Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Berlin, 23. Dezember. Nach der jüngsten Volkszählung gehört die jüdische Gemeinde von Berlin zu den Grobgemeinden, die über 100 000 Seelen umfassen. Ich sage mit Bedacht „Gemeinde von Berlin", denn die „Berliner Gemeinde" hat sich noch nicht zu dem Nange anfgeschwnngen. Bekanntlich fällt das Gebiet der Berlinerjüdischen Gemeinde nicht mit dem politischen Stadtkreis von Berlin zusammen. Zur Gemeinde von Berlin gehören zunächst Schöneberg und Rixdorf, bis vor einigen Jahren Glieder des Riesenleibes der Reichshauptstadt, sodann die Großstadt Chartottenburg. außerdem aber noch der Schwarm kleinerer Planeten, die sich um die Sonne Berlin drehen, wie Tempelhof, Wilmersdorf, Halensee, Pankow, Neuweißensee n. a. Berlin mit rund 92 000 nebst Charlottenburg mit rund 10 000 Seelen weisen bereits 102 000 jüdische Einwohner ans. Rechnet man Schöneberg mit 3000 und die übrigen Vorstädte mit etwa 1000 Juden dazu, so ergiebt die jüdische Gemeinde von Grobberlin 106 000 Inden. Großberlin — ein Ideal, deren Verwirklichung der politischen Kommune versagt blieb. Unter den Großgemeiuden mit über 100 000 Inden fignrirt Berlin an letzter Stelle. Es sind deren im Ganzen, wie gegen eine ganz falsche frühere Aufstellung berichtigend bemerkt sei. sechs: Warschau mit nahezu 260 000. Pest mit 170 000, Wien 100 000, Odessa 100 000, London mit ungefähr 120 000 und Berlin 106000 Inden. Gemeinden mit 00 000 giebt es, soweit sich seststellen läßt, nenn. Bei den meisten Städten läßt sich die genaue Seelenzahl nicht angeben: Wilna, Berditschew, Lodz. Minsk. Lemberg, Amsterdam, Paris, und wahrscheinlich auch Schitarnir und Dünaburg. Möglicherweise gehören noch Witebsk und Kowno in diese Rubrik. Abgesehen von Europa sind in Amerika wohl noch zwei jüdische Großstädte mit über 100 000 Seelen: New-Iork mit der größten Gemeinde der Welt und Philadelphia, erstere mit etwa 400 000 Juden. Im Ganzen zählen wir 16—18 Großgemeinden mit über 50000 jüdischen Einwohnern. Allein diese Großgemeinden stellen eine Bevölkerung von rund zwei Millionen dar. 8. Berlin, 20. Dezember. Der antisemitische Agitator Gras P üchler, der im Februar d. I. vom Landgericht! wegen Vergehens gegen K 180 des Strafgesetzbuches angeklagt, aber freigesprochen worden war, ist gestern auch vom Landgericht 1l sre ig e s p r o che n worden, nachdem das Reichsgericht ausgesprochen hat. es komme nicht darauf an. ob die in den Pücklerschen Versammlungen anwesende christliche Bevölkerung das Gefühl der Aufreizung gehabt habe, sondern daraus, ob die Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften zu der Befürchtung gelangen konnten, daß durch derartige Reden die allgemeine Rechtssicherheit im Staate erschüttert werden könne. Auch das Landgericht II erkannte also auf Freisprechung mit der Begründung, daß die Aeußerungen des Grafen Pückler „nicht wörtlich zu nehmen seien und von dem gebildeten Publikum, vor dem eigesprochen habe, nicht falsch hätten verstanden werden können". Xp. Aus der Provinz Posen, im Dezember. Bei der jüngst stattgehabten Wahl eines Vorstandes der Shnagogengemeinde Grätz wurden die Herreil Kaufmann A. Herzseld. Medizinalrath Dr.Nubensohn, Kaufmann D. Nosenberg und zum Stellvertreter Kaufmann L. Efrainl gewählt. — Nachdem Buchdruckereibesitzer Joachim in PLeschen sein langjähriges Amt eines Vorstehers der dortigen Shnagogengemeinde ans Gesundheitsrücksichten niedergelegt hat. wurden au seine Stelle Bankier Lollis Oppler und zu weiteren Vorstandsmitgliedern Dr. med. Pehser und Kaufmann Michael Brand gewählt. — Rechtsanwalt Friedlünder in Charlotteuburg hat seiner Heimathgemeinde in Ostrowo zn»n Andenken an seine daselbst verstorbenen Eltern ein Synagogen-Sitzplatz als Geschenk überwiesen. — Bei der kürzlich in Jnowrazlaw staltgehabten Nepräsentautenwahl wurden die Herren A. Nosenfeld, R. Librowicz. PH. Nosenberg, H. Freudenthal, W. Latte, M. Kaufmann, Dr. Bergel, Spediteur Nosenberg und Rechtsallwalt Latte gewählt. Stadtrath A. Knrtzig daselbst hat nach langjähriger Thätigkeit als Vorsteher der dortigen Shnagogengemeillde ans Gesundheitsrücksichten sein Amt niedergelegt. — Bei der jüdischen Gemeinde zu Moschni sind neulich die Kaufleute Adolf Silberstein und Michaelis Loewh sowie Bäckermeister- Robert Nenmann zu Vorstandsmitgliedern gewählt worden. — Zu Repräsentanten der Shnagogengemeinde in Bütow sind jüngst die Herren: Arzt Dr.Simon, Kauflente Fränkel.Philipp Croner, Jacob Cassel und Isidor Casparh gewählt worden. — Das Glaserrneister Salomon Arndt'sche Ehepaar in Jastrow beging kürzlich das Fest der goldenen Hochzeit. Der Kaiser verlieh dem Jubelpaar auf dessen Wunsch eine hebräische Bibel. Herr Arndt, der auch gleichzeitig das 50 jährige Meisterjubiläum feierte, wurde zum Ehrenmitglied der dortigen Glasernnd Tischlerinnung ernannt. — Der seit längerer Zeit in Grätz bestehende Verein jüdischer freiwilliger Krankenpfleger ist durch Beschluß einer neulich stattgehabten Generalversammlung ausgelöst worden. x. Liffa i. P.. 16. Dezember. Herr Kürschnermeister Louis Bieberfeld, bisher erster Gemeindevorsteher, hat seines hohen Alters wegen und aus Gründen der Gesundheit sein Amt als erster Vorsteher niedergelegt, ist jedoch im Vorstande verblieben. Es wurde darauf Herr Kaufmann und Kürschnermeister He h mann Glogauer zum ersten Vorsteher, Herr Provinziallandtagsabgeordneter und Stadtrath Jackob Jakubowski zum Stellvertreter desselben gewählt. Der Gemeindevorstand besteht nunmehr außer den genannten Herren, nachdem durch Wegzug und Tod verschiedene Veränderungen vorgekommen, noch aus den Herren Kaufmann Karl Kretschmer und Julius Baginskh. Herr Louis Bieberfeld wurde in Anerkennung der großen Verdienste, die er sich in seiner langjährigen Wirksamkeit als erster Vorsteher um die jüdische Gemeinde in Lissa erworben hat, zum Ehrenvorsitzenden des Gemeindevorstandes ernannt. v. Breslnit, 16. Dezember. Die Chargirtenwahlen im Verein jüdischer Studenteu firn 11. ll. am Beginn des Semesters ergeben: mell. Moses ilwil. Peritz, ,jm-. Mallasse xxx. Der offizielle Beginn erfolgte durch die Antrittskneipe, die am 2. November stattsaud, und auf der der Verein zahlreiche Gäste bei sich sah. Der Präside begrüßte die Erschienene« und hielt die Tendenzrede, im Namen der Gäste sprach Professor Dr. Badt. In den ersten Wochen des Semesters trat der Verein mit einer Neuerung vor das größere jüdische Publikum. Es sprach nämlich auf einem vom Verein veranstalteten Vortragsabend am Sonnabend, den 23. November Herr Dr. med. Moses-Liegnitz vor einem aus etwa 100 Personen bestehenden Auditorium über das Thema: „Unser Kampf ums Recht." Seine Ausführungen gipfelten in dem Mahnruf all alle Juden, gleichviel welcher Parteirichtung sie angehören mögen, in der Abwehr des Antisemitismus einig bei einander zu stehen. An den begeistert aufgenommenen Vortrag schloß sich eine rege Diskussion, au der sich Rabbiner Dr. Rosenthal, Rabbiner Dr. Klüger, Professor Dr. Badt, Fabrikbesitzer Hirschseldt u. A. m. betheiligten. Der Erfolg des Vortragsabends war jedenfalls sehr ermnthigend, so daß der Verein beschlossen hat, möglichst alle vier Wochen bekannte Redner zu Vorträgen herauzuziehen. — Hannover, 19. Dezember. Am 1. d. M. fand die ordentliche Knratoriumssihuug der Israelitischen Erziehungsanstalt zu Ahlem statt. Der Vorstand war in der Lage, einen nach jeder Richtung hin höchst befriedigenden Bericht über das laufende Jahr vorzulegeu, der demnächst, nach Abschluß der Rechnung Ende Dezember, veröffentlicht werden wird. Besonders befriedigten die Statistik über die bisher ausgebildeten Lehrlinge und die mitgetheilten Briefe mehrerer derselben nebst den Aeußerungen ihrer Arbeitgeber. Einen wichtigen Gegenstand der Verhandlungen bildete die Berathung von Statutenänderungen, vor allem die Erhöhung der Maximalmitgliederzahl des Kuratoriums von 25 auf 50. Durch diese Maßregel soll die Möglichkeit geschaffen werden, mehr als bisher Mitglieder der zahlreichen sür die Allstalt wirkenden Lokalkomitees zu Mitgliedern des Kuratoriums zu wählen, um dadurch die Verbindung der Anstalt mit ihren Tausenden von Freunden in ganz Deutschland noch enger als bisher zu gestalten. Der Vorschlag des Vorstandes fand einstimmige Annahme, und wird das Kuratorium in der Lage sein, die wüuschens. werthe Zuwahl vorzuuehmen. sobald der Beschluß durch die königliche Regierung genehmigt ist. Bezüglich der vorgelegten letzten Jahresrechnung wurde dem Vorstande Entlastung ertheilt und der Voranschlag für das nächste Jahr genehmigt. Die Baupläne des Mädchenhauses waren ausgelegt und fanden allgemeine Zustimmung. Dieselben sind auch schon der Baupolizei eingereicht, und es soll sofort nach Eintreffen der Genehmigung mit dem Bau begonnen werden. Nach der oben erwähnten Statistik sind bislang 66 Lehrlinge in der Anstalt ausgebildet; davon befinden sich 42 Gärtner und 1 Tischler in Stellung, darunter 25 in Deutschland, 10 erfüllen ihre Militärpflicht, 8 haben ihren Beruf gewechselt, über 3 fehlen gegenwärtig Nachrichten, und 2. die eben ihre Militärzeit beendet haben, sind noch ohne Stellung. Es gelangte auch das Verhältniß der Anstalt zu dem Bodenknlturverein in Berlin zur Besprechung, und es wurde festgestellt, daß als ei Neider Hauptzwecke und Ziele des Bodenkulturvereins bei dessen Gründung