Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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65. Jahrgang. Ar. 52. ^rün. 27. Dezember 1901. 'Ueitage zur „Allgemeinen Zeitung öes Zuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Dentschland. --- Berlin, 23. Dezember. Von dem geschäftsführenden Ausschüsse des Rabbinerverbandes in Deutschland erhalten wir das nachfolgende Cirkular, das in dieser Woche an alle Mitglieder verschickt wird: Wir beehren uns, Ihnen hierdurch ergebenst mitzutheilen, daß die in Frankfurt a. M. für Ende d. M. in Aussicht genommene Generalversammlung des R. V. i. D. wegen Erkrankung des Kollegen Horovitz in diesem Jahre nicht mehr stattfinden kann, und daß sie durch Beschluß des geschäftsführenden Vorstandes d. d. Baden-Baden 18. XI. n. er., dem auch die Mitglieder des Centralausschusses bereits zugestimmt haben, auf den Sommer 1902 verschoben worden ist. Die Generalversammlung des N. V. i D., soll daher in einer noch näher zu bestimmenden Zeit des nächsten Jahres, wie früher beschlossen, in Frankfurt a. M. abgehalten werden. Der ausführliche Bericht über die Thätigkeit des geschäftsführenden Vorstandes in den seit der letzten Generalversammlung verflossenen drei Jahren, die durch die regelmäßigen Beratungen des Centralausschnsses beeinflußt und kontrolirt worden ist, mnß fürdie nächste Generalversammlung Vorbehalten bleiben. Die wichtigsten Arbeiten, welche dem Schutze der Schechita gegen die ununterbrochenen Angriffe von Seiten der Geschästsleiter des Berliner Thierschutzvereins gewidmet waren, sind Ihnen wenigstens zum Theil durch die von uns im Juli a. er. allen Kollegen zugegangene Erklärung schon bekannt; auch von den sonstigen bedeutsameren Entschließungen, wie z. B. von der über die Stellung des A. V. i. D. zu dem von den Leitern des Centralvereins deutscher Staatsbürgerjüdischen Glaubens und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes geplanten „Verband der Israeliten Deutschlands" haben Sie durch die Zeitungeil schon erfahren. Was endlich das Stadium betrifft, in welchem sich die „Pensions- und Reliktenkasse norddeutscher Rabbiner" befindet, so konnten Sie aus den von Zeit zu Zeit veröffentlichten Spendenlisten ersehen, daß die Sammlungen für den Garantiefonds ihren zwar langsamen, aber stetigen Fortgang in den Gemeinden nehmen. Wohl ist die überwiegende Anzahl der Gemeinden damit noch im Rückstände geglichen: in billigen ist die Sammlung noch nicht abgeschlossen, in anderen wegen der inzwischen eingetretenen geschäftlichen Depression noch gar nicht in Angriff genommen. Da indessen die Sammlung säst nirgends eine prinzipielle Ablehnung gefunden, so ist die Hoffnung nicht aufzugeben, daß bis zur nächsten Generalversammlung jene Summe wird ausgebracht werden können, welche von versichernngstechnischer Seite zur Lebensfähigkeit der neuen Einrichtung als erforderlich erachtet wird. Zn diesem Zwecke hielten wir esfür förderlich, den „Entwurf" der für die Pensions- und Reliktenkasse bestimmten Satzungen scholl jetzt zu veröffentlichen. Die Gemeinden können sich so über die Tragjveite der zu begründenden Kasse ein Urtheil bilden, und die Gerneindemitglieder werden sich dadurch zu größeren Spenden finden Garantiefonds bereitwilliger finden lassen. «1.0. klr. Berlin, 18. Dezember. Die hiesige Lessing ge sellschaft hat die dankenswerthe Einrichtung getroffen, ihren Mitgliedern in getrennten Gruppen unter kundiger Führung die Ateliers bedeutender Maler zu erschließen. Ein Einblick in die Entwickelung des Künstlers. Werden und Wandel seiner Kunstanschauung und seiner Technik ist eine Fundgrube der Belehrung für den Laien; viel höher lernl er die Werke des Künstlers schätzen, wenn er ihn in' seinem Ringen, in seiner fortschreitenden Läuterung beobachtet. So wurde uns heute Gelegenheit gegeben, unter der verständnißvollen Leitnng des Herrn Dr. Max Osborn das Atelier des bekannten Malers Lesse r 11 ry zu besuchen. Es ist hier nicht der Ort, näher auf die Werke des Meisters einzugeheu, die uns sympathisch berühreil; wir heben unrein Gemälde hervor, das uns als Juden besonders anspricht und in unserer Seele Akkorde der Wehmuth auslöst. Wir treten vor Lesser Urys Kolossalbild „Jeremias". Welche trostlose Oede breitet sich vor uns aus! Welch unverkennbarer Schmerz ergreift uns! Es durchzittert uns der Gedanke an „Jerusalem", die schölle, die volkreiche, welche der Vernichtung entgegenschreitet! Und doch sehen wir nichts darall auf dieser großen Tafel; nur ahnen, nur mit Grauen empfinden können wir das Schreckliche. Vor uns breitet sich eine weite, öde Flur, anscheinend kein Leben darauf, und darüber, fünf Sechstel des Bildes einnehmend, der Nachthimmel, unergründlich in eherner Bläue, sich immer höher wölbend, die Sternlein, welche ganz oben glänzen, vermehren noch den Eindruck des Unendlichen, des Weltfremden, des unsagbar Einsamen. Wir vertiefen uns in dieses Himmelsgewölbe, wir suchen angstvoll auf dieser leeren Erde.-Und da taucht aus der weiten Einsamkeit eine menschliche Gestalt. Auf der Erde zusammengekauert liegt der Prophet Jeremias, das schmerzdurchzuckte, Hoffnungsleere Antlitz aus die Hand gestützt. Ja. hofsnungsleer! All sein Eifer, seine glnthvolle Rede, sein unablässiges Mühen vermochten nicht, die verblendeten Volksbrüder auszurütteln, das Verderben abznwenden. Erfühlt, es geht zu Ende, und für ihn ist Jerusalem schon gesunken, für ihn ist die Pracht der Gottesstadt schon vernichtet, für ihn ist Hoffnung und Wirken schon dahin! Da ist er mit seinem Schmerz Ln die Einsamkeit der Wüste geflüchtet, endlose Oede rings umher und über sich den sühllosen, funkelnden Himmel in unendlicher Klarheit! lieber dem Bilde liegt ein Hauch der Verzweiflung, welche auch uns ergreifen und in ihren Bannkreis ziehen will. Aber nein, vor uns erscheint der Genius des Judenthums; in uns erklingen die Harmonien, die Worte der Ausrichtung, denen wir bei unseren Propheten lauschen, und es tönt in uns das alte Bibelwort: „Hoffnung ist sür deine Zukunft Israel, ein Lohn für deine Opfer!" — Berlin. 13. Dezember. Der Verein zur Förderung der Bodenknltur unter den Juden Deutschlands beginnt nunmehr seine praktische Arbeit mit einem Versuche, der im Falle des Gelingens vorbildlich für weitere gleichartige Unternehmungen sein wird. Es ist nach mehrfacher Prüfung durch Fachleute das für die Zwecke des Vereins als besonders geeignet und Preiswerth erkannte Landgut Neuhof bei Posen erworben worden, um daselbst jüdische junge Leute unter Leitung eines tüchtigen Fachmannes ansznbilden; nach ihrer Ausbildung werden diese als selbstständige Bauern angesiedelt werden. Zum Zweck der Ausführung dieses Planes ist die Bodenkulturgesellschaft m. b. H. — Sitz in Berlin — mit einem Kapital vou 20000 Mark begründet worden; weitere 50000 Mark sind sür kurze Zeit von einem Vorstandsmitgliede des Bodenknlturvereins vorgestreckt, um den sofortigen Ankauf des Gutes zu ermöglichen. Zur Rückerstattung dieses Geldes, zu Meliorationen und zur Umwandlung des Gutes in eine Musterwirthschaft, wie sie für die vorn Bodenkulturvereiu verfolgten Zwecke erforderlich ist, bedürfen wir ca. 70000 Mark. Die Anlage dieses Kapitals ist nach Uebereiustimmung aller zu Rathe gezogenen Fachleute eine durchaus sichere. Selbst im (unwahrscheinlichen) Falle des Mißlingens des Kolonisationsversuches unterliegt es keinem Zweifel, daß der Verkauf des so besonders günstig gelegenen und durch die Meliorationen wesentlich verbesserten Gutes mindestens das ausgewandte Geld wiederbringen würde. Außerdem wird der Bodenkulturverein, soweit es die ihm zustehenden Mittel erlauben, der Bodenkulturgesellschast eine Subvention bis zn 3000 Mark gewähren, wodurch die Zinsenzahlung eine noch größere Sicherheit erreicht. Die Betheiligung an diesem großen Wohlfahrtswerk wird mithin nicht in der Form von Geschenken gefordert, sondern kann geradezu als eine Geldanlage aufgefaßt werden, deren — wenn auch mäßige — Verzinsung nach menschlichem Ermessen gesichert ist. Der Vorstand wendet sich nunmehr an alle Glaubensgenossen mit der Bitte, dieses Werk durch Zeichnung von Antheilscheinen thatkräftigst unterstützen zu wollen. Gilt es doch eine erste Handreichung zu thun an der wirthschaftlichen Hebung der gedrückten Schichten unserer Stauunesgenoffen, gilt es doch ferner, den thörichten Behauptungen entgegen zu treten, daß der Jude zur produktiven werthschaffenden Thätigkeit verdorben sei! Hoffentlich wird der Ansruj von Erfolg sein!