Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 622 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228472--58231-3294663- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
622 aus Frankreich ausgewiesenen Orden bot uns Juden des lehrreichen genug. Zunächst eine Bestätigung des Satzes: Heute mir, morgen dir. Was die Juden in unzähligen Schmähungen über sich ergehen lassen mußten, das haben nun die Katholiken oder besser die Klerikalen an sich selbst erfahren. Die „Los von Nom"-Bewegung ging wie ein scharser Wind dnrch das Parlament. So rechnete man gewissen Orden nicht nur ihre Moral, sondern auch ihren Vermögensstand nach, und kam da bezüglich der evangelischen Armuth zu ganz merkwürdigen Resultaten. Wir gönnen den Klöstern ihr Vermögen, es beweist ja doch nur, wo die wahre Macht zu suchen ist. Aber man hüte sich nun, von den unerschöpflichen Reichthümern Rothschilds und Guttmanns zu sprechen. Ist es doch eine genugsam oft hervorgehobene Thatsache, daß das Jndenthum als solches von diesen Schätzen sehr wenig Vortheile zieht, aber auch einzelne Juden nicht allzuviel. In Witkowitz z. B. blüht der Antisemitismus unter den Rothschild'schen und Euttmannschen Beamten in ähnlicher Weise wie im Wiener Nathhause oder in Nordböhmen. Wie viele Gelder werden hingegen von den Klöstern zu klerikalen Zwecken geliefert! Hier liegt der Hase im Pfeffer, geehrter Herr Morsey, der Sie stets von jüdischen Vermögen sprechen nnd das Gold der Mönche nicht sehen wollen. Schneider will aber ein radikales Mittel anwenden, um sich der Inden zu entledigen und ihrer Gelder zu bemächtigen. Man möge sie fünf Minuten unter Wasser Halter:, was sicherlich zu einer Verminderung der begüterter! Judenschaft beitragen dürfte. Dieser oon der wahren Liebe diktirte Wunsch, dessen Erfüllung Schneider mit Sehnsucht entgegensieht, zeigt so recht die Höhe der Bildung und die Tiefe des Gemüthes, die manche unserer Reichsboten auszeichnen. Indessen, das Schicksal Wolfs läßt in uns die begründete Hoffnung erstehen, daß auch der Tag der Abrechnung für diese christlich-sozialen Volksbeglücker kommen werde, wie er für den germanischen Judenfresser bereits gekommen ist. Und das Judenthurn wird sie, trotz aller Krisen, die wir dnrchznrnachen haben, wohl alle überleben, die Harnans hüben und drüben, trotz der Aerzte, die sich um die Konservirung unserer Gesundheit mit viel Eifer mühen. Wenn es eines giebt, das uns an der Rettung und Erhaltung des Judenthums zweifeln läßt, so sind es nicht die Wolfs und Schneiders, sondern diejenigen, die sich unsere Aerzte nennen und uns mit ihrer: Medikamenten zu Tode kuriren. Darum ist uns jedes Rachegefühl ferne, wenn „wieder Einer" unserer Feinde den Weg alles Fleisches geht. Erwehren wir uns nur kräftig der selbstsüchtigen Heilkünstler in unserer Mitte; dann wird der alte Jakob mit Zuversicht in die Zukunft blicken können. l>vr i. Dichtungen von Kart Gmil Franzos. Von M. Friedeberg. >>- Halbaffen. Knlturbilder ans Galizien, der Bukowina, Südrnßlaud und Rumänien. «Berlin lvOl. Concvrdia. 0^ Deutsche Verlagsanstalt. > Das berühmt gewvrdene geflügelte Wort von Karl Emil Franzos: „Jedes Land hat die Inden, die es verdient ' feiert ebenso wie der vorliegende >87«; zuerst erschienene Band der „Kulturbilder aus Halb-Asien" jetzt sein 25 jähriges Jubiläum. Dieses streitbare Buch des damals recht jugendlichen Autors wurde in 15 Sprachen übersetzt, darunter in Wilna und in Newyork auch ius Jüdisch-Deutsche, und liegt jetzt in vierter erweiterter Auflage vor. Das obige vielgenannte Wort von Franzos kommt in der 1876 dem Bande zuerst mitgegebenen und hier wieder abgedruckten und erweiterten Einleitung zum ersten Male bor, in der Franzos offen erklärt, daß er für die Inden in Galizien nnd Rnmünien gegen ihre Dränger kämpfe. Und deshalb verdienen die weitverbreiteten Blätter, ans denen dieser mit der Kunst der Rede in ganz hervorragendem Maße ausgerüstete Dichter für uns eingetreten ist, auch an dieser Stelle als Jubiläumsausgabe eine besondere Beachtung. Es gehörte Muth und ein tüchtiges Stück Wahrheitstrene für den jungen Dichter, der den antisemitischen Dunst nicht fürchtete, dazu, gleich bei seinem ersten Eintritt in die Litteratur dem Gerede von der Minderwerthigkeit der Inden des Ostens entgegenzutreten mit den Worten: „Uebrigens fühle ich mich gerade ans Wahrheitsliebe gedrängt, hinznzufüge», daß insbesondere für manchen Fleck im jüdischen Volksthum nicht den Juden die Verantwortung auferlegt werden muß, sondern ihren Drängern. Hätte ein anderes Volk gelitten, was über die Juden im Osten gekommen ist, es stünde schwerlich höher, sondern höchst wahrscheinlich tiefer. .. ." Ebenso werden die deutschen Juden, die mit Karl Emil Franzos den Hut vor deutscher Wissenschaft und wahrer deutscher Bildung gern ziehen, mit ihm sein anderes Programmwort aus dieser Einleitung seiner Kulturschilderungen des Ostens gern unterschreiben: „Germanisireu, das ist ein undeutsches Wort für ein nndeutsches Thun. Wer sein eigenes Volksthum liebt, wird auch dies höchste Gut Niemand anderem rauben wollen." In der jetzt vorliegenden neuen Ausgabe stellt Franzos fest, wie tiefe Wunden uns die „geistige Krankheit" des Antisemitismus in den letzten 25 Jahren geschlagen hat. Mit Schmerz lesen wir und müssen es leider als richtig zugeben, „daß mit dem Klassenhaß der Glaubenshaß Hand in Hand geht, ist ganz selbstverständlich. Kein Wunder, daß sich auch der Gegensatz zwischen Jude und Christ verschärft hat, und ins Maßlose hat er sich vollends durch die Verbreitung der sauberen Mode des Antisemitismus gesteigert .... Es genüge die Bemerkung, daß auch der Antisemitismus heute im ganzen Osten wuchert, gerade wie der Deutschenhaß und genau aus deiiselben Gründen: Neid und Furcht. Auch er wie der Deutschenhaß ist in stetem Wachsen begriffen und sein Ende nicht abznsehen" . . . Mit echt jüdischem Optimismus weist trotz alledem der Dichter am Schluffe seines Resümees über die Kulturfvrtschritte des Ostens in den letzten 25 Jahren alle Verzagtheit zurück: „Es giebt Zeiten, wo die.Menschheit auf dem Kopfe zu stehen scheint, aber endlich stellt sie sich doch wieder auf die Füße und marschirt tapfer vorwärts . . . Ich meinerseits wahre mir den unerschütterlichen Glauben an einen Fortschritt, an eine Verbesserung und Veredelung der Menschheit und daher auch der Völker des Ostens. Die Wahrheit siegt." Mit tiefer Herzensgute eint sich bei dem Verfasser die schärfste Beobachtung. Wer einen Begriff davon bekommen will, wie beispielsweise die noch immer andauernden Judenverfolgungen in Rumänien heute noch möglich sind, der lese über die Halbkultnr dieses Landes das folgende, in dein Abschnitt „Aus Rumänien" mitgetheilte persönliche Erlebniß