Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 40 (3.4.1838)
- Date
- 1838-04-03
- Page
- Seite 159 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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159 ser beherrschen, und daher mächtig einwirken können auf ein wissenschaftlicheres Studium dieser Hauptquelle der Religion, die ja noch an den meisten Orten in der Weise gelehrt wird, die sich seit einigen Jahrhunderten unter den ungünstigsten Umständen in Polen gebildet hat, und die den früheren Be-" strebungen der Juden im Mittelalter gerade entgegengesetzt ist. Dieses rabbinische Seminar ist, offenbar ein Haupttheil unserer Facultät, und wird die wissenschaftliche Behandlung der einzelnen Disciplinen erst recht begründen und befestigen. Hier können die Studirenden auch zu der practischen Thatigkeit, zu welcher der Rabbine berufen ist, am besten vorbereitet werden, Fragen ihnen vorgelegt werden über religiöse Falle, wie sie im täglichen Leben Vorkommen , über ertaubte und unerlaubte Speisen, , über das Schlachten u. dgl., ein Unterricht, der gegenwärtig gar nicht existirt, daher die vielen Abweichungen in den Entscheidungen. Es ist nun zunächst zu besprechen, welcher Einfluß von diesem neuen Institut zu erwarten ist, und hier ist denn der Ort, die mancherlei Bedenklichkeiten, die dagegen. erhoben werden, zu erörtern. Nur kann ich nicht umhin, vorher zu bemerken, daß Alles, was ich in den folgenden Zeilen ausspreche, nur meine individuelle Meinung ist, und wenn diese irrig ist, sie nur mir, nicht etwa der ganzen Stiftung zugerechnet werden darf. Es wird gefragt: In welchem Sinne sollen die zu berufenden Lehrer das Judenthum vortragen? und deutlich stellen sich da zwei verschiedene Ansichten heraus, die wir am passendsten wol durch die bekannten Ausdrücke: conservativ und reformirend bezeichnen können. Die conservativen Juden betrachten das Judenthum als einen geschlossenen Bau,, in dem jeder Stein' wesentlich nothwendig ist, um alle übrigen zu stützen und zu erhalten, so daß man nichts davon nehmen kann, ohne das ganze Gebäude zu erschüttern, ja vielleicht völlig zu zerstören. Sie wollen diesen alten ehrwürdigen Dom in derselben Gestatt, wie sie ihn von ihren Vätern überkommen haben, auch ihren Kindern wieder hinterlassen. Jede Aenderung, jede Abweichung vom Früheren ist ihnen daher unzulässig. Diejenigen aber, welche eine Reform im Judenthume wünschen — wir könnten sie auch als die Parthei der Bewegung bezeichnen — behaupten, dem alten ehrwürdigen Gebäude drohe Gefahr von allen Seiten; um es daher in seinen wesentlichen Theilen zu erhalten, muß man manches Opfer bringen; nicht jeder Stein in einer Mauer habe gleiche Wichtigkeit für das Ganze, wenn nur das Fundament erhalten werde, wenn nur an der Grundlage der architectonischen Formen nichts geändert werde § so könne man hie und da einen unwesentlichen Zierat aufgeben. Die Wahrheit sek nicht so schwach, daß sie die geringste Erschütterung nicht würde ertragen können, viel größer sei die Gefahr, wenn man das Judenthum ohne weitere Entwickelung in sich erstarren lasse, weil dann die edelsten - Glieder nach und nach sich ablösen, und alles Uebrkge in sich zerfallen würde. Diesen Zwiespalt müssen wir anerkennen, denn er liegt offen zu Tage; er hat sich auch in der wissenschaftlichen Behandlung des Judenthums noch in der neuesten Zeit-deutlich dargestellt. Eine Parthei, die den Baum gern von der Wurzel losreißen will, ist für die wissenschaftliche Fortbildung des Judenthums von keiner Bedeutung, und braucht daher nicht berücksichtigt zu werden; ihre Richtung ist, wenn auch noch nicht im Leben, doch in der Entwickelungsperiode der Theologie und Philosophie, einer bereits vergangenen Zeit angehörig. Ein Hauptgrund der Besorgniß ist, es werde durch die Einrichtung einer theologischen Facuttat die Freiheit der Lehre beschränkt werden, die Regierungen werden das Professorencollegium als eine letzte Instanz in Gtaubenssachen betrachten, und dasselbe werde daher — sei es im Sinne der Bewegung oder der Erhaltung — einer großen Menge vonBekennern des Judenthums störend in den Weg treten. Autorität in Dingen, die nur der innersten Ueberzeugung anheim fallen, habe es bisher im Judenthume nicht gegeben, und man habe immer einen besonder» Stolz in dieser Freiheit gesucht. Woher diese Furcht? Warlich nur aus Unkenntniß der Universitäten. Nirgend steht diesen eine Entscheidung in practischen Dingen zu, sie bilden nur eine Vereinigung von Lehrenden und Lernenden, und können nie unmittelbar auf die Gestaltung der Gegenwart einwirken. Niemals wendet sich eine Regierung in Sachen des Eultus u.dgt. an die Professoren, sondern an die Eonsi'storien, Superintendenten u. s. w.; jene können nur durch Wort und Schrift sich vernehmlich äußern. Hat doch erst in unfern Tagen ein hochstehender Geistlicher die ganze Lehrerwirksamkeit des größten Theites einer theologischen Facultat zu hemmen gesucht! Die Regierungen werden daher unsere Professoren für nicht mehr und nicht weniger halten, als die der andern Confessionen, und es wird in unserer kirchlichen Verfassung durch diese neue Einrichtung nichts geändert werden. Wir behalten nach wie vor unsere Rabbinen, wir behalten Gemeindevorsteher, und die Freiheit wird uns nicht verkümmert werden. Tiefer greifen die Besorgnisse über den Geist, in welchem die neu zu gewinnenden Lehrer das Judenthum auffassen und darstellen werden. Soll dann noch immer Talmud gelehrt werden? fragen Viele. Hier ist der Zeitpunkt, sagen sie, wo wir offen mit der Sprache hervor-