a). Auch die Thora habe in allen