Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228472--58237-3294669- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
4 schlimmsten, glücklicherweise auch einer der unbedeutendsten Antisemiten, der Herausgeber der „Deutschen Zeitung". Dr. Theodor Wähn er. eine der Kreaturen Luegers im Stadtrath, gestorben. 8. Budapest, 19. Dezember. Dem Jahresbericht der Landeskanzlei. der der Versammlung der Distriktspräsideirren vorgelegt wurde, entnehmen wir folgende Daten: Zur Ergänzung der Rabbinatseinkünste wurden 7618 Kronen höheren Orts flüssig gemacht, so daß das Einkommen der Rabbiner in 37 Gemeinden je nach Qualifikation ans 600, bezw. 6200 Kronen ergänzt werden konnte. Bei 21 Nabbinaten konnte die Koagauaergänzung nicht bewerkstelligt werden, weil die Rabbinerstelleu provisorisch besetzt sind. Der Bericht empfiehlt, daß die Gesuche um Erhöhung der staatlichen Subvention sür jüdische Kulluszwecke so lauge alljährlich zu erneuern sei, bis die Dotation die Hohe von 100 000 Kronen erreicht. Bezüglich der Einheitlichkeit des jüdischen Religionsunterrichts bemerkt das Neserat. das; der Lehrplan von einer Landeskomnnssion endgiltig sestgestellt werden wird. Das ausschließliche Trau un gs rech t des Rabbiners ans dem Gebiete seines Nabbinates ist durch eine ministerielle Verordnung neuerlich festgestellt worden. Bezüglich der Besteuerung von Staatsbeamten jüdischer Konfession hat der Kultusminister die Entscheidung getroffen, daß diese zur Zahlung der Steiler verpflichtet sind, und daß sie sich mit ihren Beschwerden nur an die kompetente konfessionelle Behörde wenden können. Nach Erwähnung mehrerer Angelegenheiten geringeren Belanges würdigt der Bericht die Thätigkeit im Interesse der Einberufung eines neuen Landesto ngress es zur Regelung der Autonomie und beantragt, die Versammlung möge die Erledigung der noch im Jahre 1896 an den Kultusminister gerichteten Eingabe nachdrücklichst urgireu. —Dr. F ranz Chorin juil.wird5mb nuspwii'8 »c^is zum Dr. jnrisander hiesigen Universität promovirt werden. - Dozent Dr. Emannel Herzl wurde zum außerordentlichen Professor an der medizinischen Fakultät ernannt. vetgirn. 8. 8. Brüssel. 21. Dezember. Das jüdische Leben fängt auch hier all, sich wieder zu regen. Vor zwei Jahren ist hier ein Litteratnr-Verein „l7om1t0 Ü6 ^uivos" gegründet worden. Die erste Versammlung dieses Winters fand am Sonntag, dem dritten Tag Chanukah. statt, wo Herr Graud-Rabbin Armand Bloch einen Vortrag über den „Ewigen Juden" hielt. Dem Vortrag ging eine Chanukahfeier vorall, wobei zum Schlüsse „Moothzur" gesungen wurde. Der Vortrag, in fesselnder Weise vorgetragen, führte uns zur Urgeschichte unseres Volksthums bis zur Gegenwart, und zeigte, wie das Jüdische Volk scholl in frühesten Zeiten von seinem Lande vertrieben wurde und damals wie auch später überall die heilbringeuden Samen seiner göttlichen Lehre säte. Weiter führte der Redner aus, daß leider unsere Glaubeusbrüder, wie in Rußland und Rumänien, noch immer neuen Verfolgungen ausgesetzt sind. Solle sich der Spruch Koheleths bewahrheiten: „Wie sich der Wind auch wendet, so kehrt er ooch zu seinem Ursprungsort zurück," und sotten unsere Glaubeusbrüder nach allen Verfolgungen endlich in ihrem ursprünglichen Heimathslande — wie es in den Propheten verheißen — wieder Ruhe finden, oder sollte Amerika, wie dort die von Baron Hirsch gegründeten Kolonien zeigen, der Masse unserer bedrängten Glaubeusbrüder eine friedliche Heimath bieten? Großbritannien. 1° London, 15. Dezember. Das bekannte englische medizinische Fachblatt „The Lancet" bringt in seiner jüngsten Nummer einen aus der Feder des Dr. James Brailhwaites herrührenden Artikel, in welchem eine neue Theorie über die Entstehung des Krebses ausgestellt wird. Danach wird der Krebs durch den übermäßigen Genuß von Salz hervorgerufen. Der Verfasser, der Privatdozent der Gynäkologie im Aorkshir Kollege und später viele Jahre hindurch kousultirender Arzt im allgemeinen Kraukenhause zu Leeds war, kam zu dieser Theorie durch die Thatsache, daß er während seiner langjährigen Praxis in einer von zahlreichen Juden bewohnten Gegend niemals bei jüdischen Frauen Uteruskrebs angetroffen hat. Auf weitere Nachfragen wurde ihm mitgetheilt, daß im Londoner Hospital während fünf Jahre ein einziger Fall von Ntecuscarcinom bei einer Jüdin vorgekommen ist, gegen 178 Fälle unter den eingeborenen Engländerinnen. Die gleiche Erfahrung machte Dr. Abraham Cohen im Metropolltan-Hospital. und Dr. Turnsstall vom jüdischen Siechenhaus zu London hat ebenfalls Krebskrankheit bei Juden nie gesehen. Diese verhältnißmäßige Immunität der Juden gegen Krebs kann freilich ein Erbstück der jüdischen Raffe sein, allein Dr. Braithwaites ist geneigt, dieselbe der Thatsache zuzuschreiben, daß die Juden keine Schinken essen. Dabei beruft er sich auf die von Professor Mc. Fadyean entdeckte Thatsache, daß das Schwein gerade das einzige Hausthier sei, welches niemals an Krebs leidet, und kommt zu dem Schluß, daß es das im Schiuken enthaltene Salz und nicht das Fleisch selbst es ist, dessen Genuß den Krebs erzeugt. Diese ganze Theorie scheint uns allerdings etwas gewagt, da es doch bekannt ist, daß selbst Juden, die keine Schinken essen, große Vorliebe für alles Geräucherte. scharf gesalzene und gepfefferte haben. Bekannt sind die arg gepfefferten „polnischen Fische", welche nahezu das Nationalgericht der russischen Juden sind. Auch hat Schreiber dieses Berichts in manchen Krankenhäusern Deutschlands viele krebskranke Juden und Jüdinnen gesehen. Es wäre aber dennoch sehr erwünscht, wenn die jüdischen Aerzte in Deutschland und Rußland dieser Frage eine erhöhte Aufmerksamkeit schenken wollten. Von Nah und Fern. — Der Baukdirektor Karl F n rst e n be rg hat den serbischen Takowakorden I. Klasse und der Geheime Medizinalrath Professor Ehrlich in Frankfurt a. M. das Kommandeurkrenz II. Klasse des dänischen Danebrogordeus erhalten. — Einer der Mitbegründer der Resormgemeinde, Herr Albert Wolfss. der erst vor Kurzem unter allgemeiner Theilnahme seine diamantene Hochzeit gefeiert hat, ist am 19. d. M. im Alter von 92 Jahren gestorben. Ehre seinem Andenken! — Bei der Wahl für das Direktorium der akademischen Lesehalle erhielt der Verein jüdischer Studenten 179 Stimmen, und ist damit wiederum ein Kandidat desselben gewählt. Während alle anderen linksstehenden Parteien bedeutende Stimmenverluste gegen das Vorjahr erlitten, hat der Verein jüdischer Studenten einen Zuwachs von mehr als 50 Stimmen aufzuweiseu. — Erwin Bauer, der ehemalige einflußreiche antisemitische Redakteur und Agitator Liebermannscher Farbe, ist am Herzschlag in Anuaberg (Sachsen) gestorben. „Nach dem Zusammenbruch der von ihm geleiteten „Neuen Deutschen Zeitung" diente er anderen politischen Richtungen." So heißt es in dem Nachruf, den ihm die antisemitische „Deutsche Wacht" widmet. — Professor Dr. Salomon Lehma un, der seit 1866 an der Universität Heidelberg als Lehrer für Sanskrit und vergleichende Sprachwissenschaft wirkt, feierte am 25. d. M. seinen siebzigsten Geburtstag. — Zu argen Lärmszeueu kam es am 20. d. M. in einer Versammlung, welche der Berichterstatter George einberufen hatte, um über das Thema „Sensationelle Enthüllungen aus der Konitzer Mordasfäre" zu sprechen. Als der Einberufer erschien, kam es zu lärmenden antisemitische»: Kundgebungen, so daß der Redner das Wort nicht ergreifen konnte; die überwachenden Beamten veranlaßten die Hauptruhestörer. den Saal zu verlasse»». Als auch dann die Ruhe nicht »vieder hergestellt war, löste« die Beamten die Versammlung auf. — Der Kaufmann Louis Eisenstedt in Lissa, langjähriges Mitglied der Repräsentantenversammlung, ist zum Mitglied der Handelskammer für den Negieruugsbezirk Posen gewählt worden. — Im Prager Polize»- Rayou leben »»ach der im Dezember v. I. vorge»»o»nmeneu Zählung unter 478 691 Einwohnern 26 820 Israeliten. — Der Tnrlwerein zu Brünn hat sich gegen den Antrag, die Ausnahme von Jude»» abzulehnen. mit großer Majorität ausgesprochen. — In Sofia wurde der jüdische Leutnant Graschjanoff von einem Armeeliefercmten Petrosch angefallen »md, »veil er in der Nothwehr seine»» Degen gezogen und de»» Angreifer erstochen, vom Kriegsgericht zu 8 Monaten Gefängniß verurtheilt. — Die russisch-polnischen Juden in Paris haben vor einiger Zeit eine Gesellschaft gegründet, die einem schon längst empfundenen Bedürfniß entspricht. Diese Gesellschaft stellt sich zur Ausgabe, arme Jude»» während der ersten Tage nach ihrer Ankunst in Paris zu beherbergen. — I»» Gothen bürg ist am 4. Dezember Frau Grethilde Fürstenberg, eine edle und wohlthätige Frau, die sich allgemeiner Hochachtung erfreute, im 64. Lebensjahre gestorben. Der König und das kronprinzliche Paar sandten den Gatte»» herzliche Kondolenztelegramme. — Den» Generalkonsulat in Kairo ist der Regiernngsbaumeister Dr. L. Borchardt als wissenschaftlicher Sachverständiger beigegebe»» worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.