Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1902)
- Date
- 1902-01-03
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
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6 gellossenschafteu nu.r der Vortheile wegen grober Abbruch gethan. Es ist ein fauler Frieden, der da geschlossen wird, damit mau auf einer unschuldigen Minorität noch ungestörter hernmtreten kann. A. : Es habeir dennoch gerade die bedeutenden Juden in besonders grober Zahl nicht allein ihre Kinder, sondern auch sich selbst taufen lassen. B. : Das ist eben ein Jammer, daß die Menschen, anstatt Gründe zu erwägen, aus Denkfaulheit sogenannten Autoritäten nacheifern. Es giebt keinen in allen Zweigen bedeutenden Menschern Ja, die in einem Fach größten Männer sind oft vorn allgemein menschlichen Standpunkte aus einseitig. Tie guten Charaktereigenschaften insbesondere haben mit Bildung und Talent nicht allzuviel zu schaffen. Selbst die Fähigkeit, sich über Fragen der Moral und dergleichen — natürlich ohne wissenschaftliche Schlagworte — auszusprechen, findet sich oft in den niedrigsten Ständen. Wer möchte andererseits garantiren, daß z. B. ein großer Mathematiker, ein Komponist, selbst ein Philosoph auch in Wirklichkeit ein großer Charakter ist. Dadurch, daß ein in gewisser Hinsicht bedeutender Mensch ein Verbrechen begeht, wird das Verbrechen nicht geheiligt. Wir thun daher immer gut daran, uns die Autoritätenbeweise zu schenken. A. : Ein Vortheil entsteht für die Juden, wie auch Du zngeben wirst, jedenfalls durch die Vermehrung der Taufen und Mischehen. Indem sich christliche und jüdische Familien verbinden, wird eine versöhnliche Stimmung vorbereitet. B. : Doch der Zweck heiligt hier nicht die Mittel. Erlaube, daß ich weit aushole, damit kein Mißverständniß entsteht. Wer vernünftig handeln will, muß ein Ziel klar vor Augen haben. Ich liebe meine Eltern, heißt doch noch nicht: Ich habe keine Herz für meine anderen Mitmenschen. Ich sage also getrost: Ich liebe das Judenthuin als den Garten, dem die Meinigen, ich selbst entsprossen. Ich will ihn Pflegen und verschöllen, aber nicht verlassen wie einen verrufenen Ort. Soll ich den Bannfluch, den thörichte Menschen auf unser Besitztum geschleudert, gut heißer:? Soll ich mich durch sie erschrecken lassen oder gar durch Ueberläuferei die Zahl solche Thoren womöglich vermehren? Auch edle Nichtjuden verachten die feigen Ueberläufer, und selbst kluge Proselytenmacher werden nicht immer das Bests über ihre Opfer denken. Kleine Völker und Gruppen, welche tapfer den Mächtigeren gegenüber ausharrten, hat man alle Zeit gelobt. Warum mißt man Israel mit anderem Maße? Die modernen Nationen begreifen die verschiedensten Rassen in sich. Nicht allein Rußland, Oesterreich u. s. w., auch unser Deutschland ist von einem bunten Gewirr voll Stämmen besiedelt. Der einwandfreieste Deutsche der Neuzeit gehört wahrscheinlich schon einer Mischrasse an. — Es ist hier aber nicht der Ort, eine Frage zu entscheiden, die ethnologisches und kaum kulturelles Interesse hat. Der Nationalitätenwahn, welcher sich vornehmlich im Hasse fremder Nationen offenbart, ist und bleibt ein Atavismus, auch wenn er sich noch so wild geberdet, auch wenn er sich nach den neuesten Moden kleidet. Die politisch abgegrenztell Länder haben in ihrem Gefüge große Aehnlichkeit mit den agrarischen Besitzthümern. In den Forsten heben tausende von Baumriesen ihre Wipfel stolz gegen den Himmel, wahrend aus den Feldern Weizen Roggen u. s. w., ill den Obstgärten die Früchte nicht minder freudig der Sonne entgegenlachen. Wo der Forst steht, können eure Felder nicht gedeihen, wo der Weizen blüht, kann der Roggen nicht bestehen. Wollt ihr darum die deutschen Wälder oder die Segen spendenden Felder verbrennen? Wahrlich, wenn die Roggenkörner oder die Nadeln der Tannen abstimmen könnten, sie würden es vielleicht nicht besser machen wie unsere Erbpächter eines verblendeten Nationalismus. Der weise Landmann aber fügt alles zu einem Ganzen. Er kennt den Werth einer jeden Kulturpflanze, begünstigt keine ihrer selbst wegen, gönnt jeder ihr Dasein, ordnet jedoch alle seinen ihm höher dünkenden Zwecken unter. Was der eigene Nutzen für den Landmanu, das ist das Gemeinwohl für den Staat. Ein Staat kann selbst im gesichertsten Frieden nicht gedeihen, wenn nicht in ihm die allgemeinen Menschenrechte höchste Achtung genießen. Die Gleichberechtigung aller Bürger bildet eitlen wesentlichen Theil dieser Rechte. Eine Majorität kann ohne Zweifel vorübergehende Vortheile erringen, wenn sie die Minorität unterjocht. Bald werden sich aber Gruppen und Sekten innerhalb der früheren Majorität bilden. Der stärkere Theil vernichtet dann seinen alten schwächeren Bundesgenossen, und so geht das Spiel weiter, bis das verderbliche Beginnen auch dem blödesten Auge offenbar ist. Denn Ulan kann nicht erwarten, daß Jemand, welcher heute das Recht des Schwächeren beugt, es morgen gegen seinen Vortheil allerkennt. Es geht nicht all, ein Kardinalgesetz ganz nach Belieben anzuwenden und umzustoßen. Unsicherheit im Nechtszustand gehört zu dem Schlimmsten, was in einem Staate Vorkommen kann und beschwört Revolutionen herauf. Wenn wir Juden Gleichberechtigung verlangen, handeln wir daher nur im Interesse des Staates selbst. Der Jude, der Böses thut, soll bestraft werden wie jeder Andere. Aber Niemand soll, weil er Jude ist, zurückgesetzt oder mehr verurtheilt werden. Wir müssen darauf bauen, daß sich ill den einzelnen Staatsgruppen schließlich genug Einsichtige finden, welche uns ill unserem berechtigten Streben unterstützen. Null zurück zum Ausgangspunkt unseres Streites. Die Leute, welche das Judeuthum verlassen, thun es unter dem Wahlspruch: „Was ist uns Hekuba, was ist uns das Judenthum?" Ich könnte mit demselben Rechte gar Viele fragen: Was ist euch das Christenthum, außer etwa die melkende Kuh ..? Hört denn, was auch einem dogmenfreieu Juden das Judenthum ist. Das Judenthum ist nicht nur eine Religion, sondern auch eine Raffe. Es ist eine Rasse mit einer ruhmreichen Geschichte, auf welche wir nur stolz sein können. Eine Rasse, welche mit heldenhaftem Muthe ihr einziges Vaterland vertheidigte, bis sie durch die Uebermacht ihrer Feinde erdrückt wurde. Eine Rasse, welche im Exil Jahrhunderte auf Jahrhunderte alle Leiden der Menschheit auskostete und heute lebenskräftig, wie je, dasteht.