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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-20 · Heft 51 (20.12.1901) · p. Seite 610

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 51 (20.12.1901)
Date
1901-12-20
Page
Seite 610 (sequence 12)
Language
German
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610 Uneigennützigkeit zu bewundern. Du ich die Vormundschaft über Fanny übernommen habe, führt uns diese Pflicht öfter vertraulich zusammen, und das hat viel dazu beigetragen, daß sich meine Meinung über das Judenthum geändert hat. Frida, das Kind meines Herzens, kann nur durch die herrlichen Eigenschaften ihrer jüdischen Freundin gehoben werden; leider werden die Kinder durch den verschiedenen Glauben nur allzufrüh getrennt werden!" Kurt hat das Examen als Leutnant der Garde mit Lob absolvirt, und der 21jährige junge Mann hatte die seit frühester Zeit in ihn gesetzten Hoffnungen durchaus erfüllt. Frida und Fanny waren indes zn blühenden Jungfrauen herangereift, körperlich und geistig voll entwickelt und boten ein entzückendes Bild lieblicher Jngendfrische. Fanny war überdies musikalisch sehr begabt und wurde von den ersten Meistern ausgebildet; sie sang bezaubernd schön. Wie das nun so zu geschehen pflegt, verliebte sich Kurt leidenschaftlich in die schöne Jüdin, aber auch andere hohe Aristokraten, die bei Geheimraths verkehrten, wie z. B. Graf Solms, ein Kamerad Kurts, verfolgten Fanny mit entzückten Blicken und waren eifrig bemüht, ihr zu gefallen. Er sprach mit Begeisterung von den Reizen dieser jungen anfblühenden Schönheit und flüsterte einmal hingerissen: „Schade, daß sie Jüdin ist, sie muß sich tansen lassen; dann, ich schwöre es, liegt ihr das ganze Regiment zu Füßen." Graf Solms bot ihr schließlich seine Hand und eine Grafenkrone a», wenn sie den Glauben ihrer Väter verließe; sie wies jedoch sein Ansinnen mit Entschiedenheit zurück, indem sie Kurt gegenüber bemerkte: „Und böte er mir eine Fürstenkrvne, so würde ich sie dennoch von mir weisen. Der Gedanke an Ehe- und Liebesglück liegt meiner Seele so fern wie dem Blinden das Tageslicht. Ich bleibe unvermühlt, mein Herz wird in sich selbst verdorren, es ist der Liebe verschlossen, mir blüht hienieden nicht die Blume der Liebe." „Warum aber, Fanny," erwiderte Kurt, „willst Du einsam dnrch's Leben gehen, was hindert Dich, zu unserer Gemeinde überzutreten? Werde Christin, geliebte Fanny, dann wird alles gut, vergiß ihn, ich beschwöre Dich, vergiß den Kindesschwur!" „Nicht des Kindesschwnrs gedenke ich, aber ich verlasse mein Volk im Unglück nicht, ich bleibe ihm treu, dem verachteten, unglücklichen Stamm meiner Väter, so wahr mir Gott beistehe in meinem Kampse." Begeistert blickte sie zum Himmel empor und faltete sromm die Hände. Kurt überrieselte es heiß, und vom Augenblick übermannt, umschlang er die holde Gestalt und stammelte: „Fanny, geliebtes Mädchen, sei mein, nimm unser» Glauben an, dann trage ich Dich durch s Leben als mein geliebtes, angebetetes Weib. Sieh, Kind, ich liebe Dich unbewußt, so lange ich Dich kenne. Zuerst wußte ich nicht, war's Liebe oder Haß. was mich so mächtig zu Dir hinzog, jetzt aber fühle ich klar, daß ich Dich über alles liebe!" Fanny sog mit Entzücken die Worte von seinen Lippen, schüttelte aber traurig das Köpfchen: „Nein Kurt, es kann, es darf nicht sein; ich liebe Dich mit einer Gluth, wie selten ein Mädchen geliebt hat. Laß die Jüdin ruhig ziehen, sie folgt ihrem Geschick, denke mein zuweilen, ich bleibe Dir treu, bis der Tod mir die Angen schließt." Sie weinte leise und lehnte vertrauend ihren Kopf an seine Schulter, der ihre Hände mit leidenschaftlichen Küssen bedeckte. Es war ein erschütternder Moment: sie hatten sich kaum gefunden und mußten sich trennen, und dennoch war es so schwer, so furchtbar schwer, die Liebe zu unterdrücken! Ein berauschendes Glück und ein grenzenloses Elend. Und so kam es. Fanny blieb dem Glauben ihrer Väter treu und opferte lieber ihre Liebe, ihr Glück, ehe sie sich von Denen, die unter der Fessel ungerechter Vorurtheile schmachteten, abwandte. Wohl liebte sie Kurt mit der ganzen Gluth ihres leideuschaftlichen Temperaments, aber sie sagte sich ganz einfach: er ist ein Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle, es ist wahr, er liebt mich jetzt, aber es werden vielleicht Zeiten und Stunden kommen, wo er es bereuen könnte, das würde uns Beide unglücklich machen, und es ist besser, es bleibt so, wie es ist. Ich fülle mein liebeleeres Leben aus, indem ich mich ganz und voll der Krankenpflege widme, und Kurt wird mit der Zeit die Ruhe seines Herzens wiederfinden. Alles Zureden half nichts; ihr einmal gefaßter Entschluß, Krankenpflegerin zu werden, war unerschütterlich. Sie zögerte nun nicht länger und begann ihre Lehrzeit als Diakonissin in der bedeutendsten Anstalt Berlins. Von warmen Segens- Wünschen begleitet, verließ sie das Haus, in dem sie viele Jahre hindurch eine glückliche Heimath gefunden. Auch in der unkleidsamen Tracht der Pflegerinnen trat die Nnmuth ihrer Erscheinung zu Tage; die Lebhastigkeit, die ihr früher eigen war, war einem sanften Ernst gewichen, still ging sie umher, das lockige Haar unter einem Häubchen verborgen, wie es die Sitte der Anstalt heischte. Sie wurde bald ein Liebling des Instituts, und Jedermann wünschte von Schwester Fanny gepflegt zu werden. Keine der Schwestern zeigte so viel Geduld mit den Leidenden wie sie. Nachdem ihr Probejahr in der Anstalt verstrichen war nnd sie ihr Examen mit großem Erfolge absolvirt hatte, nahm sie eine feste Anstellung im jüdischen Krankenhause an; doch wies sie jedes Honorar znrück, schritt im Gegentheil noch helfend ein. War sie aber glücklich in der Ausübung ihres gefahrvollen Berufes? In einem gewissen Sinne ja, der Friede auf ihrem Gesicht zeugte davon, nnd man hatte nicht den Eindruck, als wäre sie das Opfer eines seelischen Zwiespalts geworden. Nur einmal kehrte sie ans kurze Zeit in das Haus des Geheimraths zurück, als sich nämlich ihre Herzensfreundin Frida mit dem Grafeil Solms vermählte. Sie schmückte die holde Braut und flocht ihr den Myrthenkranz, wie sie einst versprochen. Zur Feier des Tages hatte sie die Tracht der Krankenpflegerinnen abgelegt nnd ein weißes Kleid angezogen, welche Farbe sich von ihrem dunklen Kolorit reizvoll abhob. Nach beendeter Hochzeitstafel wurde Fanny bestürmt, doch ein Lied zu singen, und sie wählte folgendes: Es ist bestimmt in Gottes Rath, Daß man vom Liebste», was man hat, Must scheide». Wie eine Muse des Gesanges stand sie da, ergriffen lauschten die Anwesenden und eine lautlose Stille herrschte. Da näherte Kurt sich ihr leise und küßte verehrend und andachtsvoll ihre Hand, das war ihr die liebste Anerkennung. Inzwischen war das Jahr 1870, das Jahr des Schreckens und der Triumphe, herangekommen und Fanny war die erste, die bereitwillig ihre Kräfte in den Dienst des Vaterlandes stellte. Kurt und Graf Solms waren ohne Säumen zum > blutigen Kampse bereit nnd Beide zogen hinaus in den un-

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