Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 624 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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624 „Hört mich doch, Kinder! Noch ist es Zeit zu Gott zu deten und das Leben Eures Vaters zu retten!" „Laß sein Mirel," ruft der Kranke mit schwacher Stimme. „Mir ist nicht mehr zu helfen. Ich Hab' mein Stück ausgefpielt; ich will sterben." „Was?" kreischt Mirel außer sich vor Zorn und Schmerz. „Sterben willst Du? Und ich? Wo willst Du mich lassen? Ich werde Dich sterben lassen?! Ich schreie so laut, daß selbst der Engel des Todes davor zurückschrecken wird." „Beruhige Dich, Mirel," bittet der Kranke, „wir haben uns genug in unserem Leben gezankt. Jetzt laß gut sein, es ziemt sich nicht im Angesicht des Todes. Wir sind ja alle sündhafte Menschen, Mirel, ich bin voller Sünden, Du und Alle, Alle. Jetzt fühle ich, wie der Tod immer näher an mich herantritt, er schleicht von der Fußspitze bis zum Herzen heran, Glied um Glied. . . . Sei still, Mirel, es ist besser so." „Besser?!" heult Mirel. „Besser, weil Du mich schon los werden willst. Ja! Ja! Die schwarze Pescha war Dir immer lieber als ich. Du sagtest ja immer, Dir wäre der Tod willkommen. Und nun sündigst Du noch in Deiner letzten Stunde! O weh mir!" „Sprich nicht von der schwarzen Pescha," lächelt der Kranke bitter, „es gab viel schwarze und auch rothe Peschas, Du weist ja . . . Aber Dich, Dich Mirel, wollte ich nie los werden. Ein Mädel ist ein Mädel — es zieht n Musikanten wie ein Geschwür, aber sein Weib ist doch sein Weib. Es sind zwei ganz verschiedene Sachen. Weißt Du noch, wie ich die Pescha durchgeprügelt habe, als sie Dir ein böses Wort gesagt hat. Sei ruhig, Mirel, es thut mir das Herz weh, von Dir scheiden zu müssen; und auch um Erich weint mein Herz, Kinder, obzwar Ihr mich nicht wie einen Vater behandelt habt. Hab' ich einmal einen Schnaps genippt u Ihr die Ersten, die mir Säufer nachriefet. Allein ich grolle Euch nicht. . . . Ich habe auch einen Vater gehabt und war gewiß zu ihm nicht besser. Ich verzeihe Euch!" Das viele Reden hat ihn erschöpft. Nach einer Weile erhebt er wieder den gesenkten Blick und läßt ihn über seine Familie gleiten. „Da schaut mal die großen Jungen an!" ruft er fröhlich. „Wie still sie sitzen, als ob sie nicht zwei zählen könnten. Na schaut mal her! Es thut Euch doch leid um den Vater? Ein Trunkenbold he? Aber doch ein Vater!" Der jüngste der acht Söhne sieht den Vater an und bricht Plötzlich in Schluchzen aus; die Uebrigen können auch nicht länger an sich halten, und bald ist die ganze Stube voll Jammergeschrei. Der Kranke wurde ganz froh. „Na, na, Kinderchen," ruft er lächelnd, „seid nur still! Sonst wird mir das Sterben zu schwer! Na, Kinder, man muß dein Vater folgen, nicht?" „Laß sie weinen, du böser Mensch," schreit Mirel, „vielleicht hilft ihr Weinen!" „Schweig still, Mirel. Ich habe dir bereits gesagt, ich Hütte mein Stück ausgespielt. Genug nun! — Chaim, Berl, Jojue nehmt die Justruinente geschwind!" Alles wird starr vor Entsetzen. „Ich bitte Euch Kinder, thut es mir zu Liebe, kommt mit den Instrumenten aus Bett!" — Im Nu stehen die Kinder beim Bett: drei Violinen, eine Klarinette, ei» Baß, eine Pauke. „Ich will hören, wie die Kapelle ohne mich spielen wird," sagt der Kranke. „Mireleben, sei so gut und rufe den Nachbar herein", fügte er hinzu. Im ersten Augenblick wollte Mirel nicht gehen, denn der Nachbar war ein Mitglied der „Chewrah Kadischah", aber es lag eine so innige Bitte in seinen Augen, daß sie nicht anders konnte. Sie erzählte später, daß der Ton der letzten Bitte und der Blick gerade dieselben waren wie die vor Jahren gleich nach der „ChnPPe". „Ihr wißt ja, Kinder, seine süße Stimme und seine Augen von vor früheren Zeiten!" Als der Nachbar über die Schwelle getreten ist und einen verständnißvollen Blick auf den Kranken geworfen hatte, sagte er: „Seid so gut, Frau Mirel, und ruft „Minjan" herbei." „Man braucht es nicht, Mirel. Geh nicht! Was brauche ich fremdes Minjen, wenn ich meinen eigenen habe — meine Kapelle!" Und an die Kinder gewendet: „Höret Kinder, spielet ohne mich, wie ihr es mit mir gethan habt! Seid gleich bereit, zu armen wie zu reichen Hochzeiten zu spielen. Und noch eins: seid gut zu eurer Mutter! Nun spielt mir die „Widuj" vor, unser Nachbar wird vvrsagen." Und Musik ertönte in der kleinen Stube und trug die Seele des armen Musikanten hinau zu ewigen Harmonien. Literarische Mittheilungen. — Wir können uns zwar über Mangel an israelitischen Kalendern nicht beklagen, müssen aber dennoch den sür 5662 zum ersten Male erschienenen „Internationalen Israelitischen Kalender", herausgegeben von Armand Korb in Hagenau im Elsaß, mit Anerkennung begrüßen, da derselbe tatsächlich eine „höchst originelle Neuheit" ist. Der „Internationale Israelitische Kalender" ist gleichzeitig in deutscher und französischer Sprache verfaßt. Uebersichtliche Monats- und sonstige Tabellen erleichtern das Ansfinden der Daten. Fest- und Feiertage. Der Omer ist dem eigentlichen Kalender angeschlossen. Wir sagen dem „eigentlichen" Kalender, denn in demselben finden wir in „knrzer, bündiger. Jedermann verständlichen" Form noch einen zweiten Theil, der allein schon für jedes Hans ein zuverlässiger guter Rathgeber, ein Nachschlagememorial vorzüglicher Gediegenheit ist. Sprechsaul. Geehrter Herr Redakteur! (E^on befreundeter Seite werde ich daraus aufmerksam gemacht, daß in dem Berichte eines zionistischeil Blattes über eine zionistische Wahlversammlung mitgetheilt wird: „Und Th. Zlocisti riß den Konservativen ihre Kappe vom Gesichte und demonstrirte einige der konservativen Typen in lieblichster Nacktheit. ... Herrn Weinberg, dem Vorsitzenden des Centralvereins. der seinen jungen Leuten mit Kündigung droht, wenn sie am Sabbath in die Synagoge gehen wollen." Diese Behauptung ist in ihrem ganzen Umfange unwahr. Niemals ist einem meiner Angestellten zum Besuche des Gottesdienstes der Urlaub verweigert, geschweige denn mit Kündigung gedroht worden. Vielmehr wissen die seit vielen Jahren bei meiner Firma beschäftigten Herren, daß ich mich freuen würde, wenn sie Neigung hätten, die Synagoge zu besuchen, wie ich zum Beispiel einen meiner Lehrlinge geradezu angehalten habe, wenigste!,s zur Seelenfeier am Gottesdienst tyeilzuneymen. Ein entgegengesetztes Verhalten kann mir nur von Personen unterstellt werden, denen ich vollständig unbekannt bin. Berlin, den 22. Dezember 1901. Hochachtungsvoll I. Weinberg. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: N!ax Bauchwitz in Berlin.