Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1901)
- Date
- 1901-12-20
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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65. Jahrgangs Ur. Sl. Berlin. 20: Dezember 1901. WEge zur „Allgemeinen Zeitung -es IuöenLtzums". Korrespondenzen und Nachrichten. Nrirtschlarrd. 8. B-vUn, 15. Dezember. In der heutigen Repräsentanten- Versammlung ging es wieder einmal lebhafter zu. Die Konservativen beginnen sich bereits als Herren der Situation zu fühlen und eröffneten nicht gerade verheißungsvolle Ausblicke auf ihr nahes Regiment. Heute allerdings mußten sie sich bei einer Präsenz von 11 liberalen und 8 konservativen Repräsentanten mit einem negativen Erfolge bescheiden, den sie in der Frage der Einrichtung eines In gen dgottesdienstes nach altem Ritus erzielten. Prof. Bla schke gab die Vorgeschichte dieser Vorlage und interpretirte in ruhiger und durchaus sachlicher Weise die Verhandlungen der all boe eingesetzten gemischten Deputation, zu welcher als Sachverständige die Rabbiner Dr. Rosenzweig und Dr. Eschelbacher hinzngezogen worden wäre»,. Hiernach hat das Rabbinat in seiner Gesammtheit die Einrichtung eines Jugendgottesdienstes nach altem Ritus befürwortet, und der Gemeindevorstand hat die versuchsweise Einrichtung in der Synagoge Kaiserstraße zum Beschluß erhoben, hingegen Bedenken getragen, die geforderte Aenderung in der alten Synagoge zu treffen. In der Deputation wurde der Antrag für beide Synagogen mit 3 gegen 3 Stimmen abgelehnt, der Antrag des Gemeindevorstandes mit 4 gegen 3 Stimmen ebenfalls abgelehnt, dagegen mit 4 gegen 2 Stimmen im Falle der Einführung einer neuen Agende diese für die Kaiserstraßen- Synagoge beschlossen. Im Ausschüsse III hatte sich bereits herausgestellt, daß bei den Verhandlungen mit Dr. Eschelbacher wohl die Abhaltung eines Jugendgottesdienstes verabredet war, aber nicht, daß eine neue Agende nach seinen Anordnungen herausgegeben werden soll. Es war ferner weder dem Rabbinat noch den Repräsentanten irgendwelche Opposition unter den Gemeindemitgliedern gegen die bisherige Form des Jugendgottesdienstes bekannt geworden. Von der neuen Agende würde zudem nur die nähere Umgebung der Synagoge Kaiserstraße einen Vortheil haben. Die alte Agende ist in vielen auswärtigen Gemeinden lobend anerkannt und eingesührt worden. Die neue Agende soll sich nach dem Edelheimer'schen bezw. Sachs'scheu Gebetbuch richten; sie soll n. a. beginnen mit Ala tauvvu, dann ein deutsches Gebet folgen, nach dem Psalm 145 soll IIwo lorsjou eingefügt werden. In dem verlangten Gottesdienst soll der Thoraabschnitt, der am Vormittag vorgelesen worden ist, nur hebräisch zur Verlesung gebracht werden, während jetzt nur dann dieser Abschnitt und zwar hebräisch und deutsch vorgetragen wird, wenn er dem kindlichen Verstände und Gemüthe angemessen erscheint. Der Referent schließt, daß die Agende nicht als Agende nach altem Ritus bezeichnet werden kann, da ja in dieselbe deutsche Gebete, welche dem alten Ritus fremd sind, eingefügt werden sollen, und bezeichnet die Vorlesung eines unverständlichen Thoraabschnittes als einen schweren Fehler für einen Jugendgottesdienst. Herr Oppenheim als Korreferent stellt einen Vertagungsantrag, um dem Gemeindevorstand noch einmal Gelegenheit zu geben, mit Dr. Eschelbacher zu verhandeln. Herr Löwenberg weist die in der Kommission gemachte Behauptung zurück, daß das Rabbinat nur für den Antrag eingetreten sei, um eine Entlastung im Unterricht zu haben und beantragt unter Verwerfung des Antrags des Vorstandes einen Jugendgottesdienst in der Kaiserstraße sowohl wie in der Heidereutergasse einzurichten. Rechtsanwalt Lilienthal präzisirt den Standpunkt des Gemeindevorstandes. Ernsthaste Gründe können nach seiner Meinung nicht gegen die geplante Aenderung vorgebracht werden. Der Jugendgottesdienst sei eine unbedingte Konsequenz der Anstellung Dr. Eschelbachers, der nach seinem Vertrage nur verpflichtet sei, einem nach alten Ritus geführten Gottesdienst vorzustehen. Der Jugendgottesdienst fei ferner eine Forderung der Gerechtigkeit; ein Bedürfniß für diesen liege vor, und das Rabbinat habe sich ebenfalls dafür erklärt. Die Abweichungen von der bestehenden Gebetordnung seien so geringfügig, daß es sich nicht lohne, auch vom liberalsten Standpunkt gegen die neue Agende Opposition zu machen. Auch vom rein Pädagogischen Standpunkte sei es ein wenig wünschenswerther Zustand, die Kinder eine Neligionsschule besuchen zu lassen welche Ln konservativem Sinne geleitet werde und zu einem Jugendgottesdienst zu führen, der anderer Richtung sei. Geheimrath Blumenthal bezeichnete es als eine Grausamkeit gegen die Kmder ihnen einen anderen Gottesdienst zu geben. Ueber die Bedenken des Referenten bezüglich des Thoraabschnittes gehe er hinweg, denn eine Sache, die 3000 Jahre nicht dem Judenthnme geschadet habe, werde auch der heutigen Jugend nicht schaden. Die Agende brauche ja nicht neu gedruckt zu werden, die Einfügungen sollten auf Zetteln gedruckt und den Gebetbüchern beigelegt werden. Redner bezeichnet unter lebhafter Bewegung der Versammlung den Protest der Liberalen gegen die Vorlage nur als „Demonstration"; es könne ja ruhig heute die Vorlage fallen, in 14 Tagen, wenn die Liberalen nicht mehr in solcher Zahl in der Versammlung seien, würde dieser Beschluß doch wieder umgestoßen werden. Maurermeister Fränkel unterstützt den Vertagungsantrag. Professor Geiger dankt dem Geyeimrath Blumenthal für die Offenheit ferner Ausführungen; die Liberalen wüßten sehrgut, daß eine Abweisung der Vorlage doch wieder umgestoßen würde, sie beschlössen aber ohne Rücksicht aus Zusammensetzung der Versammlung das, was sie für gut hielten. Er hebt hervor, daß die Agende seit 13 Jahren in Kraft sei, begonnen von dem verstorbenen Rabbiner Dr. Frankl, dessen Liberalismus, in mäßigen Grenzen sich gehalten hätte, und von den Rabbinern Roser,zweig und Ungerleider ausgeführt sei. Von einer liberalen Agende könne somit absolut nicht die Rede sein. Die Agende habe sich in sehr vielen auswärtigen Gemeinden ebenfalls bewährt, ohne daß irgend ein offener oder heimlicher Widerstand laut geworden sei. Er würde eine Umkehr nur für berechtigt halten, wenn das Verlangte in vollständigem Gegensätze zu dem Bisherigen stände, aber nicht bei den kleinen Differenzen, durch welches sich ein orthodoxes Gewissen nicht belastet fühlen könne. Redner beklagt es, daß den Repräsentanten keine tiefere Kenntniß der Vorlage verschafft werde; man wisse in diesem Falle gar nicht, was Dr. Eschelbacher wolle, aus welchem Grunde er einige Gebete fortlassen und neue einsügen wolle, was endlich das Rabbinat veranlaßt habe, den, Anträge beiznstimmen, Dr. Eschelbacher wußte, wie der Jugendgottesdienst abgehalten würde, und er habe in feiner Berufung nicht auf die Unmöglichkeit, diesen Gottesdienst zn leiten, hingewiesen. Der Wunsch der Liberalen sei, eine wirkliche Einheit für die Jugend zu schaffen und nicht einen Zwiespalt in dieselbe hineinzutrageu. Die Liberalen seien in diesem Falle die Konservativen, sie wollten das Bestehende, das sich bewährt hätte, erhalten. Er bittet dringend, den Antrag des Gemeindevorstandes abzulehnen und den Jugendgottesdienst in der bisherigen Form beizubehalten. Professor Blaschke weist auf den Widerspruch in den Ausführungen Blumenthals hin und hebt die bereits im Ausschuß vorgebrachten pädagogischen Bedenken hervor, daß zwei Agenden durchaus unlhnnlich sein müssen. Der Jugendgottesdienst sei für die gesummte jüdische Jugend eingesührt. Die Schullehrer könnten sich nicht nach der Wrllensmeinnng der Eltern erkundigen und darnach ihren Religionsunterricht ertheilen. Rechtsanwalt Lilie nthal möchte für den Vorstand sich dem Appell nach Einigkeit an schließen. Wer die Geschichte der Berliner Gemeinde kenne, wisse gut, daß sehr viel Unheil dadurch angerichtet worden sei, daß man alles in eine einzige Form habe bringen wollen. Doch müsse man der Zeit Rechnung tragen, und es ihr überlassen, die Gegensätze auszngleicben. Dem Rabbinat falle es gar nicht ein, die bestehende Agende beseitigen zu zu wollen. Dr. Eschelbacher selbst habe die ausdrückliche und bemerkenswerihe Erklärung abgegeben, daß es für ihn keinen prinzipiellen Unterschied mache, ob ein oder zwei Gebete deutsch oder hebräisch gesagt würden; skr ihn sei die Auslassung mehrerer Gebete, hauptsächlich des Uno lorHon wesentlich, und dies mache ihm unmöglich, an den, jetzigen JugendgottesdienstTheil zu nehmen. Herr Löwenberg will das gleiche Recht, mit den, Frankel und Ungerleider die Agende eilige-