Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 618 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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618 Vorherberechnung des bis dahin unbekannten Planeten Neptun aus den Schwankungen des Uranus und die Auffindung jenes Weltkörpers genau auf der berechneten Stelle lLeverrier, Galle) tief ergriff, und er dieses Faktum und die daraus zu ziehenden Schlüffe der strengsten Gesetzmäßigkeit des Weltenbaues sowie die Schärfe des sie erfassende» Meuschengeistcs den aufhorchenden Kindern mitzutheilen verstand. O, das waren erhebende Stunden, die das junge Menschenherz höher schlagen machten und göttlichen Samen ausstreuten fürs Leben! Mancher Greis im Silberhaar gedenkt ihrer noch heute mit Rührung und aufflammender Dankbarkeit! Ueberhaupt war sein Verhältniß zur Jugend das des verehrten und geliebten Lehrers. Sie hing an ihm mit glühender Begeisterung, sie fühlte instinktiv die Ausstrahlungen seines liebreichen Herzens, und er verstand es, ihr die höchsten Güter des Lebens als köstliches Besitzthum zu spenden. Liebe war sein Wesen, und das empfindet vor Allen die Jugeud. Er machte Ausflüge mit seiner Schule, er spielte mit den Schülern in seinen jüngeren Jahren, und die Sommerspaziergänge nach dem kleinen, dürftige» „Gnmmerts Garten" und die schlichte Bewirthung daselbst waren für sie die Glanzpunkte des Sommers. Durch den Konfirmationsunterricht fühlten sich die jungen Seelen wie auf Flügeln über das Irdische emporgetragen, und ich erinnere mich, wie ein junges Mädchen in kindlicher Ueberzeugung ausrief: „Möchten doch die Atheisten nur einmal Dr. Philippson hören, so würden sie sofort zur Gotteserkenntniß zurückkehren!" Sein Unterricht war streng pädagogisch; er verstand die Kinder zu beschäftigen, nicht nur sie momentan fortzureißen; durch unvorbereitete schriftliche Frage uud Antwort setzte er sie in Wettstreit; die Begabteren lies; er metrische Psalmenübersetzungen fertigen oder biblische Vorgänge dramatisch bearbeiten. Wie Sonnenschein ging's über des Kindes Antlitz, wenn er herzlich mit ihm sprach. Liebe, ich wiederhole es, Liebe war der Grundzug seines Wesens, Liebe trug er jeder Kreatur entgegen, besonders den Menschen; darum wandte man sich in jeder Verlegenheit an ihn, Arm und Reich, und wo er helfen konnte »nt Rath und That, da geschah es. Wie in seiner Gemeinde, so auch außerhalb derselben galt er als der Mann des Rechtes, der Bruderliebe und der Thatkraft. Wenn er die Hauptverkehrsstraße Magdeburgs entlang schritt, da flogen alle Hüte vom Kopfe, da folgten ihm achtungsvoll alle Blicke. Es war erstaunlich, wie die Leute niederen Standes, die Handwerker, die mit ihm zu thun hatten, sich mit all ihren Fragen und selbst religiösen Zweifeln an ihn wandte». Für Jeden hatte er ein aufmunterndes uud beruhigendes oder ein berathendes Wort. Als er an der Spitze des „Magdeburger Handwerkervereins" stand, trugen die Mitglieder ihm unbegrenztes Vertrauen entgegen, und er wußte mit Verständlich und Liebe auf ihre Interessen einzugehen und sie nach außen tapfer zu vertreten. Noch viele Jahre nachher,*als er längst dieser Thätigkeit entsagen mußte, begeisterten sich die schlichten Männer des Volkes bei der Nennung von PhiliPPsons Namen. In seiner Fainile, im Kreise der Seinen belebte ihn die schönste Heiterkeit, das beseligendste Glucksgefühl. Hier war der Mittelpunkt seines Lebens, da ruhte er von seinem Schaffen; aber selbst in dieser Ruhe verstand er zu fördern, anzuregen; denn niemals verließ ihn der erhabene Zug im Denken und Fühlen, und wie die Sonne alles Irdische vergoldet, so adelte seil; Wort jede alltägliche Erscheinung. Seine Gattin war ihm nicht nur eine verständnißvolle Gefährtin aller Bestrebungen, ihm gleichgestimmt in Lebensauffassung und Begeisterung, sondern seine nieversagende Stütze in den Zeiten banger Sorge lind schwerer Heimsuchung. Als seiil Augenlicht mehr und »lehr schwand, da arbeitete sie für ihn durch Jahrzehnte in steter Hilfsbereitschaft, da opferte sie fast ihre ganze Zeit seinem Dienste als Schreiberin, Vorleserin, und besonders vertrat sie nach seinem Altsspruche das gebildete Publikum in richtiger Schätzung seiner Arbeit. Ihr frischer Geist, ihre edle Auffassung trugen dazu bei, ihn auch im Leiden nicht erlahmen Hu lassen und ihm die Entbehrung des vornehmsten Sinnes weniger fühlbar zn machen. Berthold Auerbach, der oft ein Gast des Philippsonschen Hauses war, rief einst in einem Toast an fröhlicher Tafel: „Sollte ich diesem Hause einen Namen geben, so würde ich cs „Scholaumburg" benennen!" Von den schönen Künsten stand die Musik Philippsoris Herzen am nächsten; besonders Beethoven war seiner Empfindung und Weltauffassung kongenial, und die Pflege des großen Meisters in dessen Vaterstadt Bonn fand an Philippson einen begeisterten Anhänger. Die schöne Wiedergabe der Klavierwerke Beethovens durch PhiliPPsons jüngste Tochter bereitete ihm beglückenden Genuß. Mit sonorer, obgleich unausgebildeter Stimme, der man tiefe Empfindung anhörte, sang er selbst gern; am frühen Morgen kündete sein frohes Lied, wie glücklich und dankbar gegen Gott er an sein Tagewerk ging. Seinen Töchtern und deren Freundinnen bereitete cs ein Fest, wenn er ihnen selbsterfnndene Tanzweiseu mit strengem Taktgefühl auf dem Klavier aufspielte. Ueberhaupt verstand er mit Feingefühl auf das Geistes- und Herzensleben junger Mädchen einzugehen; sie hingen mit schwärmerischer Verehrung an ihm, und eine geistreiche junge Dame, die oft als Freundin in; Philippsonschen Hause in Bonn lebte, sagte ihm einst: „Ich habe Sie im Verdacht, daß Sie früher heimlich ein junges Mädchen waren!" Mit den Kindern spielte er bald lustig lärmende, bald Verstand schärfende Gesellschaftsspiele, s und es hatte nie den Anschein, als ob er sich zn ihnen herabließe, sondern als ob er mit ihnen die Lust theiite. Zu den Festen der Familie, zu den Hochzeiten seiner Kinder und Verwandten fertigte er mit unerschöpflicher Phantasie bald edel ernste, bald humoristische Ausführungen, und Niemand verstand den Herzenston so zu treffen wie er, Niemand, den Festen ein so glückliches Gepräge aufzudrücken. So waren auch seine Tischreden und Toaste in ihrer beredten Form und ihrem gemüthvollen Gedankeninhalt der Glanzpunkt gesellschaftlicher Vereinigungen. Zu den ihm im Amt Unterstellten sprach er stets in herzlicher Güte und mit Nachsicht, förderte sie, wo er konnte, und ließ sie nie das Uebergewicht seines Geistes und seiner Stellring empfinden. Eine in seinen jüngeren Jahren oft auflodernde Heftigkeit wußte er mit eiserner Gewalt immermehr niederznzivingen und im Alter trat er allen Erscheinungen, der Freude wie dem tiefen Leide, „den heiligen Nebeln des Lebens", mit Ruhe und Gottergebung entgegen. Zu vielen Menschen war er in freundliche, ja srenndschaftliche Beziehung getreten, aber einen Freund im höchsten Sinne des Wortes, einen ebenbürtigen, gleichgesinnten, hatte er seit seinen Jüngliugsjahren nicht gefunden Sein ältester Bruder, um fünf Jahre älter, war der verehrte