Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 40 (3.4.1838)
- Date
- 1838-04-03
- Page
- Seite 160 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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IGO treten können. Wie bei Bildung einer neuen Universität in irgend einem Orte Deutschlands man sogleich erklären würde, ob katholische oder protestantische Theologie an derselben gelehrt werden soll, so wollen auch wir uns offen erklären, ob wir das Judenthum hier verewigen, oder ein neues, dem Stande der heutigen Bildung angemessenes, wie es in der Ausübung schon besteht, gründen wollen. (Schluß folgt.) Cörrespyndenzen, Auszüge, Nvplikeu. Prager Zustände. (Schluß.) Denn am 7. Septemb. 1836, an dem glorreichen Krönungstage Sr. Majestät zum Könige von Böhmen, konnten die von der hiesigen israelitischen Gemeinde veranstalteten Feierlichkeiten auf eine geregelte Art abgehalren werden, und man hatte schon damals gegen den Gebrauch der Orgel bei unserem Gottesdienste nichts mehr einzuwenden, als daß sie an eigentlichen Festtagen nicht benutzt werden dürfe. Der Bau des neuen Tempels konnte vor dem Frühjahre nicht beendigt werden, und dessen Einweihung erst am 19. April 1837, am Geburtstage Sr. Majestät Kaiser Ferdinands des Ersten, Statt finden. Der hier neu angcstellte Prediger, der strebsame Gelehrte Or. Sachs, der die Nothwendigkeit der Reform nicht von dem Standpunkte physischer Bequemlichkeit/sondern vöss dem eines höheren geistigen Bedürfnisses aus ansieht, hielt die Antnttö-Rede. Was sonstbei dieser Einweihungs-Ceremonie verging, wer von den hohen. Landes- und Sradrautoritären zugegen war, wird man uns um so eher zu melden erlassen, da in allen politischen und nicht politischen Zeitungen hierüber, und zwar sehr günstig, gesprochen wurde. Uns bleibt nur übrig, dem Vereine für seine sehr beschwerliche fünfjährige Mühewaltung den Dank aller Gutgesinnten auszusprechen und wenn wir hier die verdienten Männer nicht alle namentlich aufzählen, geschieht eS nur deswegen, »peil wir uns gleich zu Anfang vorgenommen haben, uns jeder selbstlobenden Persönlichkeit zu enthalten, und in der Voraussetzung, daß jeder in dem Bewußtsein, dem Guten förderlich gewesen zu sein, sich leicht über eine solche öffentliche Erwähnung hinauösetzen könne. Indessen wird es uns doch Niemand verargen, wenn wir trotz dem eben ausgesprochenen Grundsätze den Chef und den Geschäftsführer der Repräsentanten des Vereins nennen. Ersterer ist Herr Leopold Edler von Laemmel, welcher Mitglied fast aller hiesigen christlichen nnd jüdischen WohlthatigkeitSvereine, als Director des Vereins zur Verbesserung des israelitischen Gottesdienstes, durch gründliche GeschafrSkenntniß, durch Geldopfer, durch seinen unermüdlichen Eifer— der um so dankbarer anzuerkennen ist, als Hr. v. L. dem größten hiesigen HandlungShause als Chef vorsiehet, und ohnedies hierdurch feine Seit sehr karg zugemessen sieht — und durch sein persönliches Ansehen viel zur Ueberwindung der im Wege stehenden Hindernisse beitrug, so wie die oft locker gewordenen Bande deS Vereins ausS Neue befestigte. - Der zweite ist der Sekretär des Vereins,. Herr Ludwig Pollack, der edle junge Mann, der wie der homer'sche Held durch seine Kraftäußerungen auch in Frauenkleidern sich-als einen Helden kund gab, durch sein rastloses Streben nach Förderung derZwecke des Vereins, auch hinter derMaSke der ,,edlen Dame" erkannt wurde, welche am 1. Marz 1833 jene bekannte Aufforderung an israelitische Prediger ergehen ließ, und hierdurch und durch die Widmung jenes bedeutenden Geldbetrages als Gründer des Vereins anzusehen ist. — 'Wenn wir nun noch einen Mann aus diesem Vereine nennen, geschieht eS nur wegen des allgemeinen Interesses, waS mit seinem Namen verknüpft ist. Es 'ist dieser nein lieh unser Peter Beer, gleich unserm Herz Homburg, ein würdiger Jünger Mendelssohns, der in die Jabre seiner ersten Manneskraft zurückblickend, noch die schwarzen Wolken sehen konnte, welche Israels geistigen und bürgerlichen Horizont verfinsterten, der die ersten milden Strahlen von Kaiser Josephs des Zweiten erhabenem Throne und Moses Mendelssohns bescheidenem Studir-Tische ausgehen sah, der Mann, der in Wort, Schrift und That unermüdlich und rücksichtslos gegen daö Reich der Finsterniß ankämpfte. Er kann jetzt mit Beruhigung die Fortschritte sehen, welche seine Glaubensgenossen unter der Regierung Kaiser Franz^deS Ersten an Intelligenz und edler Gesittung gemacht haben. Seine Brust ziert jetzt ein goldenes Ehrenzeichen, welches ihm dieser humane Monarch für seine langjährigen u. ausgezeichneten Leistungen verlieh. Möge dem 8vjährigen, noch immer jugendlich rüstigen Manne, ' die Freude werden, unter dem erhabenen Kaiser Ferdinand dem Ersten, Israel für sein redliches Streben, durch bürgerliche Gleichstellung mit den übrigen Landeskindern belohnt zu sehen! — Wenn wir den verehrten Vereinsmitgliedern aber im Namen aller Gutgesinnten herzlichst gedankt haben, soll dieses nicht so viel bedeuten, als wollten wir ihnen den Rath ertheilen, auf ibren Lorbeeren auszuruhen. Denn mit der Verbesserung der Einrichtung einer Synagoge ist die Sache noch nicht abgemacht; sie müssen ihre Thatigkeit auch auf die andern ausdehnen, so wie überhaupt auf eine zeitgemäße Umgestaltung des ganzen Synagogenwesenö hinarbeiten. Denn nur dann erfüllen sie das, was ihr Name „Verein zur Verbesserung des israelitischen Gölteödienstes in Prag" verspricht; dann nur entsprechen sie dem Wunsche der hohen Behörden, dann werden sie auch dem hie und da in der Gemeinde verbreiteten Verdachte entgehen, als wollten sie sich als die Wohlhabenden absondern. Man darf hier nicht von dem Grundsätze ausgehen, die Verbesserungen sollen dem Gutdünken der Mitglieder der einzelnen. Synagogen überlassen bleiben, denn wie stände eS mit dem neu eingerichteten Bethause, wenn der Verein nicht kräftig eingeschritten wäre? In jeder Synagoge gibt e6 immer 3 bis 4 einflußreiche Individuen, die dem Dämon, der sterS allem Guten im Wege steht, „Schlendrian" genannt, huldigen und in diesem Sinne die andern Synagogen-Mitglieder bearbeiten. Zum warnenden Beispiele möge ihnen die sogenannte „Neuschule" dienen, wo alle vorgehabten Verbesserungen an dem bösen Willen einiger Uebelgesinnten scheiterten. Unstreitig ist es also die Pflicht deS Vereins selbst auch in den andern Synagogen die Initiative zu ergreifen und Hand in Hand mir den Gemeindevorstehern zu gehen, und unablässig auf Abschaffung der bestehenden Mißbräuche und Herbeiführung der Möglichkeit, daß wenigstens alle 2 oder 3 Wochen einmal in jeder Synagoge eine erbauliche Predigt gehalten tyerde, hinzuarbeiten. Die Einführung von Choralgesängen müßte freilich noch einige Zeit unterbleiben, bis durch eine zweckmäßige Sparsamkeit und vermehrte Beiträge die Mittel dazu herbeigeschafft werden. Um diesem letzten Zwecke näher zu kommen, könnte man wieder den Verein, der vor vier Jahren sich bildete, um ein Institut zur Bildung von Chor-Knaben und Vorbetern zu errichten, der aber gleich nach seiner Geburt verschied, ins Leben zurückrufen. ES gibt übrigens noch Mittel tMug, um das Einkommen der größeren Synagogen zu vermehren. Um motivirte Vorschläge dazu zu machen, fehlt,es uns in diesem Augenblicke an hinreichenden Materialien; sie werden aber hoffentlich ihrer Zeit ein geneigteres Ohr finden. Druck von I. B. Hirschfeld.