Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 623 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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623 des Dichters: „In einem Bukarester Salem wurde ich vor einiger Zeit dein damaligen Unterrichtsminister Rumäniens (die Herren wechseln bekanntlich rasch, und der Betreffende ist jetzt wieder, was er früher war, Lebemann nämlich) vorgestellt. Er schilderte mir in ausführlichster Weise den Stand seines Ressorts und schloß mit den Worten: „Sie sehen, unser Bolksschulwesen ist dem der Schweiz ebenbürtig" . . . Als Karl Einil Franzos Sr. Excellenz klar machte, daß er über den wahren Stand hinreichend unterrichtet sei. sagte der biedere Unterrichtsnnnister lachend: „Nun, da habe ich Ihnen freilich umsonst blauen Dunst vorgemacht. In Wahrheit steht es schlimm. Sie haben Recht. Mber alle Mühe wäre nutzlos: unsere Bauern schicken nun einmal nicht ihre Kinder in die Schule". . . . Und ein solches Land mit solcher Verwaltung schließt die jüdischen Schüler von seinen Schulen aus! Was „Civilisation" in Rumänien bedeutet, schildert uns Franzos ergreifend, und er giebt für die dort herrschende sittliche Rohheit und Halbbildung Folgendes als Ursache an, weshalb die anfgepfropfte „Civilisation" so wenig genützt hat: „Einmal, weil hier der Strom der Bildung über ei» rohes Volk hereinbrach, das unter dem Halbmond in jahrhundertelanger Knechtschaft geschmachtet hatte, das daher keine Spur nationalen Geisteslebens aufzuweisen vermochte, und zweitens, weil sich in den Donaufürstenthümern fast ausschließlich der Einfluß französischer Civilisation geltend gemacht hat. Diese hat aus Aeußerlichkeiten gewirkt, sie hatte moderne, ja ganz entsetzlich moderne Formen und Sitten gebracht, keineswegs wahre Bildung. Die höheren Klassen nach Außen civilisirt, im Inneren ungebildet wie einst, die niederen in demselben traurigen Zustande wie vor Jahrhunderten, so darf man — sine ira et stuclio — das rumänische Volk charakterisiren." Franzos bleibt in der That stets bei aller Schärfe des Urtheils gerecht, und er stellt daher in seinem Rückblick über die letzten 25 Jahre auch eine gewisse relative Besserung der Zustände in Rumänien fest, eine sehr relative, denn noch sind die wichtigsten Fragen nicht gelöst, so die agrarische und die Judenfragc, noch hat sich die neue Dynastie noch nicht so weit eingebürgert, um gegen alle inneren Stürme gefeit zu sein, noch bleibt bezüglich des Volksunterrichts, bezüglich der Heranbildung eines Mittelstandes fast alles zu thnn übrig ..." Und dabei die gewaltsame Zurückdrängung selbst der tüchtigsten Juden von den Stätten der Bildung nicht nur in Rumänien, sondern auch in Rußland, dessen Süden Franzos genau kennt und ebenso treffend uns als vielfach noch halbbarbarisch schildert. Hier sagt der gereifte, unermüdlich weiter strebende Kulturmaler des Ostens auch heute im Wesentlichen dasselbe wie damals vor 25 Jahren der jugendliche Kämpfer: „Kultur ist Arbeit, und wer mit seinem Nachbar um seines Glaubens und seiner Nationalität willen fortwährend zu hadern hat, verspürt wenig Lust zu friedlicher Arbeit, wie ihm ja auch die Zeit dazu fehlt. Dazu kommt, daß das Nationalitätenprinzip in seiner Zuspitzung und Uebertreibung leicht dazu führt, die ursprüngliche Barbarei glattweg, weil sie ja allerdings Nationalist, sür eine Kultur zu erklären, die viel vortrefflicher sei als jede andere." Wie erbarmungslos leider jetzt in dem Lande, in dem es nach Franzos in diesem Vierteljahrhnndert am wenigsten besser, ja vielfach schlimmer geworden ist, in Galizien, die elenden wirthschaftlichen Verhältnisse die Juden Niederdrücke», auch das weist uns Franzos in vielen in seine Skizzen verwobenen Zügen auf. Aber wenn auch das Gesammtbild Halbasiens noch heule in Wahrheit düster ist, so blinkt doch im Auge des Dichters das Lachen unter Thränen, ein »vahrhaft sonniger Humor, und verklärt selbst die entlegensten Winkel eines galizischen Ghettos. Mit herzlichen» Lachen legt man den Band aus der Hand, in dem die lustige Geschichte von dem klugen Rabbi. „Nur ein Ei" betitelt, steht, und inan empfindet behaglich nach, wie Franzos oft tiefer als der rein dichterische Leopold Kompert und viel wahrhafter auch als der effekthaschende Sacher-Masoch in der jüdischen Volksseele zu lesen versieht. Wer könnte auch ohne Rührung seine Skizze „Schiller in Barnow" lesen! Da sagt unser allem sittlich Idealen zustrebender Dichter: „Vielleicht kommt einmal die satte, die gräßlich satte Zeit, da Schiller todt ist, manches Zeichen spricht dafür, manches dagegen; jedenfalls ist diese Zeit noch ferne." So hoffen auch »vir, daß nicht die Blasirten, die überreizten Pessimisten bei uns im Lande Recht behalten werden, denen Franzos nicht gefällt, »veil er wunde Punkte aufderkt, sondern »vir freuen »ms wie beim ersten Ausstieg des Mannes, des feurigen Dichters, der die Ideale seiner Jugend hoch hält, heute »vie vor 25 Jahren! Ms»?- Der alte Musikant. Von I. L. Pere tz. ^Äsin Skelett liegt im Bett, ein Skelett mit gelber, dürrer Haut überzogen. Es ist Michel, der Musikant, dessen letzte Stunde gekommen ist. Auf einen» Kasten neben den» Bette sitzt seine Frau Mirel mit vom Weinen gervtheten Augen. Die sonstigen Glieder seiner Familie, die acht Sohne, sind hier und da in der Stube zerstreut. Todtenstille ringsumher. Was haben sie denn miteinander zu sprechen? Der Kranke ist fertig meint der Arzt. Auch der Feldscheer (Gehilfe des des Arztes) bestätigt es, und Reb Rulvin, der sich wohl an» besten darauf versteht, hat auch gesagt, es wäre nichts inehr zu machen — es ist ans. Was hilft also das viele Reden? Die Erbschaft macht ihnen auch keine Sorge. Das Todtengewandt und das Grab giebt die „Cheivra Kadischah" umsonst; die Nachlaßschaft und Bekannte bezahlten die übrigen Ausgaben — der Kranke kann sterben. Nur seine Frau Mirel kann sich mit diesen» Gedanke»» nicht vertraut machen. Jetzt ist sie nun wieder im Bethalls und auf dem Friedhof gewesen — sie schreit die Lebendigen an und ruft die Tobten aus den Gräbern heraus; will »»icht, daß ihr Mairn sterbe und »veiß. daß er nur wegen der Sünden der Kinder stirbt. „Oh weh! die Kapelle (alle Söhne sind auch Musikantei») verliert ihre Krone! Wie wird jetzt eine Hochzeit aussehen! Wie wird bei den Juden ein Fest — eine wahre Siincha — stattfinden können? Vielleicht wird Gott sich doch erbarmen? Er ist ja voller Güte! Auch hat sie einen gute»» Fürsprecher »m Himmel, der ihr gewiß seinen Beistand nicht versagen wird; er hat sie bei Lebzeiten immer lieb gehabt, es ist der Schochet, ihr Onkel seligen Angedenkens. Was aber kann er thnn, wenn ihre Söhne solche „Gojiin" sind, gehen spielen auf christlichen Bällen, essen dort Bntterbrod und wer »veiß was noch. O, diese sündhaften Kinder.