Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 66 (1902)
- Issue
- Heft 1 (3.1.1902)
- Date
- 1902-01-03
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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5 Nochmals Herr Chanrkerlain. Von Justizrath Wittelshöfer in Fürth. Nr. 255 der Beilage zur „Allgemeinen Zeitung" in München führt Houston Stewart Chamberlain die Anmerkunq 5 aus seinen „Grundlagen des 19. Jahrhunderts" Seite 373: „Sünde ist bei den Hebräern jede Handlung, durch welche man im Unrechten sich befindet Jemandem gegenüber, der die Macht besitzt, das Vergehen zu bestrafen." als ein Citat aus W. Robertson Smith ,/IIis l'i-opliets ok Israel rmck tlieir plaes in lustorv" (statt wie irrthümlich früher aus Montefiore) an. Wir kennen das Werk Robertson Smiths nicht und wissen daher auch nicht, ob das Urtheil Chamberlains in seiner Berichtigung begründet ist, daß Smith die erste Autorität der Gegenwart über semitische Religion ist und bleibt. Aber der obige Ausspruch über das, was bei den Hebräern Sünde ist, ist jedenfalls entschieden unrichtig und kann durch Dutzende von Bibelstellen widerlegt werden. In diesen Stellen werden Handlungen, durch die man sich im Unrechten befindet, für eine Sünde erklärt ohne jede Beziehung darauf, ob Derjenige, dem gegenüber man sich im Unrechten befindet, die Macht besitzt, das Vergehen zu bestrafen, oder nicht. Statt aller anderen Stellen nur einige Beispiele. Schon in den zehn Geboten Mosis sind die Gebote: „Du sollst nicht morden, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht stehlen, du sollst gegen deinen Nebenmenschen kein falsches Zeugniß abgeben, du sollst keine Begierde haben nach dein Hause deines Nebenmenschen, du sollst keine Begierde haben nach der Frau deines Nebenmenschen, nach seinem Knechte, seiner Magd, seinem Ochsen und seinem Esel und nach allem, was dein Nebenmensch besitzt" absolut hingestellt und ohne jede Beziehung auf Jemand, der das Vergehen bestrafen kann. Ferner z. B. im 3. Buche Mosis Kap. IS Vers 11-18: „Ihr sollt nicht stehlen und nicht ableugnen und nicht Lügen sagen zu einander. Und ihr sollt bei meinem Namen nicht falsch schwören damit du nicht entweihest den Namen deines Gottes, ich bin der Ewige. Du sollst deinen Nebenmenschen nicht drücken und nicht berauben, du sollst den Lohn des Tagelöhners nicht bei dir übernachten lassen bis zum anderen Morgen. Du sollst einem Tauben nicht fluchen und vor einen Blinden keinen Anstoß hinlegen, und du sollst dich fürchten vor deinem Gotte, ich bin der Ewige. Ihr sollt kein Unrecht thun im Gerichte, du sollst (dabei) nicht ausmerken aus den Armen und nicht Rücksicht nehmen auf den Großen, sondern mit Gerechtigkeit richten deinen Nebenmenschen. Du sollst nicht mit Verleumdung umhergehen m deinem Volke und nicht ruhig stehen bleiben bei der Lebensgefahr deines Nebenmenschen. Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen, zurechtweisen sollst du deinen Nebenmenschen, damit du nicht seinetwegen eine Sünde auf dich ladest. Du sollst dich nicht rächen und sollst nichts Nachträgen den Kindern deines Volkes, und du sollst deinen Nebenmenschen lieben wie dich selbst, ich bin der Ewige!" Ist hier vorausgesetzt, daß der Bedrückte oder Beraubte, der Taglöhner, der Taube oder der Blinde, der Arme, der Verleumdete oder der in Lebensgefahr Befindliche die Macht besitzt, den Sünder zu strafen? Oder im 5. Buche Mosis, Kap. 27 V. 16—19: „Verflucht sei, wer seinen Vater und seine Mutter geringschätzig behandelt, und es spreche das ganze Volk Amen. Verflucht sei, wer die Grenze seines Nächsten verrückt, und es spreche das ganze Volk Amen. Verflucht sei, wer einen Blinden irreführt aus dem Wege, und es spreche das ganze Volk Amen. Verflucht sei, wer das Recht des Fremdlings, der Waise und der Wittwe beugt, und es spreche das ganze Volk Amen!" Ist hier etwa vorausgesetzt, daß die Eltern, der Nachbar, der Blinde, der Fremdling, die Waise oder die Wittwe die Macht besitzen, den Uebellhäter zu bestrafen? Oder im Propheten Jesaias Kap. 1 Vers 23: „Jeder (der Fürsten Israels) läßt sich gern bestechen und jagt nach Bezahlung, der Waise schaffen sie kein Recht, nnd der Rechtsstreit der Wittwe kömmt nicht vor sie." Ist vielleicht hier vorausgesetzt, daß die Waise oder die Wittwe die Macht besitzen, den Fürsten zu bestrafen? Oder in Psalm 94 Vers 6: „Die Wittwe und den Fremdling bringen sie um (die Sünder nämlich), und die Waise ermorden sie." Solche Stellen aus dem Alten Testamente könnten wie gesagt noch zu Dutzenden angeführt werden. Aber die allegirten genügen zum Beweise, wie unbegründet und unrichtig der Ausspruch Robertson Smiths über die Sittenlehre der „Hebräer" ist. Wenn seine übrigen Urtheile über semitische Religion nicht besser begründet sind, so kann unmöglich gesagt werden, daß er die erste Autorität der Gegenwart über dieselbe ist?) Die Taufe. Von Dr. med. Max Levy - Dorn in Berlin. „Alles »ach seiner Art." A. : Hören Sie, auch Dr. N. mit seiner ganzen Familie hat sich taufen lassen! B. : Ich wundere mich nur, daß er es nicht schon früher gethan. Er war im Grunde immer charakterlos, falls es Vortheile galt. A. : Ich würde es allerdings nicht selbst thun, zumal in der jetzigen antisemitischen Zeit. Der drohende Rus der Feigheit hält mich zurück. Aber ich würde es meinen Eltern danken, wenn sie mich als unmündiges Kind hätten taufen lassen. B. : Lieber A., aus unseren Lebenswegen thürmen sich Hindernisse auf Hindernisse. Wir gebrauchen nichts nöthiger als Kraft, sie hinwegzurünme». Ein unschuldiges Kind begreift noch nicht, daß Ueberzeugung eine Handelswaare sein kann. Es meint, der Glaube, in welchem es seine Eltern erziehen lassen, werde auch von Diesen getheilt. Der erste Zweifel daran ist zugleich ein unbewußter Zweifel an der Treue der Eltern, an der Zuverlässigkeit der festesten Stütze, welche ein Mensch besitzt. „Reifer" geworden, wird allerdings die Menge der schwachnervigen Menschen sich freuen, daß die Eltern ihnen einig» Hindernisse — die überdies ost überschätzt werden — hinweggeränmr. An innerer Kraft, den Stürmen des Lebens Stand zn halten, haben sie sicherlich dadurch nicht gewonnen. Der Kultur wird durch Konzessionen an mächtige Religionsh Diese Behauptung kann auch nur ein solcher Dilettant wie Herr Chamberlain aufstellen. Robertson Smith war ein tüchtiger Gelehrter-' der die historisch - kritische Methode der deutschen Wissenschaft in England einbürgerte. Das ist sein Verdienst. Ihn für „die erste Autorität der Gegenwart" aus dem Gebiete der semitischen Religionsgeschichte erklären, heißt einfach sein Andenken beleidigen. Die Red.