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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-27 · Heft 52 (27.12.1901) · p. Seite 621

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
Seite 621 (sequence 11)
Language
German
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verweigert. Dr. Leopold Zunz, ein Mann, der getrost eine Fakultät aufwog, ist bis zu seinem Lebensende — und er wurde 90 Jahre! — der Privaigelehrte Dr. Zunz geblieben, und Dr. Steinschneider hat mit 80 Jahren glücklich den Titel Professor erhalten, den jeder Gymnasiallehrer 30 Jahre früher bekommen kann. Das zwanzigste Jahrhundert steht in diesem Punkte noch hinter dem siebzehnten und achtzehnten mit seinen hervorragenden Kennern der jüdischen Litteratur. Wenn die Universitäten wirklich eine rmivsrsitus litermmm sein sollen, so müssen sie die Möglichkeit bieten, sich über das Jndeiithum in dem gesammten Verlauf seiner Entwickelung zu belehren, den Talmud so gut wie die Kirchenväter, das jüdische wie das römische Recht, die jüdische wie die christliche Schriftanslegung, jüdische Theologie, Philosophie und Poesie, Geschichte, Kultus und Volkskunde zu studiren. Das bischen jüdische Wissenschaft an den Universitäten steht heute ausschließlich im Dienste der tendenziösen Verherrlichung des Christenthums oder der Mission. Wir wissen, daß an die Erfüllung solcher Forderungen vorläufig nicht zu denken ist. Das Judenthum hat nie auf eine Anerkennung als gleichberechtigte geistige Potenz zu rechnen, so lange die Welt christlich ist und im Interesse des Christenthums regiert wird. Aber eben dies gehört zur Mission Israels in der Zerstreuung, daß es den Völkern Gelegenheit giebt zu zeigen, wie weit sie es in wahrer Freiheit und Gerechtigkeit gebracht haben. Bis eine messianische Zeit gekommen ist, muß das Judeuthum für Pftegestätteu seiner Wissenschaft selber sorgen. Die Rabbinerseminarien können das nicht sein, die Versuche in Deutschland sind gescheitert. Das Land der Freiheit wird auch das Land der freien Wissenschaft sein. Die geplante jüdische Universität in Amerika wird eine noch größere Ruhmesthat ihres Urhebers werden als die Schöpfung der.Isrvisli LnozcIopLüIia. Ein Jude kann also, so sehr er für die Freiheit der Wissenschaft schwärmen mag, sich über den Fall Spahn nicht sonderlich erregen. Die Behandlung seiner Person, seiner Religion, seiner Wissenschaft zeigt ihm zu oft, daß man den Spahn im fremden Auge steht, aber nicht den Balken im eigenen. Brief aus Oesterreich. Anfang Dezember 190l. ie werden mir sicherlich, Herr Redakteur, das Zeugniß nicht versagen, daß ich mich in diesen Briefen wenig mit meiner Person beschäftigte und mich stets an die von mir vertretene Sache des Judenthums hielt. Diesmal aber muß ich dennoch meine geringe Persönlichkeit in den Vordergrund stellen und dabei auch für Ihr geschätztes Blatt eine Lanze einlegen. Erschrecken Sie nicht über den feierlichen Ton, die Angelegenheit ist nicht allzu tragisch, und viel Raum soll ihr nicht gegeben werden. Wie sich die geehrten Leser erinnern werden, haben wir in wahrheitsgetreuer, wenn auch etwas kritischer, durchaus aber nicht „giftiger" Weise, gewisse Mißstände unseres Gottesdienstes gegeißelt und es insbesondere als nicht schön und erhebend bezeichnet, daß mit diesen heiligen Handlungen gewifiermaßen Reklame getrieben wird, und über diese förmliche, nicht gerade >ehr bescheidene Berichte, ähnlich wie über Theateraufsührungen, den Zeitungen zugesendet werden. Diese nur allzu wahre Kritik bestehender Thatsachen hat einen „Ploni" in einer Wiener jüdischen Wochenschrift nicht ruhen lassen, und er drückt „nur das Bedauern darüber aus, daß zu unseren Glaubensgenossen in Deutschland derartige Pamphlete über die erste Kultusgemeinde Oesterreichs hinansgetragen werden". — Der „Ploni" mag sich trösten; was wir geschrieben, verantworten wir auch, und esbetrifftnichtnnrdie „erste Kultusgemeinde Oesterreichs", an die wir übrigens gar nicht dachten, sondern viel kleinere Kultusgemeinden. Wir verwahren uns nur, da uns der „Ploni" gar nicht widerlegte, gegen den Ausdruck „Pamphlet". Wir wollten gewiß daS Judenthum nicht herabsetzen, wir beabsichtigten vielmehr die Wahrheit zu sagen, und befinden uns damit in sehr guter Gesellschaft; anch Jesaias und Jeremias sprachen die Wahrheit, wenn sie auch Manchem unangenehm war. Schnell fertig ist „Ploni" mit dein Worte, aber er hat nicht einen Gegenbeweis gebracht, daß unsere Kritik eine unberechtigte sei. — Wenn er aber, um Ihrem Blatte „eins" zu versetzen, in einer Fußnote anführt, in derselben Nummer Ihrer Zeitschrist sei ein Bericht aus Köln, in dem die Leistungen des Predigers, des Kantors u. s. w. gerühmt werden, so ist dies, verzeihen Sie, lieber „Ploni" — etwas läppisch. Zwischen „Rühmen" und Reklamemachen ist ein großer Unterschied o'ost lo ton, gm t'ait la lausigne," und dann, kann wohl eine Zeitung, die den „verschiedenartigsten Käuzen" gerecht werden muß, die Ausnahme solcher Einsendungen verweigernd Die Wahrheit hört man eben nicht gern, und wir Juden machen darill gewiß nicht die Ausnahme. - Deine Feinde, mein Israel, werden immer nntergehen, sorge du nur mehr für dein Haus. Diese so oft verkündete Wahrheit konnten lvir in diesen Tagen wieder bestätigt sehen. Wieder ist ein Hanptruser im Streite gegen das Judenthum, der Rassenantisemit K. H. Wolf, in das Meer der Vergessenheit versunken, aus dem er nie hätte auftauchen sollen. Irgend eine Private Affäre mit seinem liebwerthen Volksgenossen Dr. Tschan und dessen Schwiegersohn Dr. Seidl hat dies bewirkt. Wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir an das „olwrelier lo komme" als Ursache dieser Feiudseligkeitmahnen. Genug K.H. Wolf, Herausgeber der „Ostdeutschen Rundschau", ist nicht mehr im Reichsrath und Landtagsabgeordneter Schönerer ist wieder Alleinherrscher im „Alldeutschen Club". Natürlich große Freude darob und unendlicher Jubel bei Lueger und seinen Genossen. Ohne daß wir es ahnten, ist einer der Hanptfeinde des Judenthums vom Schauplatze seiner marktschreierischen Thätigkeit geschwunden; er wird nun nicht mehr die germanische Axt schwingen, und seine Zwischenrufe werden Lueger lind Stransky nicht mehr in ihren Reden stören. So geht der Ruhm Wolfs ziemlich rühmlos unter, und nur die „Ostdeutsche" und ähnliche Pangermanische Blätter sind ihm geblieben. Die „sinnlichen und rachsüchtigen" Juden könnten sich jetzt eigentlich freuen, — aber Wolf wurde beseitigt, Lueger und Schneider sind uns geblieben. Das sind Gegner mit dicken Häuten, und insbesondere Schneider, der größte Talmndkenner unseres Parlaments, wird die öden Debatten unserer Reichsboteu noch oft mit seinen nicht ganz wohlriechenden Reden in ein etwas lebhafteres Fahrwasser leiten. Anläßlich^dersogenannten „Kongregationen-Debatte" in unserem Abgeordnetenhause ließ der Talmudist von Eisenmengers Gnaden, Schneider, sein Lichtlein wieder leuchten. Diese Debatte über die Einwanderung der

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