Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1902-01-03 · Heft 1 (3.1.1902) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
66 (1902)
Issue
Heft 1 (3.1.1902)
Date
1902-01-03
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228473-3228475--58254-3294688
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

7 Die Rasse bildet das größte Kolonialreich der Erde, ohne sich eines Mutterlandes zu erfreuen. Die Juden sind die einzige Rasse, welche nicht allein in den zurückgebliebeneil Erdtheilen, sondern auch in Europa Kolonien besitzt. Keine Sprache, keine Zone, kein Bildungsgrad der Völker hält sie zurück. Je höher die Kultur eines Volkes steigt, desto mehr assimilirt sich ihm das Judenthum. Und was ist das Geheimniß dieses beispiellosen Verhaltens? Der Jude ist ein Deutscher in Deutschland, ein Engländer in England, ein Chinese in China u. s. iv. Die Juden unterscheiden sich untereinander eben so sehr wie die verschiedenen Nationen, sie stehen meist ungefähr auf demselben Bildungsgrad wie ihre Umgebung. Sie bilden also kein Volk im Volke, »vie immer behauptet wird. Sie stehen ihren Mitbewohnern nicht gegenüber wie Deutsche und Franzosen, sondern sie unterscheiden sich etwa lvie das Volk von der Aristokratie oder wie andere Gruppen in einer Nation untereinander. Der deutsche Jude spricht die deutsche, der französische Jude die französische Sprache, und im Kriege 1870 bekämpften sich beide nicht weniger feindlich wie ihre christlichen Landsleute. Was auch das Vaterland von den Juden verlangt, wollen sie und haben sie gemeinhin geleistet, wo sie auch wohnten. Sie denken allerdings vielfach international, wie es heute auch ander« aufgeklärte Menschen thun. Aber wenn die nationalen Interessen mit den internationalen im Widerspruch stehen, stellen sie sich ohne Besinnen auf den nationalen Standpunkt. — selbst dort, wo sie mehr Lasten zu tragen haben, als ihre nichtjüdischen Brüder. Wer alles und noch mehr leistet, als man billigerweis« von ihm verlangen darf, sollte nicht nöthig haben, über seine Daseinsberechtigung sprechen zu müssen. Die Juden vollführen aber schon durch ihr bloßes Dasein eine große Kulturarbeit. Ihre unverschuldeten Leideil predigen über die ganze Erde mit Donnerworten: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, hasse und verstoße ihn nicht allein deshalb, weil er einer andern Rasse oder einem anderen Glauben angehört. Die Juden bilden einen Gährstosf, der die Völker nicht zur Ruhe kommen läßt, ehe sie die allgemeine Gleichberechtigung nicht nur anerkannt, sondern auch durchgeführt haben. Die Juden sind durch die Geschichte und Gegenwart zu den natürlich en Aposteln der Nächstenliebe gestempelt. Wer den auch heute noch recht gefährdeten Posten, den die Juden im Kampfe um die Kultur eiunehmen, aus unlauteren Motiven verläßt, braucht uns keine Rechenschaft zu geben, lüge aber sich und Anderen nicht vor, daß er eine männliche That vollbracht und schmähe nicht in widerlicher und verrätherischer Weise auf seine ausharrenden muthigeren Rassegenossen. Er ist eine Sklavennatur, welche die unwürdige Fessel der Freiheit, würdig zu handeln, vorzieht, wofern ihm nur seine Herren einige Leckerbissen hinwerfen. Er gleicht den Knechten aus der biblischen Zeit, welche die ihnen nach siebenjährigem Dienste zustehende Freiheit nicht annahmen, weil sie sich bei ihrem Herrn zu wohl fühlten, und welchen deswegen das eine Ohr» läppchen durchlocht wurde. Archivalische Funde zur Geschichte der Juden 1832—1848. Mitgetheilt von Professor Dr. Ludwig Geiger. I. Eine Ronfirmation jüdischer Rinder in Landsberg a. w. und deren Folgen (1822). Spenersche Zeitung vom 21. Februar 1822 brachte einen Artikel aus Landsberg a. W , m dem mitgetheilt wurde: am 16. Februar habe die feierliche Konfirmation von sechs Mädchen und zwei Knaben in der Synagoge stattgefunden. Der Neligionslehrer Liebmannssohn habe eine schöne Rede gehalten, die Prüfung das beste Resultat ergeben, und die Vorlesung der von den Konfirmanden selbst verfaßten Glaubensbekenntnisse habe allgemeine Rührung hervorgerufen. Die Feierlichkeit habe einen besonderen Glanz durch die Anwesenheit dreier Prediger, des Bürgermeisters und Polizeidirektors Reymann und des Regierungsraths Sensit erhalten. Diese Nachricht erregte das große Mißfallen des Königs Friedrich Wilhelm III., der den Reformbestrebungen der Juden abgeneigt war und die Theilnahme höherer Beamten an jüdischen Religionshaudlungen nicht billigte. Infolge dessen erließ er am 24. Februar zwei Kabiuetsordres. Die eine ist an den Oberpräsidenten von Heydebreck gerichtet und lautet so: „In Nr. 23 der Spenerschen Zeitung ist ei» Artikel ausgenommen, in welchem mit einem gewissen Gepränge die Einsegnung von Kindern jüdischer Nation, die in Landsberg an der Warthe stattgesunden hat, angezeigt ist. Die Konfirmation christlicher Kinder wird in den Zeitungen niemals angezeigt; die Verkündigung einer Einsegnung von Kindern jüdischer Nation ist also um so unpassender und anstößiger und sie soll deshalb künftig unterbleiben oder sich aus eine ganz einfache Angabe des Tages, an welchem die Einsegnung erfolgt ist, ohne allen und jeden Beysatz, beschränken. Anzeigen von anderen Feyerlichkeiten des Gottesdienstes der Juden, wenn sie zur Einrückung in die Zeitungen eingeschickt werden sollten, müssen ebenso einfach eingerichtet seyn." Die zweite Ordre an den Minister des Innern von Schuckmann hat folgenden Wortlaut: „Der Artikel Landsberg a. W., den 17. Februar, No. 23 in der Spenerschen Zeitung ist Mir höchst mißfällig gewesen, theils weil darinn eine religiöse Feierlichkeit der Juden, von welcher, wenn sie in christlichen Kirchen stattfindet, nie in öffentlichen Blättern die Rede ist, mit einem gewissen Gepränge verkündigt wird, theils weil evangelische Geistliche und Beamte derselben beyzuwohnen sich nicht entblödet haben. In Absicht der ersteren habe Ich das Erforderliche an den Staats-Minister Freyherrn von Altenstein erlassen, in Absicht der letzteren aber beauftrage Ich Sie, dem Regierungsrath Sensit und dem Polizey-Direktor Reymann diesen Verstoß gegen Anstand und christliche Sitte bemerklich zu machen." Man ersieht aus dem eben mitgetheilten Schriftstück, daß noch eine dritte Kabinetsordre epistirt, die dazu bestimmt war, die Geistlichen zu verwarnen. Der Minister Schuckmann entledigte sich seines Auftrages in doppelter Weise: er erließ ein Rundschreiben an die Oberpräsidenten und an Reymann. Jenes schärfte ein, daß von nun an in den Zeitungen über jüdische Feierlichkeiten nur einfache Anzeigen mitgetheilt werden sollen und forderte die Adressaten auf, in diesem Sinne die Regierungspräsidenten zu infvrmiren. Dieses machte dein Beamten bemerklich, ,,daß er sich durch dieses Hervorheben einer jüdischen willkrlichen Ceremonie über eine Handlung des evangelischen Kultus einen Verstoß gegen Anstand nnd christliche Sitte haben zu Schulden kommen lassen." (6. März.) Da Reymann außerdem zu einem Bericht über die Angelegenheit aufgefordert worden war, so sendete er einen solchen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.