Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-12-20 · Heft 51 (20.12.1901) · p. Seite 609

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 51 (20.12.1901)
Date
1901-12-20
Page
Seite 609 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228419-3228471--58209-3294640
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

609 deren rosige Wangen mit den Blumen, die den Frühling verkündeten, getrost wetteifern könnten.. Sie hatten Beide ein anheimelndes Plätzchen entdeckt und pflegten dort, sich vergnügt umschauend, der Ruhe; da nahte sich ihnen ein kleines Mädchen, in dessen Erscheinung trotz der ärmlichen Kleidung etwas unbeschreiblich Malerisches lag. das den Beschauer mächtig fesselte. Ihr braunes Gesichtchen, von dunklen, krausen Löckchen umgeben, in dem zwei große, schwarze, sprechende Augen lagen war reizend, und ihre Stimme klang seltsam weich, als sie schüchtern stammelte: „O bitte, kauft guter Herr und gutes Fräulein, kaust ans Barmherzigkeit für meinen Großvater, der krank und elend ist und jämmerlich verschmachtet, wenn ihm nicht Hilfe kommt." Dabei hob sie ein Körbchen mit werthlosen Gegenständen empor, und ihre wunderbaren Augen füllten sich mit Thränen, die wie Perlen auf den üppigen Rasen fielen. „Wie heißest Du, Kind?" fragte der Geheimrath. „Ans jüdisch heiß' ich Feindelchen, aus christlich nennt man mich Fanny." „Du bist also ein Judenkind, nicht so. Kleine?" „Ja, Herr, ich kann's nicht leugnen." „Ist alles wahr, was Du sprichst?" ging das Examen weiter. „Ich schwöre es bei Gott, guter Herr, glaubt es mir, ich lüge nicht, der Großvater liegt krank in einer elenden Kammer, und stirbt er, bin ich eine Waise, denn ich habe sonst Niemand auf der Welt. Doch Herr," und fromm faltete sie die Händchen, „Gott schützt die Verlassenen, er erfrischt selbst die Lilien ans dem Felde." „Wie alt bist Du, mein Kind?" „Zehn Jahre zähle ich, Herr?" Frida, das Töchterchen des Geheimraths, sprang jetzt empor, eilte zu der Kleinen und ries weinend: „Ach Papa, guter Papa, Du wirst helfen, nicht wahr? Gieb sie mir doch als Schwesterchen, bitte, bitte; spricht sie nicht wie ein Gedicht? Es klingt so schön!" Herr v. Gleim konnte anfänglich ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken; er, als hoher Beamter, sollte ein Judenkind adoptiren?! Aber die flehentliche Bitte seines Kindes ging ihm zu Herzen, und er versprach, Erkundigungen einzuziehen und danach zu forschen, ob die von dem Mädchen gemachten Angaben auf Wahrheit beruhten. Dies geschah auch; der Geheimrath begab sich selbst in die Hütte der Aermsten, wo sich ein Bild von bitterster Armnth zeigte. Er sah einen im Todeskampf ringenden Greis ans harte», Lager wimmernd liegen nnd seine kleine Enkelin Fanny angstvoll an seiner Seite knieen. Das Schauspiel, das sich ihm darbot, war auch sonst von erschütternder Wirkung, denn er bemerkte, wie der Greis, sich ängstlich umschanend, zu dem Kinde flüsterte: „Wiederhole, was mein sterbender Mund anssprechen wird: Ich, Fanny Baruch, gelobe und schwöre bei dem Gott unsrer Väter, daß ich nimmermehr dem Jndenthum abtrünnig werden will, bis dereinst mein Auge bricht und der Herr mich aufnimmt in sein himmlisches Reich." Fanny wiederholte gehorsam, mit zitternder Stimme den verhängnißpollen Schwur, dessen Sinn sie freilich noch nicht begriff. Der Alte wurde zu seinen Vätern versammelt, und der Rabbiner und der Geheimrath, denen gewissermaßen von der Vorsehung die Vormundschaft über die Kleine anvertraut war, heriethen darüber, was nun mit der Waise geschehen solle. Nach schweren inneren Kämpfen entschloß sich dann Herr v. Gleim, der sein Kind über alles liebte, den inständigen Bitten Fridas nachzugeben und Fanny als ihre Gespielin in sein Haus aufzunehmen. Die beiden Kinder liebten sich innig, und wenn auch der Geheimrath noch manche alte, fest gewnrzelte Vorurtheile zu bekämpfen hatte, nnd ihm der intime Verkehr der jungen Jüdin mit seinen, Töchterchen durchaus nicht passend schien, so war er doch im Grunde genommen gerecht. So wuchs denn das Jndenmädchen im Hause des Geheimraths zur herrlichen Jungfrau heran, nnd alle Welt war sowohl von ihrer Schönheit, ihrer Anmuth, ihrer echte» Weiblichkeit, wie auch von ihren geistigen und künstlerischen Talenten bezaubert. Das blonde Töchterchen des hohen Beamten wurde durch die berückende Schönheit seiner Pflegetochter noch gehoben, nicht verdunkelt, nnd blickte er auf die beiden Mädchen, dann verbannte er den Gedanken, daß eine Trennung auf kurz oder lang nicht vermieden werden könne, weil die Nvthwendigkeit es gebot, denn ein Judenkind, in seinem christlichen Hause erziehen, das durste man der Welt gegenüber doch nicht thun. Die Befangenheit, die Fanny i» den ersten Jahren umgab, war dank der Fürsorge ihrer Freundin von ihr gewichen; sie bewegte sich in den eleganten Räumen des Geheimraths wie eine kleine Königin. Wohl schweiften ihre Gedanken vstmals nach der trüben Vergangenheit zurück — sie sah dann lebhaft im Geiste das Schmerzenslager des Großvaters, ans dem sein Haupt geruht, sie hörte seine letzten Ermahnungen, den Schwur, den ihre zitternden Lippen andächtig nachgestammelt, ohne recht seine Bedeutung zn wissen, aber in ihrem Herzen Prüfte sie die Wichtigkeit, die Tragweite ihrer i Aussagen. Aber obgleich ihr Verstand noch nicht vollständig! gereift war, wußte sie doch, daß dieser Schwur sie auf ewig an ihren Stamm kette. Herr v. Gleim hatte auch einen jungen Sohn Namens Kurt, der sich der militärischen Laufbahn gemidmet hatte. Der junge Herr war natürlich in den Vorurtheilen seines Standes befangen, und als er von der Kadettenanstalt nach Hause zurückkehrte nnd Fanny znm ersten Mal sah, konnte er nicht umhin, seinem Vater darüber Vorstellungen zu machen, daß er die Jüdin in sein Hans genommen. Er fragte ihn, ob er auch bedacht habe, ob der tägliche intime Verkehr mit Fanny für Frida gut und geeignet sei. Der Vater hörte seinen jungen Sohn ruhig an und erwiderte ernst: „Ich will's nicht leugnen. Kurt, auch in meiner Seele erhoben sich derartige Gedanken, ehe ich mich entschloß, der Waise eine Heimath zu biete», doch siegte die Anmuth des Kindes über meine Vorurtheile. Was kann das unschuldige Kind dafür, wenn der Stamm ihrer Vorväter nicht ohne Schwächen war; sind sie doch grvßtentheils durch Hochmnth nnd Erhebung von unserer Seite entstanden. Lies nur mit Aufmerksamkeit die Geschichte der Vorzeit; es hat auch edle, großdenkende Juden gegeben: Begabung wird Niemand den Juden abstreiten, sie sind klug und werde», hoffe ich, auch mit der Zeit die Fehler ihrer Rasse abstreifen, und an uns Christen liegt es, ihnen dabei zu helfen, damit diese ungerechten Vorurtheile immer mehr und mehr schwinden. Ich habe in letzter Zeit viel und oft darüber nachgedacht, ich lernte in dem Rabbiner der jüdischen Gemeinde einen durchaus liberalen und scharfsinnigen Mann kennen nnd hatte vielfach Gelegenheit, seine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.