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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-27 · Heft 52 (27.12.1901) · p. Seite 620

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
Seite 620 (sequence 10)
Language
German
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620 Würden feil ist. Die maßgebenden Stellen können unmöglich so harmlos sein, nicht zu wissen, was auf das frischgebackene Christenthum jener strebsamen Gläubigen zu geben ist. die ihr Herz grade in dem Augenblick entdeckten, als es von Vortheil war, aber man hält es für gerathen, sich zu stellen, als wenn man es nicht wüßte. Indem man mit dieser Haltung, entsprechend dem Verhalten in allen Zweigen der Verwaltung, einerseits „Strömungen in weiten Kreisen der Bevölkerung" entgegen kommt, befördert man auf der andern Seite eine verächtliche Heuchelei und erzieht geradezu zur Lüge. — Die mehr oder weniger systematische Ausschließung des Juden von der akademischen Karriere und Beförderung des Getauften, die Bestrafung der Glaubenstrene und Belohnung des Abfalls, das ist die Konfessionslosigkeit der reinen freien Wissenschaft in Deutschland. Hier ist ein ganz anderes Material zur Entrüstung als der vereinzelte Fall Spahn. Die Erklärung Mommsens hat — man sollte es nicht glauben! — auch von Professoren der christlichen Theologie Zustimmung gesunden. Diese Herren sind also naiv genug, in einen Ruf nach Besetzung der akademischen Lehrstühle ohne Rücksicht auf die Konfession und in ein Hoch auf die reine voranssetzungslose Wissenschaft einzustimmen. Niemand kann weniger dazu berufen sein. Theologische Fakultäten an den Universitäten und konfessionslose, vvraussetzungssreie Wissenschaft sind ein Widersinn. Zwar ist jetzt viel von einer freien Richtung in der protestantischen Theologie die Rede und alle Welt wird herbeigernfen, sich über ihre Kühnheiten baß zu verwundern. Aber was es mit dieser Freiheit auf sich hat, wird mit Einem Schlage durch die Stellung zum Alten Testament und zum Judenthum grell beleuchtet. Für das Judeuthuin bilden alle christlichen Theologen von Zahn bis Harnack, voll Rupprecht oder Klvstermann bis WeUhansen- Gunkel eine reaktionäre Masse. Sie alle ohne Ausnahme liegen in den Banden des Dogmas, sei es eines religiösen oder eines geschichtlichen oder literarischen. Sie alle beginnen ihre Forschung mit der Voraussetzung und dem Vorurtheil und schließen mit dem Resultat, daß das Alte Testament tiefer steht als das Neue und das Judeuthuin gegenüber dem Christenthum eine inferiore Erscheinung ist. Sie alle ohne Ausnahme liegen an der Kette, mögen sie ihrer noch so laut spotten, mag ne bei dem einen etwas länger, bei dem andern etwas kürzer sein. Sämmtliche theologischen Fakultäten würden es wahrscheinlich mit einem Hvhngelächter begrüßen und als eirre „echt jüdische Anmaßung" brandmarken, les giebt überhaupt nie „jüdische" Anmaßung, wie es nur „katholische Unwissenheit" giebt», wenn man von ihnen verlangte, sie müssen auch Juden in ihr Kollegium aufnehmen und z. B. die Erklärung des Alten Testaments oder gar die neutestamentliche Zeitgeschichte oder die Darstellung des Christenthnms auch einmal einem jüdischen Gelehrten übertragen. Und doch wäre erst die Möglichkeit solcher Besetzung wahre wissenschaftliche Freiheit und das nothwendige Gegengewicht gegen die christliche Einseitigkeit. Ihr tragt der studierenden Jugend das Alte Testament als Christen vor; nun gut, so laßt ihr doch auch einmal das Neue von einem Juden erklären! Aber sogar die wenigen christlichen Theologen, die mit wirklicher Freiheit, Ernst zu machen, einen Anlauf nahmen, hat mau von je gekreuzigt und verbrannt, d. h. zum mindesten in die philosophische Fakultät relegirt. Jüdische Mitarbeiter nungar duldet die christliche Theologie nur insoweit sie ihre Dogmen nicht antastet, namentlich läßt sie sich die Darreichung von solchem Material gefallen, das ihr selber schwerer zugänglich ist und wer ihr dies leistet, bekommt eine gute Note, aber wehe ihm, ivenn er es wagt, zu bezweifeln daß die Wahrheit selbstverständlich beim Christenthum ist. Die theologischen Fakultäten wollen, das ist ihr Widerspruch, als Stätten der freien Wissenschaft gelten und sind andererseits zugleich Vorbereitungsanstalten für die Diener der Kirche. Es ist wahr, auch die anderen Fakultäten erziehen zugleich für praktische Berufe. Die medizinische bildet Praktische Aerzte aus, die juristische Richter, die philosophische Schullehrer u. s. w. Aber der Unterschied ist, daß hier das Leben bereit ist, sich von der Wissenschaft leiten zu lassen, die Kirche aber verlangt von ihren Geistlichen auch bei der weitestgehenden Nachsicht gewisse Ueberzeugungen, die umzustoßen die theologische Wissenschaft sich auf keinen Fall beikommen lassen darf. Zu diesen Ueberzeugnugen, für die die christliche Theologie die künftigen Prediger des Christenthums bearbeiten muß, gehört, wenn Lehrer und Schüler überhaupt noch Christen sein wollen, unter allen Umständen die Lehre, daß das Alte Testament vollendet und überwunden ist durch das Nene. Ich will mich hier über die Mißhandlung des Alten Testaments auf unseren Universitäten, über die vielfach geradezu giftige Gehässigkeit gegen das Judenthum nicht weiter verbreiten, es ist ein Thema, bei dem es schwer ist, sich zu bemeisteru, aber wer mit der konfessionslosen, voraussetznngssreieu Wissenschaft gründlichen Ernst machen will, der muß die Forderung erheben: Fort mit den theologischen Fakultäten von den Universitäten! Mögen die Kircheugemeinschaften ihre Funktionäre in Priesterseminarien und Predigerschulen für die Verwaltung der Sakramente und ihren Dienst am Worte Gottes vorbereiten. An die Stelle der theologischen Fakultäten sind Lehrstühle für die Wissenschaften von den Religionen und ihren Urkunden, von den Religionsgemeinschaften und ihrer Geschichte zu errichten, und bei der Besetzung dieser Lehrstühle dürfte ebenso wenig nach der Konfession des Lehrers gefragt werden wie in irgend einer anderen Wissenschaft. Die Wisseuschast geht lediglich an, was Einer weiß; wie er zu seinem Gott steht, in welchem Tempel er betet, ist seine Sache. Und unter diesen Lehrstühlen müßten sich — dies wäre die dritte Ergänzung zur Mommsenschen Erklärung — auch solche für die Wissenschaft vom Judenthum befinden. Auch in diesem Punkte zeigt sich wieder recht deutlich, wie es in Wahrheit mit der vorurtheilslosen Handhabung der Wissenschaften steht. Sobald sich sonst irgend ein neues Wissensgebiet eröffnet, wird alsbald für seine Vertretung an der Universität, d. h. auf deutsch der „Gesammtheit der Wissenschaften", gesorgt. Wir haben Professuren für die obskursten Völker, Sprachen und Litteraturen, für Egyptisch und Malahisch, für Koptisch und wer weiß was noch. Aber für die jüdische Litteratur, eine der umsangreichsten, die es giebt, eristirt an säuuntlichen deutschen Universitäten nicht ein einziger Lehrstuhl. Hier liegt das tendenziöse und utilitaristische Moment irr der Auffassung und Verwaltung der Wissenschaften sonnenklar zu Tage. Gelehrt wird nicht, was wissenswerth ist, sondern was nützt und dem Christenthum dient. Jedenfalls gilt dies, sobald es sich um das Judenthnm handelt. Für das Christenthum existirt das Judenthum im Wesentlichen nur bis zum Jahre 01, wo es offiziell abzudanken hatte, also verdient seine ganze spätere Entwickelung keine wissenschaftliche Vertretung, und sie wird ihr grundsätzlich

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