Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1901)
- Date
- 1901-12-27
- Page
- Seite 617 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228419-3228472--58226-3294658- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
617 tragen sehr zum Scheitern der ganzen Bewegung bei. Denn kein rechtlich denkender Staatsmann wird eine von Fremden- und Rassenhaß getragene Bewegung unterstützen wollen. Als christliches Volk müssen die Engländer für andere dasselbe thun, was sie Würstchen, daß man für sie thue. Die Engländer dürfen nicht vergessen, daß die Fremden nicht freiwillig zu uns gekommen, sondern durch eine empörende Verfolgung zur Auswanderung gezwungen worden sind. Ihre besseren Sitten und Gewohnheiten haben die Engländer nicht etwa ihrem edleren Blute, sondern ihrer freiheitlichen Verfassung und ihrer besseren Gesetzgebung zu verdanken. Er wolle alles thun, um eine weitere Zuwanderung von Fremden zu verhindern, so lange jedoch diese Fremden mit Erlaubniß des Gesetzes zu uns kommen, haben sie denselben Anspruch ans Schutz und menschliche Behandlung wie jedes andere in England lebende Menschenkind. Zum Schluß betheuerte Redner nochmals, daß die von ihm geleitete Bewegung sich nicht gegen die Juden, sondern ausschließlich gegen die Fremden richte, und daß er ebenso handeln würde, wenn die Einwanderer nicht Juden, sondern Amerikaner wären. Die Juden Englands werden freilich nicht so thöricht sein, diesen Betheuerungen zu glauben; sie werden vielmehr wissen, daß Major Gordon in East London mit seinen zahlreichen jüdischen Wählern eben eine Wahlrede gehalten hat. Wie weit müssen es die Herren mit ihrer freindenfeindlichen Agitation gebracht haben, wenn gegen die antisemitischen Heißsporne, welche viel zu früh ihre Karten aufgedeckt haben, jetzt schon eine solche Rede nothweudig geworden ist! Zum neunzigsten Geburtstage Fudung Philippsons. - Eine Er i » ue r »i> ft. E^m 28. Dezember d. I. sind es 90 Jahre, daß Dr. Ludwig Philippson, der Begründer dieses Blattes, dem er 58 Jahre als Redakteur Vorstand, zu Dessau das Licht der Welt erblickte. Obgleich das segensreiche Wirken dieses großen Mannes für das Judenthum und darüber hinaus in der ausführlichen Biographie von Rabbiner Dr. M. Kayserling dem Publikum mit Wärme und Sachkenntniß geschildert wurde, und später der Sohn des Verewigten, Professor Dr. Martin Philippson, aufgefordert durch die soeieto ckeL Ltucke8 .juivvs zu Paris, in formvollendeter Weise und in begeistertein Erfassen seiner Aufgabe Philippsons Bedeutung in einem Vorträge darthat, soll der Gedenktag in diesen Blättern doch auch nicht übergangen werden. Schreiber dieses, ein schlichter Laie, stand den jüngeren Maunesjahren Ludwig Philippsons so nahe, daß der Eindruck seiner Persönlichkeit unverwischt und mit Liebe und Verehrung gepflegt in ihm fortwirkt. Noch leben Genossen der damaligen Zeit, noch gedenken Schüler Philippsons, jetzt Greise und Greisinnen, mit ausflammender Begeisterung seiner hinreißenden Persönlichkeit, und Diesen sowie den Jetztschaffenden widme ich dies bescheidene Blatt. Denn daß auch das jetzt lebende Geschlecht den alten Wunderbaum der israelitischen Religion in unverminderter Kraft erblickt, daß es sich eins fühlt mit dem Streben der Zeit, mit dem Tagewerk der Nationen, dazu hat Ludwig Philippson an seiner Stelle ein großes Theil beigetragen. Er verstand es wie Wenige, dem Herzschlag der Zeit zu lauschen und, was er da erkundet, in Leben und Wirken umzusetzen. Denn grundlegende Züge seines Charakters waren: scharfe Erkenntniß und praktische That. Was er als nöthig erkannt mit unbeirrtem Blick, dafür hatte er stets die richtige That bereit und die nie wankende Kühnheit der Ausführung. Wie es in seinem Herzen lohte in warmer Begeisterung, wie sein Auge leuchtete beim Erfassen des Gedankens, so war ruhig und fest sein Verstand an der Arbeit, um die richtigen Wege zu finden, alle Faktoren zu berechnen, die zu dem gewünschten Ziele führen konnten. Und dann beseelte ihn eine unermüdliche Arbeitskraft und Ausdauer. Rach allen Weltgegenden sandte er seines Geistes Boten, um Israel zu wecken, wo es schlummerte, zu ermuntern, aufzurichten, wo es zagte, zu schaaren um die alte theure Fahne des Glaubens, wo es zerstreut und vereinzelt nichts zu erreichen vermochte. Da trat er ein für alle Unterdrückten und ließ im Rathe der Völker Israels Stimme ertönen, um sei» Recht zu gewinnen; da stand er vor dem Thron der mächtigsten Herrscher, um ihr Gewissen aufzurütteln für die Sache der Niedergetretenen. Wohl ist der Zeitenstnrm über all diese Begebenheiten hinweggerauscht, neue Interessen haben die alten zurückgeschleudert in das Meer der Vergessenheit, aber Pflicht der Ueberlebenden ist es, dem neuen Geschlechts das Bild des Mannes zu erhalten, auf dessen Thätigkeit es weiterbaut, und der ihm ein erhabenes Vorbild sein möge in den bitteren Kämpfen, die auch der Jetztzeit nicht erspart sind. Werfen wir darum in Pietätvoller Erinnerung einen Blick aus Philippsons persönliche Erscheinung. Trotz seiner entbehrungsreichen Jugend war sein Gemüth ein in seinem Grundton heiteres, jeder Freude zugängliches. Eine innige Naturauffassung war ihm eigen und sprach sich in vielen Gedichten bis in seine späten Mannesjahre aus, zum Beispiel in seinen Harzgedichte». Es war ihm Bedürfniß, alljährlich den engen Mauern seines Wohnorts zu entfliehen, und nichts erfreute ihn mehr als Wanderungen über Berg und Thal. Besonders beglückend war es ihm, wenn seine Gattin, seine Kinder daran theilnehmen konnten, und unvergeßlich bleibt es den älteren derselben, mit welchem Seligkeitsgefühl, mit welcher Gehvbenheit er mit ihnen, die noch im jugendlichsten Alter standen, die nahen Gebirge durchwanderte, wie seine Freude sich in fröhlichen Liedern und im Preise des Allgütigen ausdrückte. Aber auch aus ernster, wissenschaftlicher Naturauffassung erfloß ihm ein Quell tiefer Beglückung. Mit warmem Interesse verfolgte er alle Fortschritte der Naturwissenschaften, die gerade in der Mitte des 19. Jahrhunderts so überwältigend groß waren; alle neuen populären Publikationen wurden von ihm gelesen, streng wissenschaftliche studirt, die wenigen Freistunden, die seine vielseitige Arbeit und sein Amt ihm ließen, hierzu verwandt, und wiederum boten ihm die so gewonnenen Anschauungen neues Material für seine Abhandlungen, indem Natur und GStteserkenntniß bei ihm sich eng verknüpften. Mit welchem Enthusiasmus las er mit seinen älteren Kindern A. v. Humboldts Werke, begrüßte er des dänischen Naturforschers Oersted „Geist in der Natur". Die Auffindung des Elektromagnetismus durch Letztereil begeisterte ihn und ließ ihn vorschauend die gewaltigen Folgen dieser Entdeckung ahnen. Wie verstand er es, in hinreißender Rede seinen Schülern die Größe und Gesetzmäßigkeit der göttlichen Weltschöpsung darznlegen! Es ist Vielen derselben unvergeßlich, wie ihn die