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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-27 · Heft 52 (27.12.1901) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 52 (27.12.1901)
Date
1901-12-27
Page
Seite 619 (sequence 9)
Language
German
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«19 Lehrer und Führer seiner Jugend gewesen und daun sein Freund und Mitarbeiter geworden. Ein reger Briefwechsel, in dem all ihr Streben, Wünschen und Arbeiten niedergelegt wurde, verband sie, als den Arzt sein Beruf in die Ferne führte, der schönste Austausch all ihrer geistigen Interessen; aber die zunehmenden Jahre und bei Beiden leider das wachsende Augenübel ließen nach der Uebersiedelung Ludwig Philippsons nach BouR diesen Briefwechsel erlahmen, wenn auch die Liebe die gleiche blieb bis an den Tod des älteren Bruders. Zärtlichste Liebe verband ihn auch mit dein jüngeren Bruder, den trotz seines kaufmännischen Berufes jede geistige Erscheinung interessirte, und der dem Bruder fast kindliche Verehrung entgegentrug. So kam das Alter; seine Arbeitskraft erlahmte nicht, seine Begeisterung für Religion und Menschengeschick blieb sich gleich; doch die fortschreitende Zerstörung des Augenlichts hemmte sein Schaffen und legte ihm schwere Entbehrungen auf. Aber sein Gemüth konnte selbst dies Leiden nicht nmdüstern, er trug *es als Schickung seines Gottes. Mit dankbarer Liebe nahm er die hingebende Hilfe der Seinen für sein großes Werk in Anspruch, und Worte der Liebe spendete er ihnen mitten in der Arbeit. Nie murrte er gegen fein Loos und harrte in geduldigem Sinnen, bis Jemand bereit war, ihn zn unterstützen. Und wenn sein Tagewerk vollbracht war, dann erfreute er sich bis zu seinem letzten Tage am Anhören der besten Erscheinungen der Weltlitteratur in Wissenschaft und Belletristik. Sein' höchster Genuß war aber, die theuren Seinen an Sabbath und an Festtagen um sich zu versammelu. Da ging eine verklärende Weihe von seinem Gebetwort aus, und die einfachen hebräischen Formeln erschienen als Ausfluß höchster Gottanbetung. So legte er noch am letzten Abend bewußten Lebens, einem Freitag, seine Hände segnend auf die Häupter seiner anwesenden Kinder und sandte Segensgrüße den Fernen. Trotz manchen Kummers und Verlustes war sein Lebensabend ein verklärter, eines hohen Weisen würdiger, und wenn er auch oft zagende Worte über sein Lebenswerk sprach, und wie schwer es ihm auch wurde, seine Glaubensgenossen inmitten erneuten dräuenden Kampfes zurückzulafsen, so erhob ihn über jeden Zweifel sein Gottvertrauen und die unversiegbare Ueberzeugung, daß der Allweise, der Israel bisher durch die Jahrtausende geführt, es weiter geleiten werde zu dem ihm gesteckten welthistorischen Ziele. Eine Ergänzung zu Professor Msminsens Erklärung. Von Dr. B. Jacob in Köttingen. eit einigen Wochen tobt aus den deutschen Universitäten ein Sturm, der freilich nur ein Sturm in einem Wasserglase ist. Den Wünschen der Katholiken entgegenkommend, hat der Kaiser einen jungen katholischen Gelehrten, Dr. Spahn, den Sohn des Ceutrumsführers, ohne Befragung der Fakultät zum Professor der Geschichte au der Universität Straßburgs ernannt, nnd damit eine „katholische Geschichtsprofessur" errichtet, welcher dem Vernehmen nach bald eine „katholische Philosophieprofessur" folgen soll. Hiergegen hat Professor M ommsen eine Erklärung veröffentlicht, in weicherer im Namen der Wissenschaft gegen eine Besetzung akademischer Lehrstühle nach konfessionellen Rücksichten mit Entschiedenheit protestirt. Dw reme Wissenschaft dürfe solche Einseitigkeiten nicht dulden. Die Frage nach der Konfession und dogmatischen Richtung eines Gelehrten sei ein Axthieb gegen eine voraussetzungslose Forschung. Dieser Protest hat in Professorenkreisen lebhafte Zustimmung gesunden und der Zeitungstelegraph meldet fortgesetzt Sympathiekundgebungen von dieser oder jener Fakultät. Wenn irgend jemand daS Recht hat, im Namen der Wissenschaft zu sprechen, ist es Professor Mommsen. Niemand wird Virchow die Ehren mißgönnt haben, die ihm die ganze Welt aus Anlaß seines achtzigsten Geburtstages erwiesen hat, aber wer sich dazu bekennt, daß der Mensch nicht vom Brod allein lebt und noch etwas mehr als ein Zellenstaat ist, wem besonders die klassische Bildung am Herze» liegt, der wird als Deutscher auf einen Mommsen als eine der leuchtendsten Zierden unseres Vaterlandes nicht minder stolz sein. Aber bei aller Ehrerbietung gegen den großen Mann und seine gelehrte Gefolgschaft wird es gestattet sein, ihre Erklärung von einem Standpunkt zu ergänzen, der bisher noch garnicht zur Geltung gekommen ist; vom Standpunkt des Judenthums. Von diesem Standpunkt erklären wir rundheraus: Juden und Judenthum gegenüber ist all das hochtönende Gerede von Freiheit und Konfessionslosigkeit der Wissenschaft eine Form. Es ist landkuudig, daß es für einen jüdischen Gelehrten, und wäre er der Erste in seinem Fache, auf vielen Gebieten der Wissenschaft, auch solchen, die zu der Konfession des Forschers in Verbindung zu bringen, selbst dem allerchristlichsten Glaubenseifer nicht gelingen dürfte, namentlich in Preußen mit den größten Schwierigkeiten verknüpft, ja, meist geradezu unmöglich ist, ordentlicher Professor zn werden. Was hat z. Bdie medizinische Wissenschaft mit der Konfession zu thun? Aber es ist allbekannt, daß gerade an der Berliner Universität, von der der Protest ausgegangeu ist, jüdische Mediziner von Weltruf Jahrzehnte lang auf eine Beförderung zum ordentlichen Prosessor warten und so lange warte» können bis sie — Christen werden, ja ganze Fakultäten prinzipiell „judenreiu" gehalten werden. Denn es ist ebenso bekannt, daß die Taufe den Juden mit einem Schlage anstellungsfähig macht. Weniger bekannt oder schon wieder vergessen ist es aber, daß gerade Professor Mo mm seil es gewesen ist, der in tzen achtziger Jahren, am Beginn der antisemitischen Bewegung, den Juden diesen Schritt angerathen hat. Wie zugestanden werden muß und von einem Mommsen nicht anders erwartet werden kann, in der wohlmeinendsten Absicht. Da doch für den gebildeten Jilden das Judenthum ebenso ein überwundener Standpunkt sei wie für den gebildeten Christen sein Christenthum, so sei der Uebertritt lediglich eine äußere Form, die der Majorität und dem Vorurtheil zugestanden werden müsse. Die heftigsten Pamphlete seiner Feinde haben dem Judenthum nicht ärgeren Schaden gethan, als jener Aufsatz Mommsens. Nur zu eifrig wurde sein Rath befolgt! Seitdem besteht ein nicht geringer Theil der deutschen Professoren aus getauften Juden, die bei Zeiten den klugen (?) Schritt gethan, der sie an das Ziel ihrer Wünsche brachte, freilich um den Preis einer That, die ihre männliche nnd wissenschaftliche Ehre auf keinen Fall gehoben hat. Um so rühmlicher ist die charaktervolle Haltung jener Männer, die keine Verlockung in der Treue gegen die Glaubens- und Namensgemeinschaft, in der Treue gegen sich selbst wankend macht, denen ihre Würde nicht um

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